Von Gerd Schneider
20. September 2007 Ein Tag ohne Fußball ist ein verlorener Tag“, befand einst der legendäre österreichische Trainer Ernst Happel. Und an sich können sich seine Landsleute ja für diesen Sport erwärmen, man denke nur an die Ekstase, die ein simpler 3:2-Sieg bei der WM 1978 – nun gut, gegen uns – produziert hat. Das Problem ist nur, dass beim Fußball immer zwei Mannschaften auf dem Platz stehen, was schon der französische Existentialist Jean-Paul Sartre erkannt hat: Bei einem Fußballspiel verkompliziert sich alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft.“
Im Fall der Österreicher verkompliziert es sich sogar sehr. Denn gegen wen ihre Nationalmannschaft in diesem Jahr auch antrat, fast immer blieb das Gefühl zurück, das Land sei fußballerisch auf die Bedeutung von West-Samoa geschrumpft. Ob Malta (1:1), Ghana (1:1), Schottland (0:1), Paraguay (0:0), Japan (0:0) oder Chile (0:2), aus keinem dieser Spiele gingen die Österreicher als Sieger hervor. Tu quälix Austria!
Guten Nachbarn hilft man gerne
Die Not ist groß. Eigentlich wollten die Österreicher es den Deutschen gleichtun und bei ihrer Europameisterschaft im nächsten Jahr ein Sommermärchen erleben. Doch langsam schwant ihnen, dass die Zeit zu knapp ist, als dass ihr Traum wahr werden könnte. Jetzt schlägt die Stimmung um: in Spott, Aggression, Defätismus und – Masochismus. So ging am Mittwoch in Innsbruck eine Initiative an die Öffentlichkeit, die sich Österreich zeigt Rückgrat“ nennt. Sie fordert einen Verzicht der österreichischen Nationalelf auf die EM-Teilnahme, also eine Ösi-freie Euro, volkstümlich ausgedrückt.
Für diese Petition wollen die Initiatoren um Michael Kriess, den Sohn eines früheren Nationalspielers, via Internet (www.rueckgrat.cc) über eine Million Unterschriften sammeln. Ein Ziel, das realistischer erscheint als ein gutes Abschneiden der Österreicher bei der EM. Man kann sich vorstellen, dass es in Deutschland genug Fußballanhänger gibt, die die Initiative unterstützen; guten Nachbarn hilft man immer gerne.
0:1 gegen die Färöer
Eine andere Frage ist, ob sie bereit sind, den österreichischen Petitoren in die Tiefen des Ästhetizismus zu folgen. Denn die begründen ihre Forderung nach dem EM-Verzicht mit einem Passus in ihrer Nationalhymne, wo es heißt: Volk, begnadet für das Schöne“. Als eine dem Schönen verpflichtete Kulturnation könne man die Auftritte der Nationalmannschaft nicht länger hinnehmen, denn: Sie verletzt unser ästhetisches Empfinden und unseren Anspruch an den Sport.“
Nur: Was daran ist neu? Wenn wir uns recht erinnern, sind die österreichischen Fußballer auch in der Vergangenheit auf dem Platz nur selten als Verfechter der reinen Ästhetik aufgefallen. Unvergessen die 0:1-Niederlage gegen die Färöer, die Austria die Teilnahme an der EM 1992 kostete; oder 1999, ebenfalls in der EM-Qualifikation, das 0:9 gegen Spanien. Also, liebe Nachbarn, haltet durch, ertragt das Leid und denkt an eure Nationalhymne: Hast seit frühen Ahnentagen / hoher Sendung Last getragen, / vielgeprüftes Österreich.“
Text: F.A.Z.
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