Frings im Interview

„Das Endspiel war eigentlich unser Spiel“

Frings - auch bei der Nationalelf obenauf

Frings - auch bei der Nationalelf obenauf

23. Dezember 2006 Torsten Frings, der überragende deutsche Mittelfeldspieler bei der WM, war untröstlich, als er für das Halbfinalspiel gegen Italien gesperrt wurde. Im F.A.Z.-Interview spricht er über seine dunkelste Stunde des Jahres.

Was war in diesem Jahr Ihr schönstes Fußball-Erlebnis?

Es gab in diesem Jahr mehrere Höhepunkte, aber das schönste Erlebnis war das Eröffnungsspiel der WM in München. Wir hatten so lange auf dieses Turnier hingearbeitet, und als es dann endlich losging, war das ein wunderbares Gefühl. Es kamen dabei einige Faktoren zusammen. Es haben über eine Milliarde Menschen am Fernseher zugeschaut, und mein Tor zum 4:2 war schön und wichtig für mich - aber der entscheidende Punkt war, daß es endlich losging und wir zeigen durften, was wir können. Ein Höhepunkt bei der WM war natürlich das Viertelfinale gegen Argentinien, das war eindeutig unser bestes Spiel bei der Weltmeisterschaft. Großartig war auch das Spiel um Platz drei gegen Portugal, die ganze Atmosphäre in Stuttgart beim 3:1. Aber auch mit Werder Bremen gab es in diesem Jahr große Höhepunkte für mich: Das letzte Saisonspiel gegen den HSV, das wir in Hamburg 2:1 gewannen, wodurch wir die Champions League erreichten. Für einen Bremer gibt es nichts Schöneres - und in dieser Saison waren die Heimspiele gegen Barcelona und Chelsea echte Höhepunkte.

Aber zwischen den beiden Höhepunkten gegen Argentinien und dem Spiel um Platz drei lagen Ihre dunkelsten Stunden des Jahres. Nach dem 0:2 gegen Italien sitzen Sie, wie man im Wortmann-Film sieht, ganz einsam und wie gebrochen in der Kabine. Was ging in diesem Moment in Ihnen vor?

Ich war unendlich traurig, enttäuscht, leer. Unser Traum war plötzlich weg - einfach geplatzt, ein, zwei Minuten vor Schluß. So leer war ich als Profi noch nie. Wenn ich diese Szenen jetzt im Kino sehe, stehen mir die Tränen in den Augen. Ich sehe mir diesen Film deshalb auch nie wieder an. Ich bin immer noch überzeugt, wenn wir es ins Elfmeterschießen gegen Italien geschafft hätten, wären wir Weltmeister geworden.

Sie wurden für das Halbfinale von der Fifa nachträglich gesperrt, weil Sie bei den Tumulten nach dem Viertelfinale gegen Argentinien einen Spieler geschlagen hatten. Waren Sie in diesem Augenblick auch wütend über sich?

Nein, in diesem Moment nicht. Der Ärger darüber kam erst später. Einem erfahrenen Spieler wie mir darf so etwas nicht passieren. Aber die Sperre war trotzdem absolut lächerlich. Was ich da gemacht habe, hätte jeder andere in diesem Moment auch gemacht. Wir wurden provoziert und angegriffen, ich habe mich gewehrt. Die Fifa wollte nur zeigen, daß Deutschland als Gastgeber genau beobachtet wird und sich keiner beschweren kann, daß wir bevorzugt behandelt würden. Das war eine politische Entscheidung. Ich fühlte mich um meinen Lohn gebracht, die Fifa hatte meinen Traum zerstört. Ich wurde dafür gesperrt, daß ich mich gewehrt habe, nachdem ich selbst geschlagen und getreten worden war. Cruz sagte danach, daß ich ihn nicht geschlagen habe. Der Schiedsrichter sagte, er habe den Vorfall gesehen, aber es sei nichts Schlimmes passiert.

Sie waren in der Form Ihres Lebens, aber durften nicht spielen. Wie haben Sie das Halbfinale auf der Bank erlebt?

Als ich von der Sperre erfuhr, hatte ich Tränen in den Augen. Es war wirklich schlimm, es war die Hölle. Ich war topfit, wir hatten sechs Wochen trainiert, richtig gepowert, und dann wirst du kaltgestellt. Aber vor und während des Spiels konnte ich meine Enttäuschung nicht zeigen, das hätte sich negativ auf die Mannschaft ausgewirkt. Aber ich war wirklich fertig.

Es hieß, Sie wollten sogar Ihre Karriere in der Nationalmannschaft beenden.

Ja, ich hatte eine kurze Zeit keine Lust mehr auf die Nationalmannschaft. Die Sperre für das Halbfinale war der Tiefpunkt. Ich wollte zurücktreten, denn in diesem Moment ist mir alles gestohlen worden, was man sich in der Nationalmannschaft erträumen kann. Ich war so fertig. Außerdem kam die körperliche Belastung durch die vielen Spiele hinzu. Man ist so oft weg von zu Hause. Da verpaßt man eine Menge. Ich hatte keine Motivation mehr.

Weshalb haben Sie doch weitergemacht?

Wir haben so eine geile Truppe, es macht so viel Spaß, dort zu spielen - und es war wichtig, daß Jogi Löw die Arbeit übernommen hat. Er ist unser Glück. Es ist gut, einen Trainer zu haben, der mit dir vorher schon einmal durch den Dreck gegangen ist und dazu beigetragen hat, dich dorthin zu bringen, wo wir jetzt sind. Meine Entscheidung weiterzumachen war absolut richtig. Wir haben eine super Mannschaft, und einen super Teamgeist - da hört man nicht auf.

Wo haben Sie sich das Finale angeschaut?

Ich habe es mir nicht angeschaut. Wo war ich eigentlich? Erst haben wir uns auf der Fanmeile verabschiedet, dann bin ich nach Hause nach Bremen geflogen, um meine Kinder zu sehen. Das Endspiel hat mich nicht mehr interessiert.

Warum?

Weil das Endspiel eigentlich unser Spiel war.

Hat sich Ihr Leben durch die WM verändert?

Durch die WM werde ich in der Öffentlichkeit anders gesehen. Jetzt wird bemerkt, wie wertvoll die Position ist, auf der ich spiele. Ich bekomme jetzt eine Wertschätzung, die mir früher in dieser Form nicht so zuteil wurde. Außerdem kennt einen jetzt wirklich jeder, nicht nur die Fußballfans. Das liegt auch an dem Film von Sönke Wortmann. Man wird überall angesprochen.

Das kann Ihnen doch gar nicht so recht sein. Sie entziehen sich dem Rummel um den Fußball doch sehr gerne.

Es ist schön, daß sich mittlerweile alle für den Fußball interessieren. Aber ich brauche das nicht in meinem Privatleben. Ich ziehe mich bewußt zurück. Ich möchte, daß meine Familie in Ruhe leben kann und meine Kinder ganz normal aufwachsen. Das gelingt ganz gut.

In der Nationalelf konnte man sich lange Zeit nicht wirklich wohl fühlen. Die Kritiken vor der WM waren vernichtend.

In der Nationalelf schaut wirklich jeder auf dich - und wenn du dann gegen einen Gegner verlierst, gegen den du nicht verlieren darfst, bist du der Depp der Nation. Da wird man von den Medien erniedrigt und fertiggemacht. Aber es ist trotzdem eine Ehre, für die Nationalelf zu spielen, da geht man durch.

Das 1:4 gegen Italien vor der WM war so ein Spiel. Kann man solche erniedrigende Kritiken, wie Sie es nennen, von sich wegschieben?

Das muß man - und uns Nationalspieler interessiert das auch nicht wirklich. Aber wir haben alle Familien, Freunde und Bekannte, die sich manchen Schwachsinn mehr zu Herzen nehmen als wir selbst. Um so schöner ist natürlich jetzt die Zeit mit den schönen Schlagzeilen und den guten Kritiken. Aber das haben wir uns auch hart erarbeitet.

Die Nation hat in diesem Jahr ständig über Fußball geredet - Sie auch?

Ich rede nicht viel über Fußball. In meinem Privatleben fast überhaupt nicht. Ich habe aber auch kein Problem mit den Medien. Ich brauche es nur einfach nicht, jeden Tag in der Zeitung zu stehen. Es ist aber für mich interessant, zu erfahren, was andere über Fußball denken. Ich nehme da auch gerne Dinge von Leuten an, die mit Fußball gar nichts zu tun haben.

Hat Klinsmann bei Ihnen etwas geweckt oder verstärkt, von dem Sie vor der WM nicht wußten, daß es vorhanden ist?

Bei Klinsi stand immer die Mannschaft, der Teamgeist im Vordergrund. Es war für mich als Spieler ganz wichtig, zu sehen, daß man mit Teamgeist und einem guten Umfeld wirklich Berge versetzen kann. Auch für mich steht das Team im Vordergrund - immer. Wenn die Mannschaft Erfolg hat, kommt der persönliche Erfolg automatisch. Umgekehrt funktioniert es nicht. Ich verhalte mich auch entsprechend: Ohne Mannschaft bist du nichts.

Klinsmann, Löw und Schaaf sind sehr unterschiedliche Charaktere - was bedeuten Sie Ihnen?

Klinsmann und Löw haben immer hundertprozentig hinter mir gestanden. Ich hatte und habe ihr volles Vertrauen. Aber ich möchte keinen meiner Trainer mit Thomas Schaaf vergleichen. Er hat mich entdeckt und zu dem gemacht, was ich heute bin. Thomas Schaaf ist für mich mehr als ein Trainer. Er ist eine wichtige Person in meinem Leben. Da gibt es schon so etwas wie Vater-Sohn-Gefühle. Ich weiß, daß ich mich auf ihn verlassen kann, wenn ich ihn brauche.

Bremen und die Nationalelf spielen in Deutschland den schönsten Fußball. Liegt der Schlüssel für attraktives Spiel womöglich im defensiven Mittelfeld, auf Ihrer Position?

In erster Linie versuche ich, das Spiel des Gegners zu stören und unser Spiel in Schwung zu bringen. Aber das schafft ein Spieler nicht alleine. Da müssen alle mitarbeiten. Das ist bei Bremen schon länger so - und in der Nationalelf ist das jetzt auch so. In Bremen ist es fußballerisch aber noch einen Tick besser. Wir können täglich trainieren, etwas verändern und an uns arbeiten. In der Nationalmannschaft spielen wir auch schönen Fußball, aber man hat nicht so viel Zeit, um neue Dinge einzustudieren. Bei der WM hatten wir mal vier Wochen Vorbereitung, aber das ist die Ausnahme.

Sie haben persönlich auch schon schlechtere Zeiten erlebt. Beim FC Bayern waren Sie nicht erfolgreich. Haben Sie dafür nachträglich eine Erklärung?

Ich war dort erfolgreich. Wir wurden deutscher Meister und Pokalsieger, ich habe neunzig Prozent der Spiele gemacht. Aber ich habe mich dort einfach nicht wohl gefühlt. Ich bin dort mit dem Trainer nicht klargekommen - das war auch schon in Bremen so. Wenn ein anderer Trainer als Magath in München gewesen wäre, würde ich vielleicht heute noch beim FC Bayern spielen. Aber unter den Umständen, die damals herrschten, war das der falsche Verein für mich. Das war eine falsche Entscheidung.

Manche sagen, die beste Zeit der Nationalelf müßte bei der EM 2008 sein - denn bei der WM 2010 sind viele der jetzigen Führungsspieler deutlich über dreißig. Welche Perspektiven sehen Sie?

Wir haben jetzt eine eingespielte Mannschaft, und wenn sich keiner schwer verletzt, haben wir eine sehr gute Chance, bei der EM etwas zu reißen. Bei 2010 haben Sie recht - da muß man erst mal sehen, wie sich alles entwickelt, wie der Körper noch mitspielt. Bei der nächsten WM bin ich 33 Jahre. Ich glaube aber schon, daß ich dann noch die Kraft habe, ein großes Turnier zu spielen.

Viele Spieler haben nach der WM über Kräfteverschleiß geklagt. Haben Sie auch unter Substanzverlust gelitten?

Die Grenze der Belastbarkeit ist erreicht. Es wird zuviel. Man kann nicht alle drei Tage ein Spiel ansetzen und verlangen, daß man Topleistung bringt. Das schafft der Körper nicht. Es fehlt die Zeit für Erholung, die Leistung geht runter. Die Zuschauer zahlen so viel Geld, und sie haben das Recht, den besten Fußball zu sehen, der möglich ist. Unter den ständigen Belastungen leiden alle: die Spieler und die Zuschauer - aber vor allem die Mannschaft, weil man die Ziele, die man sich setzt, unter diesen Bedingungen gar nicht mehr erreichen kann. Ich hatte nach der WM auch eine schwächere Phase. Aber ich bin seit zehn Jahren Profi und weiß auch, wie man sich verhalten muß, um sich schnell zu erholen und wieder in Form zu kommen.

Wie machen Sie das?

Ich versuche, abzuschalten und viel zu schlafen. Das gelingt mir ganz gut.

Immer wieder Höchstleistungen in kurzer Zeit, kaum Möglichkeiten zur Regeneration, und es geht um viel Geld - stellt sich da im Fußball nicht ganz automatisch die Frage nach Doping?

Ich kann mir das nicht vorstellen.

Warum nicht?

Weil es verboten ist.

Wie bitte? Das soll als Begründung reichen?

Es wird an jedem Spieltag getestet. Ich bin schon über hundertmal getestet worden. Da kann man nichts nehmen. Ich bin ohnehin dafür, daß man Doper lebenslänglich sperrt.

Haben Sie nicht Mitleid, wenn ein Sportstar wie Jan Ullrich vor den Trümmern seiner Karriere steht?

Ich habe überhaupt kein Mitleid mit Sportlern, die dopen und erwischt werden. Natürlich ist das im Radsport so eine Sache, die müssen Übermenschliches leisten. Aber so sind die Regeln. Jeder muß sich dran halten, sonst funktioniert der Sport nicht.

Was wünschen Sie sich, was am Ende Ihrer Karriere über Sie gesagt wird?

Das ist mir nicht so wichtig.

Was wollen Sie am Ende über sich selbst sagen können?

Ich möchte noch einmal mit Bremen Meister werden und mit der Nationalmannschaft etwas Großes erreichen. Dann habe ich eine super Karriere gehabt - eine Karriere, die mir nicht viele zugetraut haben.

Das Gespräch führte Michael Horeni.

Text: F.A.Z., 23.12.2006, Nr. 299 / Seite 34
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, picture-alliance/ dpa, REUTERS

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