12. September 2006 Mehr, mehr, mehr - nach diesem Prinzip funktioniert die von Jahr zu Jahr heller glitzernde Champions League. Hier funkeln die Stars der berühmtesten Klubs mit Megaleuchtkraft um die Wette, doch selbst in diesem exklusiven Zirkel der reichsten oder verschwenderischsten Größen des europäischen Vereinsfußballs kann es noch Eindringlinge geben. Wer hätte etwa gedacht, daß die Spieler des FC Porto 2004 den mächtigen Meisterpokal in die Luft stemmen würden, wer hätte auf den FC Liverpool als Königsklassenbesten 2005 getippt? Auch im elitären Kreis der Fußball-Spitzenverdiener hat also der Außenseiter aus dem gehobenen Mittelstand des Fußball-Establishments seine Chance. Ein Trost.
Man darf sich nur nicht kleiner machen, als man ist. Hört und sieht man auf die drei deutschen Klubs, die an diesem Dienstag und Mittwoch (Siehe auch: FAZ.NET-Liveticker) aufs neue den exklusiven Abenteuerspielplatz Champions League betreten, verbindet sich der höchste eigene Anspruch umstandslos mit einer Demut, die daheim nie zu hören ist von den Münchner Bayern, von Werder Bremen und vom Hamburger SV.
2008 droht der Verlust des dritten Startplatzes
"Jetzt sind wir Pirmasens", sagte etwa der sonst so forsche Ivan Klasnic vor dem Abflug der Bremer gen London, wo es an diesem Dienstag gegen den FC Chelsea geht, einen der Favoriten auf die am 23. Mai 2007 im Athener Endspiel ausgespielte Trophäe. Wer als gebranntes Kind von einer Landpartie im DFB-Pokal zurückkehrt und gleich danach in der Beletage des internationalen Vereinsfußballs mitkicken darf, neigt vielleicht zu einem Übermaß an Bescheidenheit.
Die Zeiten haben sich geändert, die allererste Klasse verkörpern in Europa derzeit jene Klubs, die entweder über lukrative Fernseh-Einzelvermarktungsverträge Geld im Überfluß haben oder sich über die Millionen eines Vereinsmäzens wie Roman Abramowitsch (FC Chelsea) zur Fünfsterne-de-luxe-Klasse zählen. Die Bayern, in der Bundesliga aufgrund ihrer chronischen Erfolge gut, aber nicht exklusiv zentral vermarktet, zahlen seit einigen Jahren jenseits von Deutschland den Preis für ihre nationale Solidarität mit überschaubaren Topzuschlägen.
Ob die Verhältnisse bei einer allseits verbindlichen Zentralvermarktung der nationalen Ligen ausgeglichener wären, ob ein Lizenzierungsverfahren der Europäischen Fußball-Union (Uefa) die internationale Gesellschaft der Prasser und Geldvernichter auf Kosten anderer zur Räson brächte? Fürs erste sehen die deutschen Spitzenklubs auf die Fünfjahreswertung der Uefa und entdecken mit Schrecken, daß ihnen 2008 bei chronischem Mißerfolg auf der europäischen Bühne auch noch der Verlust des dritten Startplatzes in der Champions League blühen könnte. Der deutsche Fußball-Aufschwung findet derweil in einem anderen Theater statt: im Konzert der Nationalmannschaften, wo der WM-Dritte seine europäischen Titelansprüche frei von falscher Bescheidenheit offen und glaubwürdig formuliert.
Text: F.A.Z., 12.09.2006, Nr. 212 / Seite 30
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