Tennis

Kim Clijsters und die Summe der Kleinigkeiten

Von Peter Penders, New York

Die US Open können kommen - Kim Clijsters fühlt sich fit

Die US Open können kommen - Kim Clijsters fühlt sich fit

28. August 2005 Sie wird für immer die erste Russin sein, die es bis an die Spitze der Tennis-Weltrangliste geschafft hat - aber fürs erste hat sich Maria Scharapowa nicht allzu lange über den Platz an der Sonne freuen dürfen. Eine ganze Woche hat sich Lindsay Davenport die Vertreibung vom Tennisthron gefallen lassen, dann nahm die Amerikanerin wieder ihren angestammten Platz ein.

Das stand schon nach dem Halbfinaleinzug in New Heaven fest, und um auf Nummer sicher zu gehen, gewann die Olympiasiegerin von 1996 das Turnier lieber gleich durch einen Endspielsieg über die Französin Amelie Mauresmo. Prompt gilt Lindsay Davenport nun bei den an diesem Montag beginnenden US Open als große Favoritin in New York, aber auch die zuletzt wegen einer Bauchmuskelzerrung zu einer kurzen Pause gezwungene Maria Scharapowa wird sich nicht allzu grämen: Im Kampf um den ersten Weltranglistenplatz spricht vor allem die Jugend der 19 Jahre alten Wimbledonsiegerin von 2004 für eine große Zukunft der Wahl-Amerikanerin. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, wann sie wieder an der Spitze auftauchen wird.

Besonderes Kunststück

Doch ob das auf die Schnelle für die auch in der Werbung überaus gefragte Russin für einen Triumph in New York reichen wird, ist fraglich. Nimmt man die Ergebnisse der vergangenen Wochen oder die Resultate der Turniere in diesem Jahr in den Vereinigten Staaten als Maßstab, heißt die Favoritin bei den US Open ganz eindeutig Kim Clijsters. Die Belgierin, die im vergangenen Jahr wegen einer schwierigen und langwierigen Handgelenksverletzung fast komplett zusehen mußte, hat in diesem Jahr nirgendwo lieber und besser gespielt als auf dem amerikanischen Kontinent.

Im Frühjahr schaffte sie, als ehemalige Weltranglistenerste damals nur noch auf dem 133. Platz geführt, ein besonderes Kunststück. Sie siegte in Indian Wells und direkt im Anschluß auch in Miami - ein derartiger Coup bei diesen beiden Turnieren der ersten Kategorie hinter den Grand-Slam-Veranstaltungen war zuletzt Steffi Graf in den Jahren 1994 und 1996 gelungen. Als die Tennisprofis nach ihrem frühsommerlichen Europa-Abstecher wieder nach Amerika zurückkehrten, setzte Kim Clijsters ihre Erfolgsserie fort. Zuletzt gewann sie die Turniere in Los Angeles und in Toronto, und gäbe es eine virtuelle Weltrangliste, stünde sie als die aktuell offenbar beste Spielerin wohl ganz oben. Wer in New York gewinnen will, muß also vor allem gegen die Belgierin erst einmal erfolgreich bestehen.

Im Zweifel spielten die Nerven einen Streich

Grand-Slam-Turniere sind aber etwas ganz anderes als der normale Turnieralltag - kaum jemand hat das schon so leidvoll erfahren müssen wie die Belgierin, der in den entscheidenden Momenten bei den vier wichtigsten Veranstaltungen des Jahres immer irgend etwas - und im Zweifel waren es wohl die Nerven - dazwischenkam. Fünfmal hat sie im Verlauf ihrer Karriere schon ein Finale in Melbourne, Paris oder New York erreicht, aber fünfmal mußte sie danach zusehen, wie eine andere am Ende die Trophäe hochhielt. Dem großen Triumph ganz nah war sie ausgerechnet bei ihrem ersten Endspiel in Paris, aber sie verlor 2001 in einer hochdramatischen Partie 10:12 im dritten Satz gegen die Amerikanerin Jennifer Capriati.

2003 kam dann das große Jahr der Belgierin, die bei 20 von 21 gespielten Turnieren mindestens im Halbfinale stand, mit 15 Finalteilnahmen so viele Endspiele erreichte wie keine andere Spielerin seit Monica Seles (1991), die mit 90 gewonnenen Einzelspielen so viele Partien gewann wie keine andere Spielerin seit Martina Navratilova (1982) und die als erste Spielerin seit Chris Evert (1974) in einem Jahr mehr als 100 Begegnungen bestritt. Ein Grand-Slam-Titel blieb ihr trotzdem versagt. In Australien führte sie im Halbfinale 5:1 im dritten Satz gegen Serena Williams, vergab danach zwei Matchbälle und unterlag 5:7. In Paris war sie chancenlos gegen ihre Landsfrau Justine Henin-Hardenne, in Wimbledon führte sie im Halbfinale 6:4 und 3:2 gegen Venus Williams und unterlag, in New York war wiederum Justine Henin-Hardenne zu stark für die damals trotzdem stärkste Spielerin der Welt. Denn auch ohne den ganz großen Triumph wurde Kim Clijsters im August 2003 als Branchenführerin sowohl im Einzel als auch im Doppel geführt.

Hochzeit mit Hewitt geplatzt

Auch das vergangene Jahr begann wieder erfolgversprechend für die Belgierin, auch wenn es in Melbourne im fünften Grand-Slam-Finale die fünfte Niederlage setzte. Doch im Frühjahr begann die Leidenszeit mit der Handgelenksverletzung. Sie versuchte es immer wieder, mußte aber immer häufiger vorzeitig aufgeben und trat schließlich in Paris, London und New York nicht mehr an. Sportlich wurde es still um Kim Clijsters, die dafür plötzlich die Klatschspalten füllte. Die schon terminierte Hochzeit mit ihrem Lebensgefährten und Arbeitskollegen Lleyton Hewitt wurde im Oktober abgesagt, weil sich der Australier offenbar auch um andere Tennisspielerinnen intensiver gekümmert hatte.

Viele litten mit der Belgierin, die als eine der sympathischsten Spielerinnen der Branche gilt. Hewitt tröstete sich schnell, heiratete die australische Schauspielerin Bec Cartwright und wird demnächst Vater. Das einstige Traumpaar der Tennisszene hat sich mittlerweile nicht mehr viel zu sagen und geht sich aus dem Wege - in Wimbledon weigerte sich Kim Clijsters, gleich neben ihrem ehemaligen Verlobten zu trainieren.

Auch wegen dieser privaten Turbulenzen werden ihr in New York nun viele die Daumen drücken, daß es endlich mit einem Triumph auf höchster Ebene klappt. Denn viel Zeit will sich Kim Clijsters dafür selber nicht mehr geben. Obwohl sie erst 22 Jahre alt ist, hat die Tenniskarriere schon jetzt Spuren hinterlassen. "2007 ist Schluß", sagte sie unlängst, "ich glaube nicht, daß ich mir diese Quälerei und die ganzen Reisen noch länger als zwei Jahre antun will." Um die Tochter von Leo Clijsters, 1988 belgischer Fußballspieler des Jahres, muß man sich trotzdem nicht sorgen: Sie hat schon jetzt mehr als zehn Millionen Dollar Preisgeld gewonnen. In New York könnte eine Menge hinzukommen: Als Siegerin der internen amerikanischen Turnierserie bekommt sie bei den US Open das doppelte Preisgeld.

Text: F.A.Z., 29.08.2005, Nr. 200 / Seite 25
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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