Tennis-Tagebuch

Wenn die Nerven Tango tanzen

Von Andrea Petkovic

04. November 2006 Nach den bislang gefeierten Erfolgen, dem ersten Turniersieg bei einem 25.000-Dollar-Turnier in Bulgarien und der Erfahrung, in Stuttgart beim Porsche-Grand-Prix mitspielen zu dürfen, waren die Erwartungen an mich natürlich gestiegen. Sie entsprangen jedoch allem voran meiner Selbst und waren dementsprechend am wenigsten zu bändigen.

Der selbst aufgebaute Erfolgsdruck, der schnellere Belag „Hardcourt“ und eine kleine, aber feine Blasenentzündung taten ihr Übriges, um mich erstmals im Laufe meiner noch jungen Karriere als Tennisprofi in eine Krise zu stürzen. Nach frühen Niederlagen auf zwei Turnieren in England – beim ersten Turnier war in der zweiten Runde, beim nächsten im Viertelfinale Schluß – schlichen sich langsam, aber heimtückisch Zweifel heran, Zweifel an der Wahl meines Berufsweges, Zweifel an mir selbst, Zweifel an meinen bisherigen Erfolgen. Könnte alles nur Zufall und Glück gewesen sein?

Alles ging gründlich schief

Anstatt, wie von meinem Trainer empfohlen, nun lieber zu trainieren, wußte ich es selbstverständlich besser und flog in die Türkei zu einem weiteren Turnier, dem nun dritten in Serie, um die schwache Leistung in England wieder gutzumachen. Natürlich lief alles gründlich schief: Die Auslosung ließ zu wünschen übrig, meine Form sowieso, und als ob das nicht schon gereicht hätte, setzte ich mich auch noch einem enormen Druck aus, der im Nachhinein gänzlich überflüssig war. Ich flog hochkant 1:6, 3:6 aus dem Rennen und war nach zwei Tagen Istanbul schon wieder zu Hause; im Gepäck die stinkende Wäsche einer drei wöchigen Turnierreise und eine gehörige Portion Enttäuschung.

Wie ein Zeichen von oben landete da eine email des Weltverbandes WTA im Computer, die besagte, daß ich für das Erreichen des Finals in Alphen aan den Rijn mit einer Wildcard für die Qualifikation für das mit 175.000 Dollar dotierte WTA-Turnier in Hasselt, Belgien, belohnt werden sollte.

Irrfahrt durch Belgien

Ich machte mich also mit meinen Tennissachen, einer weiteren Tasche, die nur Sachen für zwei Tage beherbergte, und meinem Opel Corsa auf den Weg von Köln nach Hasselt. Zeitig, wie ich dachte, eingeplant waren höchstens eineinhalb Stunden für den Weg. Wie von einer tennisspielenden Frau nicht anders zu erwarten, verhedderte ich mich gründlich, fuhr eine Stunde in die falsche Richtung, mußte die Stunde wieder zurück, fuhr bei der erstbesten Ampel dem einzigen deutschen Fahrzeug in ganz Belgien aufs Hinterteil und war daraufhin so verwirrt, daß ich nicht mehr sagen konnte, ob ich mich gerade in Holland oder Belgien befinde. Ende vom Lied: Ich fuhr geschlagene vier Stunden durch ganz Belgien, um dann bei der Auslosung des Qualifikationsfeldes die topgesetzte Italienerin Maria Elena Camerin zu ziehen, die auf Rang 54 der Weltrangliste geführt wird. Es konnte nicht schlimmer kommen, dachte ich, aber doch, es konnte. Am nächsten Tag erschien meine verabredete Partnerin nicht zum Einspielen, ich mußte ohne Vorbereitung auf den Platz.

Vermutlich läßt sich mein Sieg am Ende mit all den kleinen, mißglückten Dingen erklären, denn so hatte ich gar nicht die Zeit, mir irgendwelchen Druck aufzuerlegen. Als mir im entscheidenden dritten Durchgang beim Stande von 5:5 das erste Break dieses Satzes gelang, dachte sich meine Nase aber, daß es so leicht nun auch wieder nicht gehen könnte; sie fing an zu bluten und wollte gar nicht mehr aufhören. Nun gibt es im Tennis die Regel, daß man nicht spielen darf, solange man blutet, man hat zehn Minuten Zeit, um die Blutung zu stillen, sonst muß man aufgeben. Irgendwie bekam ich es in den Griff und brachte das Match 7:5 nach Hause. Mein Selbstbewußtsein war nach diesem bislang größten Sieg meiner Karriere wieder da und ich konnte es ins Match gegen die an Position 110 der Weltrangliste notierte Ukrainerin Yulia Beygelzimer mitnehmen, gegen die ich 6:4, 6:3 gewann.

Night Session

Nach zahlreichen Absagen von Topspielerinnen war mein Platz im Hauptfeld gesichert und die dritte Qualifikationsrunde gegen meine Angstgegnerin Angelique Kerber war nur für die Galerie bestimmt. Dementsprechend war das Match auch eine seltsame Mischung aus Gewinnenwollen und dem zeitgleichen Versuch, Kräfte für das Hauptfeld zu sparen. Ich verlor 4:6 im dritten Satz, hatte somit weder gewonnen noch Kräfte gespart – mein Plan war also wie üblich aufgegangen. Als so genannter Lucky Loser wurde ich schließlich auf einen richtig harten Brocken gelost: Ana Ivanovic aus Serbien, Weltranglistenposition 15, die dunkelhaarige Antwort auf Maria Sharapova, und meine bisher höchstplazierte Gegnerin. Unser Match war dienstagabends gegen halb neun angesetzt, Night Session und Fernsehmatch, meine Nerven tanzten Tango. Doch dank der Erfahrung in Stuttgart konnte ich diesmal mit der Nervosität umgehen und schaffte es auch stellenweise, Ana Ivanovic unter Druck zu setzen.

Das Endergebnis lautete 3:6, 5:7 – und fiel somit knapper aus, als viele es erwartet hätten. Für mich war es gleichzeitig Enttäuschung und Bereicherung. Im Spiel hatte ich gemerkt, daß ich die spielerischen Möglichkeiten habe, um auch eine Spielerin aus der Weltspitze unter Druck zu setzen – und daß es meist mit meiner Konstanz hapert. Für die Enttäuschung sorgten die im Laufe des Matches gestiegenen Hoffnungen und Erwartungen, für die Bereicherung sorgte die Erfahrung, mithalten zu können.

Somit hatte ich eine durch und durch positive Woche erlebt, auch wenn ich nur für zwei Tage gepackt hatte und somit zwischenzeitlich Wäschenotstand herrschte. Der Rückweg, übrigens, verlief unfallfrei und – abgesehen von einer Verkehrskontrolle der Polizei, bei der ich weder Fahrzeugschein noch Warndreieck und Verbandskasten vorweisen konnte – erfrischend ruhig und unaufgeregt.

Auf FAZ.NET berichtet die junge Darmstädter Tennisspielerin Andrea Petkovic in regelmäßigen Abständen über ihr neues Leben, über Fortschritte und Enttäuschungen auf dem Tennisplatz. Siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Das Tennis-Tagebuch der Andrea Petkovic.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Imago/Contrast

 
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