NBA

Schrempf hat in Seattle weichen Boden unter den Füßen

Von Jürgen Kalwa, New York

03. April 2007 Es ist nicht mehr ganz einfach für die Seattle SuperSonics, auf lange Sicht zu planen. Die Mannschaft bewegt sich in den unteren Regionen der amerikanischen Basketball-Profiliga (NBA). Dem Cheftrainer Bob Hill will man keinen neuen Vertrag geben. Und zu allem Überfluss droht dem Team auch noch ein Ortswechsel. Da braucht man sich nicht zu wundern, dass Detlef Schrempf noch immer nicht weiß, wie es für ihn dort weitergeht.

Er hat das Problem seit etwas mehr als einem Jahr, als er von der Teamführung gebeten wurde, eine der zahlreichen Assistenztrainerstellen zu übernehmen. Schrempf soll sich um die jungen Flügelspieler kümmern und ihnen das beibringen, was ihn in seinen besten Zeiten auf dieser Position auszeichnete; er soll die Gegner im Westen analysieren und die Mannschaft im Rahmen von „Scouting Reports“ auf taktische Aufgaben einstimmen und die statistischen Erkenntnisse verwalten. Schrempf erkannte von Anfang an: „Wenn ich mich dazu entschließe, dies zu machen, dann muss es für die nächsten zehn Jahre sein.“

Hochzeit für ein Jahr

Im letzten Frühjahr ging er dann doch noch keine feste Verbindung ein. Nachdem er das Thema mit seiner Frau und den beiden Söhnen Alex und Michael besprochen hatte, wusste Schrempf nur so viel: Seine Familienmitglieder sind belastbar. „Sie sind alle dafür.“ Insbesondere Alex, der ältere Sohn, der mit 16 Jahren bereits zu den Stammspielern seiner High-School-Mannschaft gehört. Aber wie stark sich Schrempf noch immer zu dem Metier hingezogen fühlt, in dem er körperlich und spielerisch groß wurde, hatte er durch die familiäre Unterstützung trotzdem nicht herausgefunden.

Er unterschrieb für zwölf Monate und fuhr im Sommer in seiner Rolle als internationaler Basketballbotschafter zu Trainingslagern mit Nachwuchsspielern nach China und Marokko. Er kümmerte sich um das Golfturnier, das die Detlef-Schrempf-Stiftung jeden Juni ausrichtet, um Geld für benachteiligte Kinder und Jugendliche zu sammeln. Bisher sind das bereits mehr als fünf Millionen Dollar.

Alternative: Snowboard

Doch mit seiner sportlichen Lebensplanung ist der 44-Jährige immer noch nicht weiter. Die Alternative ist einfach: Er könnte sich genausogut weiterhin die meiste Zeit mit Athlon Ventures beschäftigen, einem Risikokapital-Unternehmen, das er vor fünf Jahren mit ein paar Partnern vom Fach gründete und für das er damals 17 Millionen Dollar vor allem bei prominenten ehemaligen und aktuellen NBA-Spielern aufgetrieben hatte. Dann könnte er sich weiterhin an Amateur-Radrennen rund um Mount Rainier beteiligen und sich im Winter aufs Snowboard stellen.

Der erste große deutsche Exportspieler, der als Austauschschüler von Leverkusen aus im Nordwesten der Vereinigten Staaten landete und hängenblieb, weil er mit seinem Talent ein Stipendium an der Universität Washington erhielt und später von den Dallas Mavericks in die NBA geholt wurde, hat etwas gegen halbe Sachen. „Als Assistenztrainer hat man ein ziemlich gutes Leben“, sagt er. „Aber wenn du ehrgeizig bist und denkst, du bringst etwas mit, dann musst du auch ein großes Ziel haben. Genauso wie als Spieler.“

Das hatte er damals: Schrempf wollte wenigstens einmal Meister werden, als er noch bei den Indiana Pacers spielte. Das war die zweite Station seiner Laufbahn, die bei den Dallas Mavericks begonnen hatte, zu den Seattle SuperSonics führte und bei den Portland TrailBlazers ausklang. Als die Aussicht darauf am größten war – 1996 gegen die Chicago Bulls –, stand ihm ein gewisser Michael Jordan im Weg. Und dazu noch Mannschaftskollegen, die sich nicht konsequent an die Anweisungen eines Trainerstabs hielten.

Der Umzug droht

Für die SuperSonics, für die der Zug Richtung Play-offs schon lange abgefahren ist, geht es in diesen Tagen vor allem um die Standortfrage. Die neuen Besitzer wollen eine Steuersubvention von 300 Millionen Dollar für den Bau einer Halle und werden andernfalls das Team schlichtweg „umtopfen“. Bewerber gibt es genug. Nicht nur Oklahoma City, wo die Eigentümer zu Hause sind und wo man nach zwei enthusiastischen Jahren die Gastgeberrolle für die hurricane-gebeutelten New Orleans Hornets aufgibt. Es locken auch noch Kansas City und Anaheim.

Doch die politische Bereitschaft, den Antrag zu unterstützen, ist gering. Nicht nur weil man bereits den ortsansässigen Klubs im Football und Baseball mit neuen Stadien unter die Arme gegriffen hat, sondern weil vor ein paar Wochen auch noch bekannt wurde, dass zwei der Eigentümer mit sechsstelligen Dollarbeträgen Politiker unterstützen, die gegen die Rechte von Homosexuellen angetreten sind. Solche Geschäftsleute mit Steuerzuschüssen zu versorgen, das stößt im fortschrittlichen Seattle auf lautstarken Widerstand. „Es hilft natürlich auch nicht, wenn man nicht besonders gut spielt“, sagte Detlef Schrempf gegenüber dieser Zeitung.

Für die schwachen Leistungen trägt vor allem Cheftrainer Hill die Verantwortung, der vor einem Jahr als Feuerwehrmann geholt wurde. Hill, der Schrempf aus der Zeit bei den Pacers kennt („Er war einer meiner Lieblinge. Er war leicht zu coachen, kam jeden Tag vorbereitet“) darf zwar noch auf eine Vertragsverlängerung hoffen. Aber sicher ist nichts. Für Hill steht lediglich fest: „Es macht sehr viel mehr Spaß, für eine Mannschaft zu arbeiten, die gewinnt.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

 
 
 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche