Doping

Warum nehmen junge Fußballspieler Mittel für alte Menschen?

Von Hans-Joachim Waldbröl

Wenger vermutet Epo-Doping im Fußball

Wenger vermutet Epo-Doping im Fußball

14. Oktober 2004 Blutdoping im Fußball? "Das hat doch gar keinen Sinn, das bringt ja nichts", versichert Professor Toni Graf-Baumann auf die Anfrage, was er denn vom sachdienlichen Hinweis des Londoner Arsenal-Trainers Arsene Wenger halte, in einigen europäischen Spitzenklubs gebe es offenbar kollektiven Konsum an Erythropoietin (Epo) - womöglich ohne Wissen der gedopten Spieler.

"Wir sind schließlich keine Langläufer wie in der Leichtathletik oder im Skisport." Auf die Nachfrage, was er denn sagen würde, wenn schon in den nächsten Tagen der erste Fall von Epo-Doping im Fußball bekannt würde, räumt der deutsche Arzt und Jurist allerdings ein: "Vom Hocker hauen würde mich das nicht, denn beim Doping überrascht mich nichts mehr."

Laufen ist immer wichtiger

Zwischen der ersten, noch abwehrenden, und der zweiten, schon aufgeschlossenen Antwort des habilitierten Anästhesisten, als Mitglied der Sportmedizinischen Kommission und Vorsitzender der Subkommission für Dopingkontrollen wohl der höchstrangige Saubermann im Internationalen Fußball-Verband (Fifa), liegen nur wenige Minuten. Und einige erläuternde Anmerkungen: daß nach dem neuesten Stand der Taktik auch im Fußball laufen, laufen, laufen wichtiger denn je ist; daß die Verwunderung über Fußballspieler, die 90 bis 120 Minuten ohne offensichtliche Erschöpfung den Platz rauf und runter rennen können, stetig wächst.

Sein Staunen über die gesteigerte Tempo-Ausdauer hatte Wenger erstmals während der Weltmeisterschaft 2002 geäußert; damals noch neben das Mikrophon gesprochen und auf die schier unermüdlichen Koreaner bezogen. Auch jetzt ist die Anspielung des Elsässers Wenger, der nicht als Wichtigtuer, sondern als gewissenhafter Mann seines Fachs angesehen wird, vorerst nur Spekulation. Denn bislang gibt es im Fußball noch keine einzige positive Probe auf eine verbotene Zufuhr des synthetisierten Bluthormons Epo, das die Bildung der roten Blutkörperchen anregt, dadurch den Umfang der Sauerstoffaufnahme erweitert und die Ausdauerleistung steigert. Alles negativ, obwohl die Fifa, so Graf-Baumann, seit der WM in Japan und Südkorea "die inzwischen ausreichenden Urintests auf Blutdopingmittel wie Erythropoietin oder Darbepoetin ins Standardprogramm der Kontrollen aufgenommen hat".

Doping überall möglich

Immerhin schaut die Fifa also hin, bevor sie über gewisse Wahrscheinlichkeiten beim Medikamentenmißbrauch redet. Oder sich auf unwahrscheinliche Annahmen herausredet. Der Weltverband für Fußball hebt sich damit positiv vom Weltverband für Tennis ab, der jahrelang, übrigens einst in einer Widerstands-Allianz mit der Fifa und dem Internationalen Radsport-Verband gegen die Bemühungen des Internationalen Olympischen Komitees und der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), Trainingskontrollen für überflüssig hielt. Mit einem verblüffenden Argument: Warum solle man denn kontrollieren, wenn nicht gedopt werde.

Anabolika im Tennis? Das gab's doch nicht - bis die ersten positiven Tests auf Muskelmacher veröffentlicht wurden, die ja noch eine gerne heruntergespielte Nebenwirkung haben. Anabolika verkürzen die Regenerationszeit und erhöhen damit die Belastbarkeit der Athleten. Im Training wie im Wettkampf. Im Tennis wie im Fußball. Wie in der Leichtathletik, die den Anabolika-Einsatz wie einen Geburtsfehler akzeptierte, aber bis vor kurzem zum Thema Erythropoietin eine ebenso rhetorisch gemeinte Detailfrage stellte: Epo im Langlauf, ja. Aber im Sprint? Dann kam vor wenigen Monaten das Epo-Geständnis der Amerikanerin Kelli White, einer Sprinterin.

„Mit Wahrscheinlichkeiten kalkulieren“

Vermutungen und Verdächtigungen gehören zu einer ernstzunehmenden Dopingbekämpfung. Und sie sind Anstoß für eine seriöse Naturwissenschaft, die das Kontrollprogramm flankiert, die es verfeinern und erweitern hilft. In Sachen Epo steht etwa der Gerichtsmediziner und Toxikologe Professor Klaus Müller "im Prinzip und nach der Empirie" auf dem Standpunkt seines Kollegen Toni Graf-Baumann. "Wir können nicht von Epo-Mißbrauch im Fußball sprechen, solange wir noch keinen positiven Test haben", sagt der Leiter des bei der Wada akkreditierten Anti-Doping-Labors in Kreischa. "Aber wir müssen auch mit Wahrscheinlichkeiten kalkulieren. Und unsere Erfahrung zeigt, daß etwas genommen wird, sobald es etwas bringt - oder auch nur zu bringen verspricht." Insofern sei es ratsam, die Kontrollen zu verstärken und zu verschärfen, auch und gerade im Fußball; der sich übrigens noch immer nicht dem Trainingskontrollprogramm der Wada unterworfen hat, sondern nach wie vor sein eigenes Ding macht.

Doping im Fußball, das ist für Graf-Baumann bis auf weiteres der Mißbrauch von Aufputschmitteln und Muskelmachern, streng statistisch gesehen. Weiter über den aktuellen Horizont der verbotenen Substanzen hinaus blickt Klaus Müller. Der Laborchef sieht es, ebenso wie sein Kölner Kollege Professor Wilhelm Schänzer, als seine Aufgabe, Tendenzen der Manipulation zu erkennen und Entwicklungen zu antizipieren. Und da ist dem Mitglied jener Wada-Kommission, die sich um die Aktualisierung der Verbotsliste kümmert, etwas Bemerkenswertes aufgefallen: die Nootropica.

Förderung von Konzentration und Koordination

Eine Entdeckung als Abfallprodukt bei der Routineanalyse, eine Substanz, nach der zwar noch nicht gesucht, die aber gefunden wurde. Nootropica sollen die Durchblutung, den Stoffwechsel im Gehirn fördern, speziell die Koordination, die Konzentration, die Gedächtnisleistung steigern. Ein eingeführtes Mittel in der Geriatrie, neuerdings aufgetaucht bei Gruppenanalysen von Fußballspielern. "Muß man sich da nicht fragen, warum junge gesunde Leute Medikamente nehmen, die für alte Menschen gemacht werden?" Und die Anschlußfrage: Ist das nicht Medikamentenmißbrauch, der die Dopingmentalität verrät?

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Planen Sie Ihren Urlaub einmal etwas anders. Buchen Sie eine abwechlungsreiche Event-Reise im FAZ.NET-Ticketportal!

Anzeige

Private Krankenversicherung

Sportverletzung? Sorgen Sie vor - mehr Leistung für weniger Geld. Jetzt online vergleichen!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche