11. Februar 2007 Mit einer brutalen Straßenschlacht in Leipzig hat der ostdeutsche Fußball am Samstag wieder für negative Schlagzeilen gesorgt. Nach dem Spiel des 1. FC Lokomotive Leipzig gegen den FC Erzgebirge Aue II im Viertelfinale des sächsischen Fußball-Landespokals lieferten sich Leipziger Hooligans Jagdszenen mit der Polizei.
Rund 800 Randalierer griffen nach Behördenangaben 300 Beamte an. Dabei seien 36 Polizisten und sechs Zivilisten verletzt worden. Sachsens Innenminister Albrecht Buttolo (CDU) forderte am Sonntag angesichts der wiederholten Ausschreitungen deutlichere Signale“. Er werde mit der Polizei und den Ministerien für Justiz, Sport und Soziales erörtern, was die Politik gegen die Gewalt tun könne. Das Problem habe nunmehr eine neue Qualität bekommen. Mir reicht es nicht, wenn sich die Verantwortlichen der Vereine jedes Mal nach solchen Ereignissen lediglich distanzieren. Ich werde keine italienischen Verhältnisse in und um die sächsischen Stadien zulassen.“
Vorstand denkt an Rücktritt
Der Vorstand und Aufsichtsrat des sechstklassigen Bezirksligaklubs Lok Leipzig verurteilten am Sonntag die Vorkommnisse ebenfalls scharf. In einer Pressemitteilung hieß es, der Verein wird die Behörden bei der Suche nach den Schuldigen in vollem Umfang unterstützen, damit diese zur Rechenschaft gezogen werden können“.
Zudem denken Vorstand und Aufsichtsrat nach den in Deutschland bisher bei Fußballspielen kaum gekannten Gewalttaten über mögliche Konsequenzen“ bezüglich ihrer Ämter nach.
Minister in Sorge
Kurz nach Ende des Spiels, das mit einem 3:0-Sieg für Aue endete, hatten Hooligans aus dem Umfeld des Leipziger Traditionsvereins die Polizisten attackiert. Sie bewarfen die Beamten mit Steinen und Betonteilen. Die Einsatzkräfte setzten sich zunächst mit Schlagstöcken und Pfefferspray zur Wehr. Ein Zivilpolizist gab unter Bedrängnis einen Warnschuss ab, als er von zwanzig Hooligans verfolgt und zu Boden geworfen wurde. Kollegen konnten ihn in Sicherheit bringen.
Zwei Unbekannte rissen unter anderem die Tür eines Polizeiautos auf, ein darin sitzender Beamter wurde mit einer Schreckschusspistole beschossen. Er fürchtete um sein Leben. Selbst Kollegen, die öfter bei Auseinandersetzungen dabei gewesen sind, sprechen von einer Form von Gewalt, die ihnen bisher nicht bekannt war“, sagte Polizeirat Mario Luda.
Hoher Sachschaden
Auch Pferde und Hunde waren Ziel der Attacken und hätten Verletzungen erlitten, hieß es bei der Polizei. An 21 Polizeiautos entstand Sachschaden in noch unbekannter Höhe. Zudem wurden Scheiben an zahlreichen Gebäuden mit einem Gesamtschaden von etwa 12.000 Euro zerstört. Fünf mutmaßliche Gewalttäter wurde über Nacht in Gewahrsam genommen. Die Leipziger Staatsanwaltschaft ermittelt unter anderem wegen Landfriedensbruch. Sie sah aber davon ab, beim Amtsgericht Haftbefehle zu beantragen. Die Verdächtigen wurden am Sonntag nach Polizeiangaben wieder nach Hause gelassen.
Schon während der Begegnung im maroden Bruno-Plache-Stadion, früher Heimstätte des inzwischen insolventen ehemaligen Bundesligaklubs VfB Leipzig, hatten Anhänger beider Mannschaften Feuerwerkskörper gezündet und sich gegenseitig beschimpft. Der Schiedsrichter musste die Partie zwei Mal unterbrechen. Zu der Partie waren 350 Anhänger aus Aue und 5000 Leipziger Fans ins Bruno-Plache- Stadion gekommen.
Düstere Vorgeschichte
Erst vor einigen Monaten war es bei einem Auswärtsspiel des Leipziger Traditionsklubs in Wurzen zu schweren Ausschreitungen gekommen. Zudem hatten sich Lok-Anhänger bei einem Heimspiel so gestellt, dass sie ein Hakenkreuz auf der Tribüne bildeten. Welche Konsequenzen die Ausschreitungen vom Samstag für den ehemaligen Finalisten des Europacups der Pokalsieger (1987) haben, ist noch offen. Nach der Insolvenz des Vorgängervereins VfB Leipzig in der Saison 2003/2004 mussten die Leipziger anschließend in der untersten Klasse neu beginnen. Nach Aufstiegen und einer Fusion spielen die Sachsen mittlerweile in der Bezirksliga und peilen den Aufstieg in die Landesliga an.
Auf Krawallen sowie rassistische und fremdenfeindliche Übergriffe im vergangenen Herbst hatte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) unter anderem mit der Einrichtung einer Task Force reagiert. Anlass waren unter anderem die Ausschreitungen am Rande der Regionalligapartie zwischen Hertha BSC Berlin II und dem 1. FC Dynamo Dresden. Die Task Force soll jeder als Zeichen unseres wirklich kompromisslosen Engagements gegen Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus werten“, sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger noch am Tag vor den Krawallen in Leipzig. Wir dürfen den Fußball nicht den Rattenfängern überlassen, weder im Westen noch im Osten Deutschlands.“
Text: F.A.Z. mit Material von dpa und sid.
Bildmaterial: dpa