06. Oktober 2005 Es ist auf den Tag genau zwanzig Jahre her, da sorgte eine 28 Jahre alte Leichtathletin namens Marita Koch im DDR-Trikot in Australien für Aufsehen. Am 6. Oktober 1985 rannte die Frau aus Wismar beim Weltcupfinale in Canberra 400 Meter in 47,60 Sekunden. Mehr als ein Weltrekord - eine geradezu unglaubliche Zeit, an der sich ihre Nachfolgerinnen seitdem vergeblich abarbeiten.
Daß es eine unglaubhafte Zeit gewesen sein könnte, bei der mehr als harte Arbeit im Spiel war, das weist die Olympiasiegerin von 1980, die 1983 bei der WM in Helsinki zudem dreimal Gold gewann, zurück. Selbst wenn es an belastendem Material nicht mangelt. Zu finden im Buch "Doping-Dokumente", das die ehemalige Leichtathletin Brigitte Berendonk in Zusammenarbeit mit ihrem Mann, dem Heidelberger Professor Werner Franke, 1991 herausgebracht hat. Dort ist Marita Kochs jeweilige Jahresdosis des anabolen Steroids Oral-Turinabol aufgelistet. "In Helsinki mußte ich dreimal zur Dopingprobe und war immer clean. Das gilt für meine Karriere überhaupt, denn ich war - erst recht als Medizinstudentin - eine sehr mündige Athletin", sagt Marita Koch dazu.
Ines Geipel will ihren Rekord tilgen
Die Mündigkeit ging offenbar so weit, daß sie sich - laut erster Auflage (Seite 86) der "Doping-Dokumente" - in einem Brief an den VEB Jenapharm darüber beschwerte, ihre Jenaer Sprintkollegin Bärbel Wöckel-Eckert bekäme zusätzlich noch besondere oder stärkere Anabolika, weil ein Verwandter bei Jenapharm angestellt sei. Marita Koch gibt sich dennoch stolz auf ihre Leistung - nicht nur die, die sie am 6. Oktober 1985 abgeliefert hat. Ihr Name steht unerreichbar an Position eins der "ewigen" Weltbestenliste und natürlich in der Rubrik "Deutsche Rekorde" des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV).
Der hat damit 15 Jahre nach der Einheit eigentlich kein Problem mehr. Es ist ein Schreiben mit Wurzeln in der DDR-Vergangenheit, das den DLV derzeit in Verlegenheit bringt. Ein sehr bemerkenswerter Brief, weil bislang ohne Beispiel. Die frühere Dresdner Sprinterin und Weitspringerin Ines Geipel hat schon Ende Juli schriftlich den Antrag gestellt, ihren Namen - damals hieß sie noch Schmidt - doch bitte aus der Rekordliste des DLV zu löschen.
DLV: Wir stecken in einem Dilemma
In der Disziplin "4 x 100 Meter" steht er in einer Reihe mit Wöckel (siehe oben), Auerswald und Göhr. Das Quartett hatte am 2. Juli 1984 für den SC Motor Jena in 42,20 Sekunden einen noch heute gültigen deutschen Rekord aufgestellt. Frau Geipel hat sich in ihrer Begründung mit dem Hinweis begnügt, die Dopinggeschichte der DDR sei hinlänglich bekannt, weshalb sie sich eine umfängliche Begründung erspare. "Ich habe Hochachtung vor ihrer Haltung", sagt DLV-Präsident Clemens Prokop zum Antrag jener Frau, die damals nach den üblichen Dopingerfahrungen genug vom Leistungssport hatte, 1989 aus der DDR floh und später in den Dopingprozessen gegen die DDR-Sportführung zur Sprecherin der Opfer wurde. Aber wirklich helfen kann er der Frau offenbar nicht. Sie wartet immer noch auf eine befriedigende Antwort.
Einen Rekord zu tilgen ist nicht so einfach. Der hat nämlich Bestand, bis "der Nachweis der Illegalität erbracht ist", wie es Amtsrichter Prokop formuliert. Sein Verband hat 2000 zwar beschlossen, daß es keines Dopinggeständnisses mehr bedarf, um einen Rekord abzuerkennen, weil auch "rechtsstaatliche Nachweismethoden" wie Zeugenaussagen, Urkunden und Gutachten von Sachverständigen ausreichen. Doch im Fall Geipel sieht er ein grundsätzliches Problem: "Auf der einen Seite gab es ein systemimmanentes Doping, auf der anderen Seite brauchen wir zur Aberkennung eines Rekords einen Kausalnachweis, daß bei dieser Leistung Doping im Spiel war." Den hat Ines Geipel nach der Internationalen Wettkampfordnung bislang nicht erbracht. Und solange sie das nicht nach dem Prinzip "was, wann, wo" tue, "stecken wir in einem Dilemma", sagt Prokop. Ines Geipel wiederum ist der Meinung, daß in ihrem Fall alle Fakten auf dem Tisch liegen. "Ich hoffe aber, daß mir der DLV den Weg der Selbstbezichtigung nicht noch einmal aufbürdet."
Digel wollte alle Listen streichen
Das wird er wohl, zumal die Annullierung eines einzelnen Namens in einer Staffel laut Regularien nicht ohne weiteres möglich ist. "Eine Namenslöschung wäre Sache des Vereins. Aber da müßten die anderen drei zustimmen", sagt Volker Wollschläger, als Vorsitzender des DLV-Bundesausschusses Wettkampforganisation für den Fall quasi in erster Instanz zuständig. In vorerst letzter ist es das Präsidium, das sich auf seiner nächsten Sitzung Ende November mit dem Ansinnen befassen wird. Der Tenor der Stellungnahme, die Wollschläger vorbereitet hat, ist eindeutig: Dem Antrag von Frau Geipel kann aus formalen Gründen nicht entsprochen werden.
Ganz wohl ist Prokop bei der gesamten Altlasten-Problematik aus dem sogenannten Doping-Zeitalter nicht. Aber er sieht derzeit keinen Ausweg. Den habe man schon vor sechs Jahren verpaßt. Doch der Vorstoß des DLV 1999 beim Kongreß des Internationalen Leichathletik-Verbandes in Sevilla wurde abgeschmettert: Gerade 19 Stimmen fand der Vorschlag des damaligen DLV-Präsidenten Professor Helmut Digel, mit Jahresbeginn 2000 neue Weltrekordlisten zu eröffnen, die bisherigen Bestleistungen als Jahrhundert-Weltrekorde ad acta zu legen und so (symbolisch) einen Schlußstrich unter die dopingbelastete Vergangenheit zu ziehen. "Das wäre die sauberste Lösung gewesen. Aber so eine Gelegenheit kommt nicht wieder", sagt Prokop.
Auch Ines Geipel ist der Ansicht, daß Digels Vorstoß "eine gute Sache" gewesen wäre. Um so mehr sei es jetzt höchste Zeit, mit der Vergangenheit ehrlich umzugehen, sonst könne es auch keine ehrliche Zukunft geben. Dabei setzt sie auch auf die Unterstützung der Kolleginnen von damals. "Die Zwangsdoping-Problematik der DDR muß öffentlich deklariert werden. Dabei sollte auch Marita Koch mithelfen." Ines Geipel sollte nicht zuviel Courage erwarten. Bärbel Wöckel, ihre Staffelkameradin von damals und heute pikanterweise Referatsleiterin Jugend im Deutschen Leichtathletik-Verband, hat mit dem lästigen Thema längst abgeschlossen. "Das ist so lange her. Ich habe jetzt andere Aufgaben." Das klingt ganz nach Vergangenheitsbewältigung der althergebrachten Art.
Text: F.A.Z. vom 6. Oktober 2005
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