Leichtathletik-WM

„Ich habe alles auf eine Karte gesetzt“

Bejubelt seine Bronzemedaille: Kugelstoßer Ralf Bartels

Bejubelt seine Bronzemedaille: Kugelstoßer Ralf Bartels

07. August 2005 Ein letzter wuchtiger Stoß, ein letzter gewaltiger Schrei, ein letztes dumpfes Aufklatschen der Kugel auf dem nassen Rasen - dann riß Ralf Bartels schon mal beide Arme in die Höhe. „Ich habe alles auf eine Karte gesetzt“, berichtete er ein paar Minuten später, als klar war: Seinen Trumpf hatte er gerade noch rechtzeitig ausgespielt.

Die Gewißheit, tatsächlich WM-Bronze gewonnen zu haben, haute den 125-Kilo-Koloß dann beinahe um. „Mir zittern die Knie“, gestand der Neubrandenburger. Das nervenaufreibende Finale hätte sich Bartels natürlich gerne erspart. Doch erst, als doch noch der Regen aus dem düsteren Himmel über Helsinki fiel, kam er auf Touren. Regen, das ist Ralf-Bartels-Wetter.

Spät, aber nicht zu spät

Alle Kraft in den letzten Stoß

Alle Kraft in den letzten Stoß

Zwölf Zentimeter lag der deutsche Meister vor seinem sechsten Versuch hinter dem drittplazierten Jurij Bilonog (Ukraine). Dann stieß er 20,99 Meter, und der Olympiasieger von Athen (20,89 Meter) konnte nicht mehr kontern. „Ich habe Gott sei Dank noch reingefunden in den Wettkampf“, sagte Bartels. „Für meinen Geschmack hat's noch viel zu wenig geregnet“, behauptete sein Trainer Gerald Bergmann.

Seit er vor drei Jahren bei der EM in München in einer Regen-Schlacht ebenfalls Dritter geworden war, kommt Bartels mit Extrembedingungen gut zurecht - im Gegensatz zu den Drehstoß-Technikern, die ein nasser Ring gehörig ins Schleudern bringen kann. „Es hat hier nicht so stark geregnet wie in München, deshalb war es auch nicht ganz so beeinflussend“, sagte „Rainman“ Bartels, ein Vertreter der Angleit-Technik.

Steigerung in der zweiten „Halbzeit“

Tatsächlich kamen zwei „Dreher“ gerade noch über die Runden, ehe der Regen einsetzte. Adam Nelson aus den USA (21,73), der nach jeweils zweimal WM- und Olympia-Silber endlich Gold gewann, und Rutger Smith aus den Niederlanden (21,29) erzielten ihre Bestweite an diesem Abend jeweils im ersten Versuch und blieben anschließend für den anfänglich nervösen Bartels außer Reichweite.

Immerhin: Der 27 Jahre alte Deutsche war der einzige Teilnehmer, der sich in der zweiten „Halbzeit“ steigerte. „Wenn man den Dreh raus hat, seine Nervosität zu lenken, kann das ja sogar leistungsfördernd sein“, hat Bartels erkannt. „Diesmal ist es mir schwer gefallen“, räumte er ein, doch richtig aufgeregt war er erst, als auch der Amerikaner Christian Cantwell als Vorkampfbester nicht mehr an die Bronzemedaille herankam.

„Das beste Alter geht jetzt erst los“

„Wenn man mich da an ein EKG angeschlossen hätte, hätte das den Ausschlag nicht mehr aufzeichnen können“, witzelte der 27jährige, der - wie sollte es anders sein - als Sportsoldat bei der Marine dient. Für einen Kugelstoßer von Weltklasse gilt Bartels noch als Grünschnabel. Trainer Bergmann sieht seinen Schützling daher erst am Beginn der Karriere: „Kraft, Routine und Technik haben sich bei ihm so weit entwickelt, daß das jetzt ein Bild ergibt. Er ist stark genug, daß er sich auch aus beinahe ausweglosen Situationen wie diesmal noch retten kann.“ Vor einem Jahr war er noch nicht so weit, da enttäuschte er als Olympia-Achter. „Aber das beste Alter“, versichert Bergmann, „geht jetzt erst los.“

Text: FAZ.NET mit Material von sid
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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