Geisterspieltag in Italien

Ultras kapitulieren nicht in ihrem Krieg

Von Dirk Schümer, Venedig

12. Februar 2007 „Es gibt nichts in der Welt“, schrieb der urugayanische Autor Eduardo Galeano, „das leerer ist als ein leeres Stadion.“ Der 23. Spieltag der Serie A bot Spielern und Trainern - aus traurigem Anlass - gleich dreimal Gelegenheit, Galeanos Weisheit zu überprüfen: In Messina, Florenz und Bergamo fanden die Begegnungen ohne Publikum statt, weil diese Stadien den elementarsten Sicherheitsauflagen nicht genügen. Italiens Regierung war entgegen aller Proteste von Vereinen bei ihrer harten Linie geblieben, die geltenden Normen ohne Ausnahmeregelungen anzuwenden, damit sich tödliche Ausschreitungen wie in Catania vor einer Woche nicht wiederholen.

Darum schrieb Italiens Sportpresse diesmal weniger über den sportlichen Ertrag des Sonntags, sondern über „eine irreale Atmosphäre.“ Die ausgesperrten Tifosi waren allerdings nicht verschwunden, sondern verschafften ihrem Unmut höchst real Luft. In Bergamo verharrten sie zu hunderten draußen unter ihrer angestammten Tribüne und respektierten nicht einmal die Schweigeminuten zu Ehren des erschlagenen Polizisten Filippo Raciti.

Schweigeminute für toten Polizisten zerpfiffen

Sein Tod wurde in einem Fan-Journal als unvermeidlicher „Unfall“ verharmlost. In Genua, wo das Stadion geöffnet war, forderten Tifosi mit Spruchbändern, auch tote Fans zu ehren - und verkleinerten damit das Angedenken Racitis bewusst. Noch schlimmer in Roms Olympiastadion, wo die berüchtigten Ultras des AS Rom bei der obligatorischen Schweigeminute dem Spielfeld den Rücken zukehrten, pfiffen oder Sprechchöre gegen die Polizei anstimmten.

Sportministerin Melandri forderte sogleich, solchen Provokateuren und Aufhetzern in Zukunft den Zutritt zu den Stadien zu verbieten, die dafür nötigen Gesetze existierten bereits, und die Polizei arbeite an der Identifikation der Rädelsführer. Im Wissen, dass die Gefahr durch gewalttätige Fans noch lange nicht überwunden ist, untermauerte die Ministerin die Entschlossenheit, diesmal reinen Tisch zu machen: „Die Übergangsphase wird lange dauern.“

San-Siro-Stadion in Nachtschichten fit gemacht

In Messina stand vor leeren Rängen das sizilianische Derby gegen Catania unter besonderer Beobachtung. Fast gleichzeitig mit dem Spiel formierten sich in Catania tausende Bürger zu Ehren Racitis vor dem Rathaus; die Witwe ging im Protestzug in der ersten Reihe. Catanias Freistoß-Torschütze zum 1:1 in Messina, Peppe Mascara, widmete den Treffer Racitis tapferer Familie, während die Kollegen seiner Einheit bereits wieder Dienst im Stadion hatten. „Es war sehr schwer“, fasste der Offizier des „Reparto mobile“ die Situation zusammen.

In Mailand, wo eigentlich das ruhmreiche San-Siro-Stadion fürs Publikum geschlossen bleiben sollte, konnte dann doch vor Publikum, mageren 21.000 Dauerkartenbesitzern, gespielt werden. Die beiden Betreiberklubs AC und Inter Mailand hatten Nachtschichten einlegen lassen, damit die geforderten Drehkreuze samt Metaldetektoren in Windeseile installiert werden konnten. Dennoch kam es zu langen Schlangen und stundenlangen Wartezeiten vor den wenigen Eingängen. Das mühsame 2:1 des AC Mailand gegen Livorno und der erste, zufriedenstellende Einsatz der Neuverpflichtung Ronaldo interessierte den Klub weniger als der Fortgang der Bauarbeiten. Im Frühling sollen durch mehr als siebzig neue Drehtüren über 70.000 Fans zu den Partien der Champions League sicheren und schnellen Eintritt erhalten.

Ultras kapitulieren nicht in ihrem Krieg

In Wahrheit dürften im Frühjahr weder Ball noch Rubel reibungslos rollen, wenn die bedrängten Funktionäre in Florenz und Udine, Mailand und Bergamo und anderswo auch noch so rastlos Tore und Detektoren einzubauen versuchen. De facto sind durch die geltenden Normen organisierte Fahrten zu Auswärtsspielen ebenso verboten wie freier Ticketverkauf. Abendspiele können einstweilen nicht stattfinden, und viele Abonnenten rebellieren bereits wegen der bezahlten Partien, bei denen sie ausgesperrt sind.

Der finanzielle und ideelle Schaden ist also schwer zu ermessen. Doch die schlimmste Erkenntnis des Geisterspieltags liegt darin, dass die Ultras in ihrem Krieg gegen Polizei, Staat und friedlichen Fußball nicht so schnell kapitulieren werden.



Text: F.A.Z. vom 13. Februar 2007
Bildmaterial: dpa, picture-alliance/ dpa

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