11. März 2008 Das Strafgericht in Zug und der Weltfußballverband Fifa in Zürich liegen ungefähr 35 Kilometer voneinander entfernt. In den nächsten Wochen könnten beide Institutionen aber einander ganz nahe sein. Am Dienstag beginnt nämlich in Zug ein Strafprozess gegen sechs Manager der untergegangenen Sportvermarktungsagentur ISMM, und deren Tochtergesellschaft ISL - und dieser Prozess hat es in sich. Beobachter schließen nämlich nicht aus, dass ein ganzes Schmiergeldsystem enttarnt wird, in deren Mittelpunkt Fifa-Funktionäre stehen.
Vor diesem Hintergrund wirkt kurios, dass es gerade die Fifa war, die mit einer Strafanzeige 2001 den Fall ins Rollen brachte. Jetzt ist das Gericht unter ihrer 40 Jahre alten Vorsitzenden Carole Ziegler hart gefordert. Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft umfasst 228 Seiten. 80 Ordner gefüllt mit Akten sollen Licht in das Dunkel bringen, und den geforderten Freiheitsstrafen zwischen drei und viereinhalb Jahren stehen die Unschuldsbeteuerungen aller Angeklagten gegenüber. Vorläufig hat das Gericht sechs Verhandlungstage festgelegt. Ein Urteil in dem zweitgrößten Wirtschaftsstrafverfahren der Schweiz nach dem Swissair-Prozess wird für den Sommer in Aussicht gestellt.
Ein breit abgestütztes Korruptionsnetz
Bis zu ihrer Insolvenz im Jahr 2001 war die ISMM/ISL-Gruppe zu einer großen Nummer und Konkurrentin des ebenfalls gescheiterten Medienmoguls Leo Kirch geworden. Für insgesamt 2,2 Milliarden Franken hatte sie sich - für Fachleute überraschend - außereuropäische Rechte an den Fußball-Weltmeisterschaften 2002 und 2006 in Südkorea und Japan sowie in Deutschland gesichert.
Dahinter stand aber offenbar ein breit abgestütztes Korruptionsnetz, von dem nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft unter anderem zwei Fifa-Vertreter aus Paraguay und Tansania profitierten. Unter Bezug auf die Anklageschrift nannte ein Nachrichtenmagazin im Februar einen Betrag von 18,2 Millionen Franken, die zwischen 1999 und 2001 für Schmiergeldzahlungen eingesetzt worden sein sollen, und bezeichnete ISMM-Verwaltungsratsvize Jean-Marie Weber als den Hauptbeschuldigten.
Eine lange Vorgeschichte
Das Schattenreich der ISMM/ISL-Gruppe hat indes eine lange Vorgeschichte. Die ISL war 1982 von dem legendären Adidas-Chef Horst Dassler gegründet worden. Zu seinen Vertrauten gehörte der in der elsässischen Niederlassung tätige Weber - und daneben der heutige Fifa-Präsident Sepp Blatter, damals Fifa-Technikchef. Aus diesem Grunde fragen sich jetzt manche, ob Blatter durch den Prozess und mögliche Schmiergeld-Enthüllungen ebenfalls in eine ungemütliche Lage geraten könnte, obwohl er es war, der 2001 die erste Anzeige erstattet hatte. Weber selbst führte die Sporis Holding, die Ende der neunziger Jahre sogar an die Börse wollte. Später wurde daraus die ISMM/ISL-Gruppe, die nach dem Urteil der Sonntags-Zeitung in Zürich komplizierte Geflechte von Tarnfirmen konstruiert hat. Sie habe sich, so der Vorwurf, zur Verschleierung der Geldströme mehrerer Stiftungen in Liechtenstein mit Namen wie Nunca/Sunbow, Sicuretta und Taora sowie anderer Tarnadressen auf den britischen Jungfern-Inseln und in Hongkong bedient. Sunbow wurde dabei angeblich auch Kunde der fürstlichen LGT-Bank, die jüngst durch den Steuerfall Zumwinkel in die Schlagzeilen geriet.
Der wundersame Aufstieg der Sportvermarkter aus Zug fand allerdings rasch ein Ende nach einem kostspieligen Vertrag mit der Tennis-Organisation ATP im Jahr 1999. Jetzt geht es von heute an um die Anschuldigung des betrügerischen Konkurses mit einer Schadenssumme von vier Milliarden Franken. Das Hauptinteresse gilt indes den Praktiken beim Rechteverkauf der Fifa, die mit mehr als 260 Millionen Fußballfreunden eine weltumspannende Wirtschaftsmacht darstellt.
Text: F.A.Z., 11.03.2008, Nr. 60 / Seite 19
Bildmaterial: AFP