15. Oktober 2007 Zehntausende Schriftsteller und Hunderttausende Bücher suchen Millionen Leser. Man nennt das Buchmesse, und normalerweise ist jeder da, der lesen und schreiben kann und mit einem von beidem Geld verdient. Allerdings sucht man die drei bestverdienenden deutschen Buchautoren auf der Messe vergeblich. Warum? Weil sie die Literatur zum Leben nicht brauchen.
Ralf Schumacher, 14 Millionen Euro pro Jahr, legte sein dichterisches Debüt bereits 2001 als Co-Pilot des Titels Formel 1 - Stars und Newcomer vor. Ein Newcomer ist er längst nicht mehr, ein Star wurde er auch nicht. Kein Wunder, dass der Titel nicht mehr lieferbar ist und dass der weltgrößte Buchversand von ihm nur noch Angebote hat wie das Ralf Schumacher After Shave für 20,75 Euro (technische Details: citrisch - holzig - würzig).
T-Shirts, Rasierwässer und Promi-Plätzchen
Dirk Nowitzki, 12 Millionen Euro pro Jahr, ist derzeit als Co-Autor des Buches Nowitzki angekündigt - leider noch nicht lieferbar. Schon vergriffen ist, ausgerechnet da der Advent naht, sein Erstlingswerk Plätzchen. Es erschien 2006 mit dem Untertitel Tim Mälzer, Sabine Christiansen, Dirk Nowitzki und andere Prominente mit ihren schönsten Rezepten. Der Erlös kam einem guten Zweck zu.
Michael Ballack, 10 Millionen Euro pro Jahr, hat einen unter seinem Namen veröffentlichten Kalender auf dem Markt. Den wird aber wohl noch kaum jemand kaufen, denn es ist ein Kalender für 2007, und anders als die französischen Rugbyspieler auf ihren Bestsellerkalendern ist der Kicker bekleidet. Die drei Ballack-Biographien laufen derzeit auch kaum besser als der fußkranke Fußballer. Und Amazon verkaufte das adidas Hero-Shirt mit Ballack drauf, einst für 25 Euro, nun für 4,95.
Team-Geschichten, nicht Typen-Geschichten
Der Buchmarkt und seine Ränder, an denen T-Shirts und Rasierwässer und Promi-Plätzchen verkauft werden, mag mit dem Sportmarkt nur eine kleine Schnittmenge gemein haben. Dass aber die global bestvermarkteten deutschen Sportler auf diesem Buchmarkt nur solch marginale Rollen spielen, hat Aussagekraft: darüber, dass der deutsche Sport nicht mehr die Stars produziert, deren Storys man wissen will. Nicht, dass es an Geschichten fehlte, doch sind es Team-Geschichten, nicht Typen-Geschichten: das Sommermärchen der Klinsmann-Kicker, das Wintermärchen der Handballer, das Herbstmärchen der Fußballerinnen. Schöner Stoff fürs Herz und für einen saisonalen Medien-Boom, aber keine Story für ein großes Buch: Das braucht immer einen Helden, der ein Mensch ist und keine Mannschaft. Und der neugierig macht.
Ralf Schumacher, Dirk Nowitzki, Michael Ballack: ein Rennfahrer auf WM-Platz 16; ein Basketballer, der in der ersten Play-off-Runde rausflog; ein Kicker, der noch immer den Durchbruch jenseits der Bundesliga sucht. Es sind die drei Top-Verdiener im deutschen Sport, und man ahnt, warum der Buchmarkt an ihnen nicht viel Freude hat. Sie nutzen ihren Marktwert in einem engen, lukrativen Segment - und schaffen keinen großen Mehrwert für die Branche der Geschichtenerzähler. Natürlich wissen sie, dass man, um gut zu leben, nicht viel schreiben muss. Nur zwei Wörter: den eigenen Namen unter den richtigen Vertrag.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.10.2007, Nr. 41 / Seite 22
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS