Geschäftsfeld Fußball

Beutezug durch Europa

Von Michael Ashelm, Frankfurt

18. September 2006 Im Vergleich mit der europäischen Konkurrenz können die sportlichen Ergebnisse zu Beginn der Saison mal wieder nicht zufriedenstellen. In der Champions League droht gar die Gefahr, durch schlechte Leistungen den dritten Startplatz zu verlieren. Als moralische Sieger sehen sich die deutschen Fußballklubs allerdings dieser Tage. „Vorbilder“ seien sie, wie Karl-Heinz Rummenigge findet, der Vorstandschef des FC Bayern. Sozusagen das gute Gewissen einer aufgepeitschten Branche, deren exzessive Auswüchse nun selbst diejenigen auf den Plan rufen, die den hemmungslosen Fußball-Kapitalismus lange Zeit als einzig wahren Weg gepriesen haben.

Wie prekär die Lage ist, zeigt das indirekte Eingeständnis von Lennart Johansson, dem Präsidenten des Europäischen Fußballverbandes (Uefa), der Bedrohung selbst nicht mehr Herr zu werden. „Wir müssen die staatlichen Stellen darauf aufmerksam machen, was da läuft“, mahnte der Schwede diese Woche bei einem Fußballkongreß in Berlin - die Europäische Union (EU) soll mit ins Boot. Ein Klimawandel steht bevor, glauben Insider. Mehr Regulation liegt in der Luft, was die deutschen Klubs hoffen läßt, wieder international Anschluß zu finden.

Junge Argentinier als Handelsobjekte

Kia Joorabchian, 35 Jahre alt, von Geburt Perser, ausgestattet mit britischem und kanadischem Paß, gilt derzeit als zwielichtigste Figur im internationalen Fußball. Unbehagen löste unlängst sein Deal aus, mit Carlos Tevez und Javier Mascherano zwei der talentiertesten Kicker der Welt bei West Ham United untergebracht zu haben. Über die Modalitäten gibt es nur Spekulationen, aber es heißt, der Verein zahle weder Ablösesumme noch das ganze Gehalt, was darauf hindeutet, daß die beiden jungen Argentinier als Handelsobjekte nur zwischengeparkt sind.

Joorabchian ist auch derjenige, der hinter dem jüngsten Übernahmeversuch bei West Ham steht, was weitaus größere Befürchtungen hervorruft. Denn in Brasilien haben Ermittler gegen organisierte Kriminalität die Firma Media Sports Investment (MSI) ins Visier genommen, an der er beteiligt ist. Es geht um den Verdacht der Geldwäsche, der aufkam, als Joorabchian im Jahr 2004 als Frontmann der Agentur den teuersten Transfer in der Geschichte des brasilianischen Fußballs einfädelte und das Supertalent Tevez zu den Corinthians verschob. Mit Hilfe des Geldes von MSI sollte der Traditionsklub aus São Paulo zu einer neuen Fußballmacht in Südamerika werden, so warben die neuen Investoren. Doch hartnäckig hielten sich Gerüchte, es ginge ihnen um weniger hehre Ziele.

Einfach Big Business oder Mafiöse Strukturen?

Mit Joorabchian und MSI werden andere schillernde Namen in Verbindung gebracht. Der eine ist Boris Beresowskij, ein sagenumwobener und undurchsichtiger russischer Oligarch im englischen Exil, dem in seiner Heimat das Gefängnis droht. Der andere heißt Roman Abramowitsch, Eigner des FC Chelsea und einst unter schützender Patronage von Beresowskij in die englische Gesellschaft eingetreten.

Mit im Bunde ist der Israeli Pini Zahavi, der als Spielervermittler die wichtigsten Transfers in der Premier League abwickelt und auch bei Tevez und Mascherano seine Finger im Spiel haben soll. Die einen vermuten hinter diesen Seilschaften mafiöse Strukturen, die anderen nicht mehr als Big Business.

Zielgebiet der organisierten Kriminalität

Die über Jahrzehnte durch ihr Klub- und Verbandswesen geleitete Fußballbranche fürchtet, die Kontrolle über ihr eigenes Geschäftsfeld zu verlieren. Vor allem in England geht das Zittern um vor dem unbekannten Kapital. Manchester United und Aston Villa sind in amerikanischer Hand. Chelsea, Portsmouth und vielleicht bald auch West Ham in russischer. Der „Guardian“ meldete am Freitag, Hintermänner russischer Tycoons hätten Arsenal London im Blick.

Wer sind sie? Zu wem gehören sie? Immer dieselben Fragen. Der Hype um den Fußball wirkt äußerst anziehend. Doch das Milliardengeschäft entwickelt sich auch immer mehr zum Zielgebiet der organisierten Kriminalität. In einer hundertseitigen Analyse der EU, die auf Initiative der britischen EU-Präsidentschaft unter Tony Blair zustande kam, wird auf die Gefahren hingewiesen.

Menschenhandel und Spielmanipulationen

Die europäischen Beamten zeigten sich aufgrund des Ergebnisses überrascht, weiß Rummenigge von einem Hearing der EU zu berichten. „Die haben von gewissen Auswüchsen gar nichts gewußt.“ Nicht nur, daß die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht und den Wettbewerb verändert, was vor allem die deutschen Vertreter bewegt. Der moderne Fußball muß sich hinter seiner glamourösen Fassade mit dubiosen Beziehungsgeflechten, schmutzigem Geld, Menschenhandel oder Spielmanipulationen auseinandersetzen.

Nach dem Skandal in Italien scheint das Interesse der Zuschauer im Land des Weltmeisters deutlich zurückzugehen, weshalb die Funktionäre noch stärker alarmiert sind. Uefa-Chef Johansson sieht die immer schwerer überschaubaren Besitzverhältnisse als eines der Grundübel, die illegale Wetten und Spielmanipulationen geradezu „herausfordern“ würden. Doch wer sorgt für eine einheitliche Linie im Fußball?

Mitspracherechts bei der Aufstellung

Für Aufsehen sorgte jüngst der argentinische Verband, der für fast zwanzig Millionen Dollar der Investment-Holding des russischen Öl-Milliardärs Wiktor Wexelberg die Rechte an den Freundschaftsspielen der Nationalelf überließ - inklusive eines Mitspracherechts bei der Aufstellung. Task Forces und Strategic Groups der Verbände, die einst die globale Vollvermarktung des Fußballs ausriefen, sollen nun Pläne entwickeln, das Rad ein Stück zurückzudrehen.

Offen plädierte dieser Tage der Uefa-Generalsekretär Lars-Christer Olsson dafür, zusammen mit der EU „sichere rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen“. Die deutschen Klubs, die nur im Mehrheitsbesitz eines eingetragenen Vereins stehen können, verfolgen diesen Wandel aufmerksam, klagen sie doch gern über Wettbewerbsverzerrung durch Abramowitsch und Co. „Unnatürliche Kapitalzufuhr“, heißt es da kritisch bei der Deutschen Fußball Liga.

Rummenigge gegen die Großkapitalisten

Nun glaubt man dort, wichtige Punkte auf der eigenen Agenda mit einem großen Wurf zur Nivellierung des Wettbewerbs durchsetzen zu können. Wie die zentrale TV-Vermarktung für alle Ligen und eine Gehaltsbeschränkung für die Spieler. „Das würde den Fußball über Nacht in ruhigere Gewässer führen“, glaubt Rummenigge, der sich merklich von den Positionen der Großkapitalisten in Madrid, Mailand oder London entfernt.

Das war auch schon anders. Doch wer weiß schon, ob sich die deutschen Träume auf diesem hocherhitzten Markt erfüllen lassen. Eher gilt wohl die Erkenntnis Rummenigges: „Im Fußball gibt es keine einheitliche Linie. Es herrscht ein großer Egoismus.“ Das klingt wenig vielversprechend.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.09.2006, Nr. 37 / Seite 15
Bildmaterial: AP, dpa

Wie haben Ihnen die Olympischen Spiele von Peking gefallen?

Ergebnis
 
 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche