24. Juli 2006 Der Radsport im Fegefeuer! Man kann das natürlich so sehen wie Christian Prudhomme, der künftige Direktor der Tour de France. Ein bißchen milder formuliert, könnte es heißen: Der Radsport steht an einem Scheideweg. In diese Situation ist er nicht durch die Tour manövriert worden, die Ereignisse unmittelbar vor der denkwürdigen 93. Frankreich-Rundfahrt haben nur wesentlich transparenter gemacht, wie ernst die Lage für die Branche wirklich ist.
Es geht, das steht außer Zweifel, um existentielle Fragen. Um die letzte Chance vielleicht, eine Selbstreinigung entschlossen anzupacken, die nach dem Festina-Skandal im Jahr 1998 ausgeblieben ist. Der Sport selbst ist zu umfangreichen Aufräumarbeiten bisher kaum in der Lage gewesen. Nicht er hat nun auch das offenbar weitverzweigte Dopingnetz aufgedeckt, in das auch Jan Ullrich verstrickt sein soll - erst die Ermittlungen der spanischen Behörden brachten offensichtliche Betrügereien im großen Stil zu Tage.
Gerne mythisch verklärt
Immerhin reagierten Tour und Teams, angeblich überrascht vom Ausmaß der Manipulationen, prompt mit dem Ausschluß von Stars wie Ullrich oder Ivan Basso; es kann als ein Indiz für die Bereitschaft gelten, nun doch - in höchster Not - weiterreichende Konsequenzen im Kampf gegen Doping zu ziehen. Eine Schlacht ist gewonnen, glaubt Prudhomme; es ist ein Etappensieg, mehr noch nicht.
Die Tour, überlagert von den jüngsten Dopingaffären, wurde von ständigem Argwohn begleitet, von gemischten Gefühlen bei der Einordnung außergewöhnlicher Leistungen auf dem langen Weg von Straßburg nach Paris. Man sah die Tour, die gerne mythisch verklärt wird, mit anderen Augen als noch vor einem Jahr. Und doch besaß die "Große Schleife" im Jahr eins nach Lance Armstrong und in Abwesenheit der Verdächtigen Ullrich oder Basso auch einen beträchtlichen Unterhaltungswert.
Keine Hierarchie
Er gründete nicht zuletzt auf einer fehlenden Hierarchie im Peloton. Der neue Patron, der Amerikaner Floyd Landis, verfügt nicht über die Dominanz wie einst Armstrong, der sich inzwischen ebenfalls mit schweren Dopingvorwürfen auseinandersetzen muß. Das Team von Landis war nicht imstande, das Feld so zu kontrollieren, wie dies Discovery Channel mit Armstrong geschafft hatte. Das führte zu turbulenten Entwicklungen im Rennen, frühere Helfer wie Oscar Pereiro, Andreas Klöden und Carlos Sastre, bei CSC der Mann hinter Basso, rückten ins Rampenlicht. Vermeintliche Protagonisten wie Levi Leipheimer oder George Hincapie blieben dagegen chancenlos - ihnen schien diesmal der rechte Antrieb zu fehlen.
Es ist überdies eine spezielle Pointe dieser Tour, daß mit Landis ein Mann triumphierte, dessen Team in jüngerer Vergangenheit durch mehrere "positiv" aufgefallene Fahrer in Verruf kam. Es wird künftig unter einem Namen antreten, Phonak zieht sich aus dem Radsport zurück; es soll jedoch nicht in Zusammenhang mit den Dopingfällen in den eigenen Reihen stehen.
Zäsur bei T-Mobile
Eine Zäsur steht auch T-Mobile bevor, obwohl der Sponsor sein Engagement wie vereinbart bis 2008 fortsetzen will. Der Sturz der ehemaligen Galionsfigur Ullrichs geht einher mit einem Umbruch bei den Bonnern, auch im deutschen Radsport generell.
Die Zeit nach dieser Tour de France dürfte mithin für das Metier im allgemeinen kaum weniger abwechslungsreich sein als die Tour selbst. Und sie sollte wegweisend sein. Schließlich ringt der Radsport darum, Glaubwürdigkeit wiederzuerlangen. Die Tour 2006 war ja gewiß spannend. Aber vermutlich trotz des Aussortierens vor dem Start noch keine reine, keine saubere Angelegenheit.
Text: F.A.Z., 24.07.2006, Nr. 169 / Seite 23
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