Von Anno Hecker, Istanbul
11. Mai 2008 Kleiner Mann ganz groß: Felipe Massa ist am Sonntag zur dominanten Figur in der jungen Formel-1-Geschichte der Türkei herangewachsen. Bei seinem dritten Start für Ferrari im vierten Großen Preis am Bosporus gewann der Brasilianer zum dritten Mal. Diesmal erreichte er 3,7 Sekunden vor Lewis Hamilton im McLaren-Mercedes und dem zweiten Ferrari-Piloten, Weltmeister Kimi Räikkönen, das Ziel. Mit seinem zweiten Saisonsieg rückte Massa in der Fahrerwertung nach fünf von 18 Rennen in dieser Saison hinter Räikkönen (35 Punkte) auf Rang zwei (28) vor. Dritter ist Hamilton (28).
In dem von taktischen Finessen geprägten Wettlauf 50 Kilometer südöstlich von Istanbul hatte der selbsterklärte Herausforderer BMW-Sauber diesmal keine Chance, um den Sieg mitzukämpfen. Robert Kubica wurde mit 21,9 Sekunden Rückstand Vierter vor dem besten Deutschen am Sonntag, Nick Heidfeld.
BMW-Sauber kann nicht mithalten
Überraschung zum Feiertag: Ferrari, gemeinhin die Mutter aller Formel-1-Teams, galt vor dem Grand Prix als hoher Favorit. Vorausgesetzt Massa wandelte seine Pole Position gleich in eine Führung um. Das gelang dem Brasilianer spielend leicht. Und er zog der Konkurrenz von McLaren-Mercedes auch davon, innerhalb von drei Runden auf 1,5 Sekunden. Aber dann setzte ihm Hamilton nach. Umlauf für Umlauf kam der Brite um einen Bruchteil schneller über die Runde. Saß dem Ferrari-Mann bald im Nacken.
Als Hamilton früh (17. Runde) zum Nachtanken abbog, erschien der Zwischensprint zwar als taktische Finte: Mit weniger Benzin an Bord kann man einem Ferrari auf den Fersen bleiben. Doch Massa stellte sich schon zwei Runden später zum Akkordservice an. Und schaffte es in aller Eile, gerade 1,5 Sekunden vor dem heranfliegenden Hamilton wieder auf die Piste. In diesem Moment wurde klar, was den Zuschauern am Sonntag bevorstand: Ein spannendes Rennen zwischen Ferrari und McLaren, ein Grand Prix, bei dem sich BMW-Sauber mit Kubica vorerst zwar auf Position drei (vor Räikkönen) gut positionierte, aber doch um rund 0,3 Sekunden pro Runde hinterherfuhr. Das Rennen machten Rot und Silber unter sich aus.
Lewis war klasse
In der 24. Runde saugte sich Hamilton im Windschatten bis ans Heck des Ferrari, zog auf der Innenbahn am führenden Massa vorbei und - sieh an - auf und davon. Zur Verblüffung von Freund und Feind mit einer Sekunde pro Runde. Drei Grand Prix lang abgehängt und nun meilenweit voraus! Was lief da nicht rund bei Ferrari? Etwa der Reifen. Schon nach dem Qualifikationstraining hatte die Scuderia trotz Platz eins und vier Haftungsprobleme beklagt. Vornehmlich wegen der kühlen Temperaturen in der Türkei auf einer über das Jahr brachliegenden, also unbenutzten Strecke. Auf solch Pisten ist das Haftungsniveau wegen des fehlenden Gummiabriebs geringer als auf anderen, mehr frequentierten Strecken. Doch im Dauerlauf eines Grand Prix steigt der Grip-Level kontinuierlich. Die Reifenwahl war schwierig, sagte Massa, die härteren waren die bessere Wahl.
Allein daran aber lag es nicht. Vielmehr forderte McLaren Ferrari mit einem Strategiespiel heraus. Die Strategen schickten Hamilton auch nach dem ersten Boxenstopp mit relativ wenig Benzin als Leichtgewicht in eine Art Sprintrennen, während Ferrari auf eine konventionelle Zwei-Stopp-Strategie setzte. Den Denksportlern unter den Fans bot sich am Pfingstsonntag also ein neunzigminütiges Schachspiel mit Hochgeschwindigkeitszügen. Ein großartiges Rennen, Lewis war klasse, das Rennen spannend von Anfang bis Ende, sagt Mercedes' Sportchef Norbert Haug.
Britisch-deutsche Cleverness
Die kühlen Rechner unter den Zuschauern merkten wohl zwanzig Runden vor Schluss, dass nicht mehr der Sieg, sondern Rang zwei zur Debatte stand: Hamilton oder der inzwischen an Kubica vorbeigezogene Räikkönen? Die Rechnung von McLaren ging auf. Damit verdarb die britisch-deutsche Fahrgemeinschaft Ferrari die Aussicht auf eine dritte große Sause hintereinander mit Cleverness. Ich bin sehr glücklich. Es war ein hartes Rennen, erklärte Hamilton: Am Ende der Geraden ist Ferrari verdammt schnell. Überholen ist nicht einfach. Ich denke, Rang zwei ist in Ordnung.
McLaren-Mercedes hätte eine Chance gehabt, ganz vorne zu landen, wenn Kovalainen von Startplatz zwei aus Massa vor der ersten Kurve überholt hätte. Aber der Finne fiel im Trubel des Starts zurück und musste nach einer kleinen Kollision mit Räikkönen sogar wegen eines Reifenschadens sofort an die Box. Das Treffen hat auch meinem Rennen nicht gerade geholfen, erklärte der Weltmeister. Von hinten kommend, rollte dessen Landsmann Kovalainen zwar das Feld auf, überholte Adrian Sutil (16.) im Force India und Sebastian Vettel (Toro Rosso/17.), kam aber zwei Wochen nach seinem schweren Unfall in Barcelona nicht über Rang zwölf hinaus. Das lag auch am unterhaltsamen Widerstand der Kollegen. Der Heppenheimer Timo Glock (13.) ließ sich nicht so leicht umfahren, revanchierte sich zweimal, ehe ihm mit seinem Toyota auf der Zielgeraden das Tempo für den nächsten Konter fehlte.
So erging es auch Nico Rosberg im Williams. Immerhin ergatterte er als Achter einen Punkt. Er ist von elf gestartet, sagte Williams Technischer Direktor Sam Michael, insofern ist das Ergebnis gut. Alle Deutschen in Mittel- und Unterklasseboliden wurden überrundet oder blieben mehr als eine Sekunde pro Runde hinter dem Sieger zurück. Nur Nick Heidfeld wirkte einen Tag nach seinem 31. Geburtstag, 24 Stunden nach seinem verkorksten Qualifikationstraining zufrieden mit dem Resultat. Von neun auf fünf, so sammelt man Punkte, auch beim Chef: Ich hoffe, hatte BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen vor dem Rennen gesagt, dass Nick mit ein paar guten Überholmanövern das ausgleichen kann. Er konnte. An der Ernüchterung in München ändert dieser Auftritt des Mönchengladbachers nichts. BMW-Sauber ist vorerst von Rang zwei auf Platz drei unter den Topteams zurückgefallen.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS
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