Doping

Hammerwurf-Olympiasieger Annus verliert Gold

Test verweigert, Gold weg: Adrian Annus

Test verweigert, Gold weg: Adrian Annus

29. August 2004 Vier Stunden vor der Schlußfeier der Athen-Spiele hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) ein Exempel statuiert und dem ungarischen Hammerwurf-Olympiasieger Adrien Annus seine Goldmedaille aberkannt.

Als Grund gab am Sonntag ein IOC-Exekutivmitglied die Verweigerung einer Doping-Kontrolle an. Es war der dritte Olympiasieger, der in Athen über ein Doping-Vergehen gestolpert ist. Insgesamt wurden in Griechenland 23 Fälle aufgedeckt, so viele wie noch nie.

Nachprobe verweigert, Anhörung geschwänzt

Dabei ist der Fall Annus einmalig in der Sportgeschichte. Der 31jährige war nach IOC-Angaben vor und nach seinem Sieg am 22. August zwei Mal negativ getestet worden. Bei der Analyse dieser zwei Proben wurde jedoch der Verdacht genährt, daß der von ihm abgegebene Urin nicht nur von ihm sondern von „zwei verschiedenen Athleten“ stammen müsse, hieß es in der IOC-Urteilsbegründung.

Deshalb schickte das IOC seinen Tester zu einer dritten Probeentnahme nach Ungarn. Der dorthin zurückgereiste Annus verweigerte allerdings am Freitag diese Nachprobe. Das IOC hat angesichts dieses Doppel-Vergehens weitere Untersuchungen angekündigt. Belangt werden kann Annus aber nur noch symbolisch: Er hat bereits den Rücktritt vom Leistungssport erklärt.

Nach der Disqualifikation des Magyaren erhält der Japaner Koji Murofushi die Goldmedaille. Silber geht an Iwan Tichon (Weißrußland) vor Esref Apak (Türkei). Karsten Kobs aus Leverkusen rückt auf den achten Rang vor.

„Der Sumpf ist noch viel tiefer und größer

Die Doping-Bilanz der Athen-Spiele ist eine des Schreckens und der Hoffnung. 13 Sportbetrüger wurden nachträglich aus den Ergebnislisten gestrichen, darunter insgesamt sechs Medaillengewinner. Dazu zählte am Ende auch noch die kolumbianische Radfahrerin Maria-Luisa Valle Williamson, vorbehaltlich der Bestätigung durch die B-Kontrolle, die auf ein Stimulanzmittel getestet wurde und Bronze wohl auch wieder zurückgeben muß.

Schon vor ihrem Start erhielten mehr als ein Dutzend Athleten die „Rote Karte“ und durften nach positiven Tests erst gar nicht nach Athen reisen. „Es waren die besten Anti-Doping-Spiele, die es jemals gab“, resümierte Helmut Digel, Vizepräsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, warnte aber vor übertriebener Zuversicht: „Der Sumpf ist noch viel tiefer und größer.“

Sodom und Gomorrha im Gewichtheben

Über das, was vor allem in der Leichtathletik und im Gewichtheben an Lug und Trug ans Tageslicht kam, konnte sich nur Hades, der Gott der finsteren Unterwelt, freuen. Die Russin Irina Korschanenko (Kugelstoßen) ging sogar gedopt im Heiligen Hain von Olympia an den
Start. Der Ungar Robert Fazekas (Diskuswerfen), ein Trainingspartner von Annus, verweigerte nach seinem Erfolg eine Kontrolle und steht ebenso unter Verdacht, daß er mit Fremdurin manipulieren wollte. Beiden wurde vom IOC, das mit rund 3.500 Tests das umfangreichste Kontroll-Programm seiner Geschichte aufgelegt hatte, die Goldmedaille aberkannt.

Sodom und Gomorrha herrschte zeitweise auch im Gewichtheben, in dem elf Sünder entlarvt wurden, darunter mit Ferenc Gyurkovics ein weiterer Ungar und der Grieche Leonides Sabanis, die nachträglich Silber und Bronze verloren. „Ich bin sehr unglücklich über die Betrügereien, aber ich bin sicher, daß unsere Zugehörigkeit zum olympischen Programm nicht in Frage steht“, sagte Tamas Ajan, Präsident des Gewichtheber-Weltverbandes IWF.

Kriminelle Energie immens

„Mein Traum ist, dass wir den Kampf weiterführen und irgendwann keine positiven Fälle mehr haben“, sagte IOC-Präsident Jacques Rogge am Schlußtag. Allerdings macht er sich keine Illusionen: „Wenn 10.500 Athleten teilnehmen, sind nicht nur Lämmer, sondern auch schwarze Schafe dabei.“ Deshalb werde die „Null-Toleranz-Politik“ fortgesetzt.

Dies ist mehr als notwendig, da mit den bis zum Schlußtag aufgedeckten 23 Doping-Fällen ein bedenklicher „Weltrekord“ aufgestellt wurde. Vier Jahre zuvor in Sydney wurden 11, in Atlanta 1996 und in Barcelona 1992 jeweils zwei Sünder ertappt. Die kriminelle Energie, mit denen Sportler für Ruhm und Reichtum zu illegalen Mitteln und Methoden greifen oder sie zu vertuschen versuchen, ist immens. „In Teilen war es schon erschreckend, was da zutage trat“, berichtete Thomas Bach, der als Vorsitzender der Disziplinarkommission des IOC über alle Fälle zu urteilen hatte und viel Zeit „im Schattenreich des Sports“ verbrachte. „Man würde moralisch manchmal gerne weitergehen, als juristisch erlaubt ist.“

„Noch immer dieselben Funktionäre am Ruder“

An Grenzen ist das IOC zum Entsetzen der Olympia-Gastgeber im Skandal um die griechischen Sprinter Kostas Kenteris und Ekaterini Thanou gestoßen. Die schon seit 1997 unter Doping-Verdacht stehenden Sportler versäumten im Athletendorf von Athen eine angeordnete Kontrolle, entzogen sich durch einen mysteriösen Motorradunfall weiteren Nachforschungen und kamen ihrem Olympia-Ausschluß mit einem Start-Verzicht zuvor. Nun muß die IAAF die dem IOC Entflohenen einzufangen versuchen.

„Was das IOC hier geleistet hat, gehört für mich zum Beachtlichsten der Spiele“, zollte Rüdiger Nickel, Leistungssportchef des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), dem resoluten Durchgreifen Respekt. Ein ähnliches Vorgehen wünschte er sich auch von anderen Sportföderationen: „Dies ist zugleich auch eine Ohrfeige für manchen internationalen Verband.“ Daß dieser Knall auch ein Echo hat, bezweifelt der Heidelberger Doping-Experte Werner Franke vehement: „Es sind ja noch immer dieselben Funktionäre am Ruder wie zu den wildesten Doping-Zeiten.“

Text: FAZ.NET mit Material von dpa
Bildmaterial: DPA

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