WM in Melbourne

Die neue, schöne Welt des von Fesseln befreiten Wasserballs

Von Gerd Schneider, Melbourne

Harte Zweikämpfe: Die Essenz des Wasserballs

Harte Zweikämpfe: Die Essenz des Wasserballs

22. März 2007 Es ist ja nicht so, dass die Wasserball-Nationalspieler in Deutschland bekannte Figuren wären. Nur mit Hagen Stamm, dem schönen Namen ihres Trainers, können einige Sportinteressierten etwas anfangen. Daran hat sich nichts geändert. Doch sonst hat sich fast alles geändert im deutschen Wasserball. Die Nationalmannschaft hat einen bemerkenswerten Aufstieg hinter sich; Man ist wieder wer, spätestens seit dem fünften Rang bei den Olympischen Spielen von Athen.

Einige Nationalspieler verdienen inzwischen im Ausland - in Griechenland, Ungarn oder Russland - ihr Geld. In der Szene sind sie die Stars, nicht mehr der deutsche Nationaltrainer. Und selbst das Spiel hat sich dramatisch verändert. Nur hat das in Deutschland, wo die Sportart darbt, kaum jemand gemerkt. Wie sehr sich alles gewandelt hat, konnte man am Donnerstag bei den Weltmeisterschaften in Melbourne aus dem Spiel der Deutschen gegen Japan herauslesen. Japan ist im Wasserball nicht eben ein Schwergewicht. Die Deutschen gewannen locker 17:7. „Das war nichts Besonderes heute“, sagte Spielführer Steffen Dierolf hinterher und wirkte beinahe gelangweilt, „ein Pflichtsieg.“

Tägliches Training zwischen fünf und sieben Stunden

Dass die Partie dennoch Unterhaltungswert hatte, lag an zwei Dingen: an der Qualität des Nationalteams und an den neuen Regeln des Wasserballs. Nehmen wir Heiko Nossek. Der Sohn des früheren Nationalspielers Ingulf Nossek traf gegen die Japaner gleich fünfmal. Er ist einer von diesen Spielern, die den Aufschwung verkörpern. Der 1,86 Meter große und fast 100 Kilogramm schwere Esslinger spielt seit dieser Saison für Ethnikos Piräus. Er trainiert täglich zwischen fünf und sieben Stunden, die Ligaspiele werden live im griechischen Fernsehen gezeigt. Er scheint in einer anderen Wasserball-Welt angekommen zu sein. „Im Ausland verdient man als Wasserballprofi zwischen 70.000 und 140.000 Euro pro Jahr“, sagt er. Also etwa das Fünffache vom durchschnittlichen Salär eines Nationalspielers in der Bundesliga.

Dass die Nationalmannschaft von Nossek und den anderen wie Sören Mackeben (Brendon ZF Eger/Ungarn) oder Thomas Schertwitis (Sintez Kasan/Russland) profitiert, liegt auf der Hand. Zumal das Spiel nach den Regeländerungen des vergangenen Jahres viel intensiver geworden ist. „Es ist ein ganz neuer Spielertypus gefragt, nicht mehr die schwimmenden Panzer, sondern wendige, schnelle Leute“, sagt Hagen Stamm. So dürfen die Spieler nicht mehr mit zwei erhobenen Händen verteidigen, sondern nur noch mit einer.

Wasserball von seinen Fesseln befreit

Es gibt auch keine Eckbälle mehr; vielmehr wird die Partie auch dann mit Abwurf vom Tor fortgesetzt, wenn der Ball vor dem Überqueren der Torauslinie von einem abwehrenden Spieler berührt wurde. Die Wirkung der Regelreform war durchschlagend. Es fallen durchschnittlich 20 bis 30 Prozent mehr Tore als früher. Es ist, als hätte man den Wasserball von seinen Fesseln befreit.

Es hat sich noch etwas verändert: Die Wasserball-Nationalmannschaft hat seit dem vergangenen September einen eigenen Sponsor, die Imbisskette „Nordsee“. Dass der Deal zustande kam, war kein Zufall. Der Düsseldorfer Unternehmer Heiner Kamps, der Hauptanteilseigner der Firma, hat früher selbst in der Wasserball-Bundesliga gespielt. Der Aktivensprecher Sören Mackeben hat den Vertrag eingefädelt, er gilt vorerst bis zu den Olympischen Spielen im nächsten Jahr in Peking. Es ist nicht so, dass die Wasserballer jetzt im Geld schwömmen. Aber dank der Zuwendungen vom Sponsor können sie sich international besser über Wasser halten.

„Olympia notwendig um zu überleben“

Auch in der beinharten Olympiaqualifikation erhoffen sich sie sich nun bessere Perspektiven. So sind die drei Erstplazierten der WM in Melbourne automatisch für Peking qualifiziert. Titelverteidiger Serbien, gegen den Stamms Auswahl im ersten Spiel 7:11 verlor, Ungarn und Kroatien sind die großen Favoriten. Die Hoffnung der Deutschen gilt daher vor allem dem Weltliga-Finale, das sie im August in Berlin ausrichten; bei dieser Veranstaltung wird ein weiterer Olympia-Platz vergeben.

Dank des Sponsors können die Wasserballer einen Teil der Produktionskosten fürs Fernsehen bezahlen - und so die TV-Zeiten garantieren, die bei der Vergabe der Ausrichtung gefordert sind. Die Weltmeisterschaft in Melbourne und vor allem Olympia: Das ist die Bühne, auf der auch eine kleine Sportart wie Wasserball groß herauskommt. „Die Olympia-Teilnahme“, sagt Stamm, „brauchen wir, um überleben zu können.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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