Von Pia Blankenburg
18. November 2006 Es gibt nur noch wenige Manager, die nicht laufen, sagt Thomas Wessinghage, Lauftrainer und Ärztlicher Direktor der Reha-Klinik Damp. Für die körperliche und mentale Fitneß ist Laufen ideal, zumal es für den Menschen eine der natürlichsten Bewegungsarten ist. Schon die tschechische Lauflegende Emil Zátopek erklärte: Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft.
Laufen kann jeder und die Sportart bietet gerade den Vielbeschäftigten den Vorteil, überall und jederzeit trainieren zu können. Manager reisen sehr viel und ich genieße es, zum Beispiel in New York oder London zu laufen, dann sehe ich auch was von der Stadt, erläutert Hanns-Peter Cohn, Vorstandsvorsitzender des Schweizer Möbelherstellers Vitra. Cohn rät aber zur Vorsicht: Wenn die Priorität beim Laufen Ausgleich und Entspannung ist, dann sollte man sich weder unter Leistungsdruck setzen noch an anderen messen. Cohn weiß wovon er spricht, er hat bereits an zwölf Marathons teilgenommen und ist seit mehr als 40 Jahren begeisterter Läufer.
Laufen ist Prävention
Laufen ist vermutlich die geeignetste Sportart für gestreßte Manager, da sie keine Infrastruktur verlangt, sich auf Laufschuhe und -kleidung beschränkt und man nicht auf Partner oder Mitspieler angewiesen ist, erklärt Wessinghage. Zudem sei Laufen eine gute Prävention.
So beuge das Training Herzinfarkt, Schlaganfall und Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes vor. Auch werde die Gefahr gemindert, an Depression, Burn out, psychosomatischen Symptomen sowie Krebs und sogar Alzheimer zu erkranken. Aber auch die emotionale Stabilisierung und die Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit sowie der relevanten Risikofaktoren wie Blutfettwerte und Bluthochdruck würden durch das Laufen positiv beeinflußt.
Inspiration und Erholung
Für René Obermann, dem neuen Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Telekom, bedeutet Laufen Entspannung und Inspiration. Ich kann dabei gut Dinge des Tages verarbeiten oder mich auf kommende Themen vorbereiten, erklärt er. Sicher nicht, indem man vor dem geistigen Auge Powerpoint-Charts durchgeht, aber indem man sich nochmal in die Situation versetzt und überlegt, was könnte ich beim nächsten Mal anders machen. Mir sind dabei schon eine Menge guter Ideen gekommen. Daß dies nicht automatisch so ist, hat Tagesthemen-Moderator Tom Buhrow erfahren. Ich habe oft erlebt, daß ich gelaufen bin und danach noch verbissener war als vorher, weil ich nur an Probleme dachte und eigentlich nicht weiter gekommen bin. Um sich davon zu lösen, wendet er einen Trick an: Ich denke mir dann eine Farbe aus und wenn die Gedanken wieder kommen, denke ich einfach nur an die Farbe.
Winfried Banzer, Professor am Sportwissenschaftlichen Institut der Universität Frankfurt, sieht allerdings auch Gefahren. Einerseits könne Laufen Streß abbauen und eine metal klärende und entspannende Wirkung haben. Die andere Seite der Medaille ist aber, daß viele Manager dazu neigen, sich beim Laufen unter Leistungsdruck zu setzen, sie powern nach dem langen Arbeitstag auch noch beim Sport, alles läuft am Limit. Wenn ein Manager das Laufen genauso wie den Job betreibt, halte ich das für kontraproduktiv, betont Banzer. Er rät außerdem dringend dazu, sich vorab sportmedizinisch untersuchen und beraten zu lassen. Ergibt dieser Test keine Risikofaktoren, dann könne Laufen, sinnvoll betrieben, durchaus geeignet sein.
Der Körper lügt
Die Belastungen beim Laufen werden aber von jedem unterschiedlich wahrgenommen. Wenn man tagsüber hart gearbeitet hat, sagt einem der Körper, ich bin zerschlagen, aber er belügt einen, weiß Vitra-Chef Cohn. Wenn ich von der geistigen auf die körperliche Belastung umstelle, reagiert mein Körper wie befreit auf diesen Ausgleich, und ich bin nach dem Laufen wieder völlig entspannt. Für Cohn ist Laufen ein Top-Ausgleich, um Körper und Geist wieder in Einklang zu bringen. Die besten Ideen habe er eigentlich beim Laufen, sagt auch er.
Experten raten dazu, das Laufen langsam anzugehen und sich keinesfalls zu überfordern. Weniger sei da oft mehr. Mein einziger Fehler war, zu schnell zu laufen, bekennt Buhrow. Mir kam es zwar langsam vor, aber vom Puls war es immer noch zu schnell. Um das zu kontrollieren, braucht man unbedingt einen Pulsmesser, glaubt er. Auch Cohn empfiehlt eine ärztliche Voruntersuchung. Auf jeden Fall ist ein Laktat-Test gut, um zu wissen mit welcher Herzfrequenz man am besten läuft. Tom Buhrow warnt davor, zu meinen, man müsse eine halbe Stunde durchlaufen. Am besten einfach lostraben und zwischendurch Gehpausen machen. Man sollte sich wohlfühlen und langsam steigern. Dies unterstützt Sportmediziner Banzer, der in Untersuchungen die gleichen Effekte bei einem Training mit Ruhepausen wie bei einem kontinuierlichen Training ohne Pausen feststellte.
Vom Laufsport lernen
Es bleibt die Frage nach der Frequenz: Drei Trainingseinheiten pro Woche gelten als optimal, kombiniert mit zusätzlichem Krafttraining. Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Marathonteilnahme ist für Wessinghage aber die konsequente, regelmäßige Vorbereitung von etwa einem Jahr. Die gesundheitlichen Gefahren sind geringer als der Nutzen, solange man sich nicht fahrlässig überfordert. Bei größeren Laufumfängen läßt sich noch eine andere Bewegungsart einbauen. Laufen und Radfahren zu kombinieren, ist eine ideale Verletzungsprävention, erklärt Banzer, der beim Laufsport die Einstiegsmotivation 'Marathon' nicht so gerne sieht - besonders wenn das Laufen als Mittel zur Gewichtskontrolle dienen soll. Er nennt es das 'Joschka-Fischer-Phänomen', und das habe mit gesundem Ausdauersport nichts zu tun.
Vom Laufsport läßt sich zudem einiges für den Job lernen. Es bringt nichts wenn man unkontrolliert losrennt, dann ist man nach kürzester Zeit außer Puste. Das ist etwas, das auch für meinen beruflichen Alltag gilt: Kurzfristige Schnellschüsse sind nicht gefragt, vielmehr geht es um Konstanz und Ausdauer, aber mit einem klaren Ziel vor Augen, berichtet Obermann. Neben Kräfteeinteilung erfordert der Sport auch Disziplin, das Laufen muß in den Alltag eingeplant werden. Wichtig ist vor allem die Lust am Laufen, Sie müssen es wollen. Ansonsten finden Sie gerade in meiner Position 1000 Ausreden, warum Sie jetzt nicht laufen können. Der Telekom-Chef ist gnadenlos: Mir kann keiner erzählen, daß er im Laufe einer Woche nicht irgendwann mal eine halbe Stunde hat, in der nichts tut und wo er die Laufschuhe schnüren kann. Ausreden zählen nicht!
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Brian Mcentire - Fotolia
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