Von Frank Heike, Hamburg
02. August 2007 Es war der Abend der Entdeckungen. Wer den Monat Juli für einen längeren Urlaub genutzt hatte, erkannte diese Mannschaft des Hamburger SV kaum wieder. Zur Halbzeit des munteren Testspiels gegen Juventus Turin wechselte der Hamburger Trainer Huub Stevens seine halbe Stamm-Elf aus und gab dem Nachwuchs eine Chance – mit verblüffendem Resultat: Wie Maxim Choupo-Moting, Sydney Sam und Kosi Saka die erfahrenen Cracks in der Turiner Abwehr ärgerten, freute die 38.000 Zuschauer im Stadion am Volkspark und dürfte selbst Stevens überrascht haben. Nur würde er das nie zugeben.
Dass am Ende der trickreiche und doch zielstrebige Choupo-Moteng das Siegtor schoss, veredelte einen aus Hamburger Sicht erfreulichen Abend. Denn aus dem 1:0 des HSV am Mittwoch gegen den (wenn auch ohne fünf Stars angetretenen) Promi-Aufsteiger in die Serie A ließen sich erfreuliche Erkenntnisse destillieren. Choupo-Moteng, ein Kameruner mit deutscher Staatsbürgerschaft und Vergangenheit bei Altona 93, ist 18 Jahre alt, Sam, ebenfalls Deutscher mit Wurzeln in Kiel ein Jahr älter, und Saka, in der Demokratischen Republik Kongo geboren, ist 21 Jahre alt.
Lob durch die Medien
Jugend ist im Fußball kein Wert an sich, und wie schwierig der Einbau der jungen Männer mit Migrationshintergrund sein kann, ist gerade in Berlin zu beobachten (Siehe auch: Fußball: Sommerschlussverkauf bei Hertha BSC). Doch wem wollte man den Einbau zutrauen, wenn nicht der Respektsperson Stevens? Choupo-Moteng ist 18 und muss noch viel lernen“, sagte er. Ich muss ihn nicht loben, das machen die Zeitungen.“ Wenn der Junge auch nur einen Millimeter abhebt, wird er sich schneller, als er gucken kann, bei der zweiten Mannschaft einfinden. Das war Stevens’ Botschaft.
Der Trainer konnte und wollte seine Freude über diesen sehenswerten Auftritt im letzten Test vor dem Pokalspiel am Sonntag beim Oberliga-Verein Holstein Kiel gar nicht verbergen. Der Mut der Jungen hatte ihm gefallen und natürlich auch die ansprechende erste Halbzeit, als Stevens seine deutlich in Oranje eingefärbte erste Elf testete (Siehe auch: Fußball: Noch ein Holländer für den Hamburger SV). Der Drei-Millionen-Euro-Einkauf Romeo Castelen zeigte, dass er dribbeln und flanken kann, das Zusammenspiel von Rafael van der Vaart und Mohamed Zidan funktioniert schon ganz gut. Und sogar Nigel de Jong scheint seinen Kamikaze-Stil abgelegt zu haben und konzentriert sich aufs Wesentliche.
Nach Monaten der Flickschusterei
Ein halbes Jahr nach dem Ende der Ära Doll lässt Stevens den HSV einen offensiven, schnellen, flügelorientierten Fußball spielen. Inzwischen sind (außer Sorin) auch alle Verletzten zurück, und Stevens hat nach Monaten der Flickschusterei endlich die Profis für diese Art von Spiel zur Hand.
Seine Art von Fußball? War das nicht: die Null muss stehen? Es scheint, als entdecke der als Defensiv-Fanatiker betrachtete Trainer im Alter von 53 Jahren den Offensivfußball. Überhaupt zeigt der ewige Bärbeiß in Hamburg ein hierzulande weitgehend unbekanntes Gesicht. Die Freude am Job mit den jungen Leuten sieht man ihm an. Und er gibt ihnen eine echte Chance. Wieder spielte der 23 Jahre alte Slowene Miso Brecko eine gute und selbstbewusste Partie als rechter Verteidiger. Er war 2006 nach Aue abgeschoben worden, kehrte nun zurück, weil die Erzgebirgler ihn nicht mehr wollten. Und plötzlich steht er in der Stammformation, weil er in jedem Training für sich warb.
Es ist ein gutes Signal, das von der Personalie Brecko ausgeht – unter Stevens scheint alles möglich. Sogar der Einsatz eines Profis mit drei Kreuzbandrissen. Der Hamburger Otto Addo soll eigentlich die Regionalliga-Mannschaft anführen. Stevens gefiel sein Einsatz aber so gut, dass er ihn kurzerhand in die Profimannschaft hochzog. Am Mittwoch nun führte der 30 Jahre alte Addo plötzlich das blutjunge Hamburger Mittelfeld an.
Endlich sorgenfrei
Und noch eine (Wieder-)Entdeckung konnte man machen. Vincent Kompany hat ein gruseliges Jahr hinter sich. Immer wieder schmerzten die Achillessehnen. Ganze sechs Bundesligaspiele schaffte der acht Millionen Euro teure Belgier. Endlich sorgenfrei, übernimmt der intelligente Profi die zugedachte Rolle als Innenverteidiger und eloquenter Sprecher des Teams. Wir hatten so eine junge Mannschaft auf dem Rasen, und die hat auch noch das Siegtor gegen Juventus Turin geschossen“, sagte Kompany, das gibt Selbstvertrauen.“ Im gesamten Vereinsumfeld ist dieses Selbstbewusstsein zu spüren: man traut dem HSV 2007/2008 einiges zu.
Nach dem gelungenen Test gegen die blassen Italiener um den guten Alessandro del Piero geht jedoch weiter eine Angst um in Hamburg: die Sorge um van der Vaarts Verbleib beim HSV. Das Interesse von Juventus ist bekannt, und auch Real Madrid beobachtet den holländischen Nationalspieler auf der Suche nach einem Linksfuß. Das gesamte Spiel des HSV ist auf seine Qualitäten abgestimmt: aus Hamburger Sicht sollte das Transferfenster besser heute als morgen schließen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa