Fußball

Schweinsteiger in der Oase

Von Michael Horeni, Düsseldorf

Nationalspieler Schweinsteiger: Zu Hause in Deutschland

Nationalspieler Schweinsteiger: Zu Hause in Deutschland

07. Februar 2007 Bastian Schweinsteiger sieht nicht so aus, als würde ihm die Krise des FC Bayern sehr zu schaffen machen. Auf dem Flur im Mannschaftshotel trifft er am Tag vor dem Länderspiel gegen die Schweiz zufällig Lukas Podolski. Die Wege der beiden deutschen Fußball-Lieblinge kreuzen sich nur kurz. Nicht einmal eine Minute sind sie beieinander, aber irgendwie ist es ihnen unmöglich, nicht gut gelaunt zu sein. Sie lachen miteinander ohne erkennbaren Anlass, sie klatschen sich ab - und gehen dann wieder grinsend ihrer Wege.

Der unbeschwerte Schweinsteiger, der sich seit Sonntagabend in Düsseldorf auf das erste Länderspiel im Jahr 2007 vorbereitet, scheint mit dem Schweinsteiger, um den sich seine Trainer sorgen, nicht viel zu tun zu haben. Ottmar Hitzfeld hatte ihm bei der Abreise die besten sportlichen Genesungswünsche mit auf den Weg gegeben: „Schweinsteiger ist verunsichert. Ich hoffe, dass er bei der Nationalmannschaft wieder aufblüht.“

Luftveränderung gegen den Liga-Alltag

Der Bundestrainer nahm ihn, wie die beiden anderen Münchner Sorgenkinder Philipp Lahm und den gesperrten Podolski, betont fürsorglich auf. „Für mich ist es wichtig, dass wir die Spieler stärken. Die Nationalmannschaft ist wie eine Oase für die Spieler. Mit der Luftveränderung können sie vom Alltag wegkommen“, sagt Joachim Löw. Er kündigte zur Unterstützung dann auch noch den Einsatz von Lahm und Schweinsteiger gegen die Schweiz an.

Aber Schweinsteiger wirkt nicht, als ob er all diese Hilfen brauchte. Er ist ja nicht zum ersten Mal mit seinen 22 Jahren in einer schwierigen Position. Ungewohnt ist das eher für die Bayern. „Auch wenn ich gegen die Schweiz drei Tore schieße, heißt das ja nicht, dass es dann in der Bundesliga genauso weitergeht.“ Die Ursachen für die Niederlagen des Meisters „liegen tiefer“, sagt er. Er glaubt, die Gründe für die Krise zu kennen, „aber darüber spreche ich nicht öffentlich. Wir haben einen erfahrenen Trainer, der kennt die Gründe auch - und er weiß, was zu tun ist.“

Gelassenheit als erste Tugend

Natürlich müsse auch er sich steigern, sagt Schweinsteiger, dies sei keine Frage. Aber vor allem müssten sie endlich mal wieder „zu null“ spielen, nach zehn Gegentoren in den letzten drei Auswärtsspielen. Er ist zuversichtlich, dass die Bayern in der Bundesliga bald die Kurve kriegen, und für die Champions League rechnet er sich einiges aus, mehr als in den vergangenen Jahren. „Das Halbfinale ist das Ziel. Wir haben einen guten Kader.“

Die Siege gegen Mailand sind für ihn der Beweis. Es klingt nicht aufgesetzt, wie er über seinen Klub spricht, sondern überzeugt. In jedem Fall geht Schweinsteiger erstaunlich gelassen und sachlich mit den Rückschlägen beim FC Bayern um, aber vielleicht fällt das auch nur wegen des Aktionismus der Verantwortlichen in den letzten Tagen so besonders auf.

Zwischen Regionalliga und Nationalteam

Schweinsteiger hat in den vergangenen zweieinhalb Jahren stets in einem seltsamen Zwiespalt zwischen Klub und Nationalelf gelebt. Er ist zwar aus der glänzenden Jugendarbeit des FC Bayern hervorgekommen, doch seine größte Anerkennung hat er stets in der Nationalmannschaft erfahren. Bayern-Manager Uli Hoeneß wettete nach Schweinsteigers ersten Berufungen sogar darauf, dass es der junge Draufgänger im deutschen Mittelfeld nicht zur WM-Stammkraft bringen werde.

In der Saison vor der WM musste sich Schweinsteiger erst wieder über die Regionalliga hocharbeiten, während er in der Nationalelf weiter zum Stammpersonal zählte. Mit 22 Jahren wird er es gegen die Schweiz daher schon auf sein 42. Länderspiel bringen, ein Rekord. Sein „Fußballeralter“ ist weit höher als sein biologisches Alter. „Das ist absolut so“, sagt Schweinsteiger.

Goldene Generation auf der Ersatzbank

Während die Bayern in der Bundesliga noch in der Hinrunde lernen mussten, mit Niederlagen zu leben, adelte Löw die jungen Bayern-Profis. Er sprach von einer „goldenen Generation“, die im deutschen Fußball heranwachsen könne, und Schweinsteiger, Lahm und Podolski sind die Namen, die dem Bundestrainer dazu als Erstes einfallen.

Dass die drei jungen Bayern in der Nationalelf beständig bessere Leistungen zeigen als bei ihrem Arbeitgeber, will Schweinsteiger gar nicht bestreiten. „Gute Frage, warum das so ist“, sagt er. Bei der Antwort bleibt er vage, er redet vom Gesamtgefüge.

„Ich habe noch einen langen Weg vor mir“

Eine Diskussion um seine Position wie zuletzt beim FC Bayern ist in der Nationalmannschaft schwer vorstellbar. Magath beorderte ihn im Verlauf der Vorrunde ins zentrale Mittelfeld. Schweinsteiger sollte die Ballack-Lücke schließen. Dann fand Beckenbauer, dass Schweinsteiger auf der Außenposition doch besser aufgehoben sei, und „dann kommen immer Diskussionen. Dann wird erzählt: Der ,Schweini' ist nicht reif dafür. Dabei lief es Ende der Vorrunde ganz gut“, sagt er. Aber gegen Niederlagen gibt es bei den Bayern nicht viele Argumente.

Hitzfeld hat ihn nun wieder aus der zentralen Verantwortung genommen, begeistert wirkt Schweinsteiger darüber nicht. Ob er sich diese wichtigste Position denn auch in dieser Situation tatsächlich zutraue? „Na klar“, sagt er. Es dauere zwar ein bisschen, bis man nach einem solchen Wechsel auf der neuen Position gut spiele, man müsse sich anders bewegen, anders spielen. Es klingt, als hätte sich Schweinsteiger mehr Geduld und Vertrauen gewünscht, so wie er das von der Nationalmannschaft kennt. „Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem ich auf dieser Position spiele“, sagt Schweinsteiger. „Ich habe noch einen langen Weg vor mir.“

Text: F.A.Z., 07.02.2007, Nr. 32 / Seite 31
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Suchen Sie einen Spezialisten? Krebs, Herz, Orthopädie, Plastische Chirurgie, Neurologie, Gastrologie, u.a. Hier Informieren!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche