Von Christian Eichler, Brüssel
20. Oktober 2005 Englands Fußball klagt über Langeweile. Die Milliarden des Roman Abramowitsch erheben Chelsea anscheinend über jede Konkurrenz. Auch knapp 600 Kilometer nördlich von London, in Edinburgh, macht das Beispiel Schule: mit einem "Abramowitsch für Arme", wie der "Telegraph" urteilte.
Der arme Wladimir Romanow bringt nur etwa ein Zwanzigstel des Vermögens mit, das der Zehnfach-Milliardär Abramowitsch in wenigen Jahren in Rußland zusammenraffte. Dafür kann er damit kokettieren, angeblich Nachfahre des letzten Zaren zu sein. Und wo Abramowitsch mit Chelsea steht, dorthin hat es Romanow mit Heart of Midlothian auch geschafft: an die Tabellenspitze der Premier League - der eine in der englischen, der andere in der schottischen.
Der große Hecht
Romanow suchte sich einen kleineren Teich. In dem ist er nun ein großer Hecht. Vor einem Jahr übernahm der russischstämmige Litauer, der in sowjetischer Zeit mit dem Schwarzhandel von Beatles- und Elvis-Platten die ersten Rubel verdiente, dann auf einem Atom-U-Boot fuhr und später mit Metallen, Textilien und Banken reich wurde, den verschuldeten Traditionsklub mit dem Ziel, "in drei Jahren die Old Firm abzulösen". Old Firm, das sind die beiden Klubs aus Glasgow, die Jahr für Jahr den Titel unter sich ausmachen. Der letzte, der ihnen den wegnahm, war 1985 ein gewisser Alex Ferguson mit dem FC Aberdeen. Aber wozu drei Jahre warten? Nach zehn Spielen, darunter 1:0 gegen Rangers und 1:1 bei Celtic, führen die Hearts die Tabelle an: drei Punkte vor Celtic, neun vor den Rangers. Die letzte Saison schloß man noch 43 Punkte hinter Meister Rangers ab.
Kein Wunder, daß die Herzen dem 58jährigen Litauer zufliegen, der Trainer George Burley und neun Spieler holte, einige von Romanow persönlich ausgesucht. Der Franzose Julien Brellier glänzt vor der Abwehr. Der Tscheche Rudi Skacel traf in acht von zehn Spielen. Ticket-Verkäufe schlagen alle Rekorde. Fußball in Edinburgh ist plötzlich in.
Im Kern bewährte Schotten
Dabei sind die Hearts aber keine gekaufte Mannschaft, kein "Chelsea light": im Kern bewährte Schotten, dazu sogenannte "Bosmans", Spieler ohne Ablöse; schließlich Leihkräfte. Was Romanow bisher an Transfersummen sparte, steckte er in die Gehälter, bei denen die Hearts nun mit Celtic und Rangers konkurrieren können. Das hat Überzeugungskraft auf Profis aus großen europäischen Ligen; wie Fredi Bobic, der am Montag zum Vorspielen nach Edinburgh kam. Der 34jährige Stürmer, zuletzt Hertha BSC, seitdem ohne Klub, sagt, er zöge Schottland den Angeboten aus Qatar und Ostasien vor. Berti Vogts, der ehemalige Schotten-Trainer, hat ihm zugeraten.
Trainer Burley, der es mit Ipswich aus der zweiten Liga in Premier League und Uefa-Cup und zum "Manager of the year" in England gebracht hatte, gab nach dem Wechsel von Derby zu den Hearts (bei denen auch Lothar Matthäus im Gespräch war) als Saisonziel Platz drei aus: Ziel aller Klubs hinter der "Old Firm". Doch das "best of the rest" ist Romanow nicht mehr genug. Ein Blatt zitierte ihn sogar mit dem Ziel, in drei Jahren die Champions League zu gewinnen. Das war vermutlich ein Übersetzungsfehler (Romanow spricht kein Englisch) - aber ein sehr gut klingender.
Was die Fans hören wollen
Um den ersten Meistertitel seit 1960 zu holen, forderte Burley Verstärkungen in der Transferperiode im Januar. Der Kader ist im Vergleich zu den Großklubs in Glasgow zu dünn. Und Romanow versprach, was die Fans hören wollen: "Es gibt kein Limit für das Geld, das für Transfers verfügbar ist." Celtic-Trainer Gordon Strachan begrüßt den neuen Rivalen. Er verspüre eine wachsende Stimmung, "daß es mit dem schottischen Fußball wieder aufwärts geht, und das hat viel mit den Hearts zu tun." Selbst im fernen London witterte der "Telegraph" eine "willkommene Brise frischer Luft im stickigen schottischen Fußball".
Romanow besitzt daheim den FBK Kaunas, zuletzt fünfmal in Folge litauischer Meister. Auch an MTZ-Ripo Minsk in Weißrußland ist er beteiligt. Doch das Herz gehört den Hearts, wo er auf dem Weg zum schottischen Befreiungshelden ist. Nicht nur der neue Erfolg des Teams, auch die Pflege der Tradition des 131 Jahre alten Klubs, dessen klangvoller Name auf ein früheres Tanzlokal zurückgeht, macht ihn zu Volkes Liebling. So verhinderte er den geplanten Umzug vom traditionellen Tynecastle in einen Stadionneubau.
Den Klub auf europäisches Niveau zu bringen ist aber ein weiter Weg. "Schaut euch nur die Jugendakademie an", klagte Romanow vor Fans, "kein Diätberater, kein Arzt, und die Spieler werden verköstigt wie Soldaten an der Front! Sie müssen ihre eigenen Thermosflaschen mitbringen." Beim geplanten Stadion-Ausbau stieß er auf ein sehr schottisches Problem: eine angrenzende Whisky-Destillerie. "Was soll ich machen? Die Destillerie kaufen? Und was machen wir ohne Whisky?" Manche Fragen lassen sich mit Geld nicht lösen.
Text: F.A.Z. vom 20. Oktober 2005
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