Von Matthias Wolf, Dresden
13. Juni 2007 Der Reflex kam den Verbandsfunktionären bekannt vor. Kaum waren die Klänge der Polizeisirenen nach dem sächsischen Pokalfinale zwischen der zweiten Mannschaft des FC Erzgebirge Aue und Dynamo Dresden verhallt, suchten die Dresdner Verantwortlichen schon wieder nach Ausreden. Von Zwicker Fans, die sich als Dresdner verkleidet, dann den Platz gestürmt und sich mit Polizisten geprügelt hätten, war die Rede. Vorwürfe an die Polizei hagelte es, sie habe mit dem falschen Konzept agiert.
Zum wiederholten Male gab es Ausschreitungen mit Verletzten und Sachbeschädigungen, die ihren Ursprung im Dresdner Fanblock hatten - und wieder einmal wurde die Randale von Dynamo-Funktionären kleingeredet. "Ich kann das nicht mehr hören", sagte am Dienstag der Präsident des sächsischen Fußball-Verbandes, Klaus Reichenbach, "mit dieser ständigen Beschönigung und Bagatellisierung liefert Dynamo seinen Gewalttätern doch noch ein Alibi."
Der Kredit ist aufgebraucht
Reichenbach forderte in einem Telefonat mit dem Dresdner Vereinspräsidenten Hauke Hensel personelle Konsequenzen, der Verein müsse sich "selbst von innen reinigen". Namen wollte er nicht nennen, aber es ist ein offenes Geheimnis, dass Dynamos Geschäftsführer Volkmar Köster, der schon öfter Randale allzu milde beurteilt hatte, ins Visier des Landesverbandes und des Deutschen Fußball-Bundes geraten ist: "Wenn Dynamo so weitermacht, dann geht der Verein einen ganz bitteren Weg. Das wird sich der Deutsche Fußball-Bund nicht länger bieten lassen", sagt Reichenbach, von Beruf Rechtsanwalt.
Der DFB drohte den Dresdnern am Mittwoch nach einem Treffen von Reichenbach und DFB-Präsident Theo Zwanziger mit dem Ausschluss aus dem DFB-Pokal. Es werde derzeit geprüft, ob eine solche Bestrafung juristisch möglich sei, erklärte DFB-Mediendirektor Harald Stenger. "Wenn die Spirale der Gewalt kein Ende findet, dann muss man die Unverbesserlichen vielleicht so abstrafen", hatte Reichenbach vor dem Treffen gesagt: "Der Kredit ist aufgebraucht. "
Veraltetes Stadion ohne Videoüberwachung
Auch beim Nordostdeutschen Verband (NOFV) steigt der Unmut über die regelmäßige Eskalation der Gewalt. "Wenn Dynamo spielt, dann muss man mittlerweile mit Krawallen rechnen", sagt Hans-Georg Moldenhauer, Präsident des NOFV und Zwanzigers Stellvertreter: "Der Verein sollte endlich mehr gegen die Gewalt unternehmen." Spätestens zur neuen Saison müssten die Anordnungen der eigens beim DFB ins Leben gerufenen Task Force gegen Rassismus und Randale umgesetzt werden. Moldenhauer hat bisher den Eindruck, dass Dynamo seine Hooligans noch duldet. Ihn stört, dass der Verein nicht zivilrechtlich gegen ausgemachte Chaoten vorgeht, wie es Hansa Rostock getan hat. Zwar gibt es knapp 300 ausgesprochene Stadionverbote in Dresden, aber ob diese auch kontrolliert werden, daran zweifelt nicht nur Reichenbach.
Das veraltete Stadion ohne Videoüberwachung lädt Rowdys geradezu ein, der Ordnungsdienst in Dresden gilt als lasch. Noch immer werden dem Klub 100 Gewalt suchende und 500 gewaltbereite Fans zugeordnet. "Für die schwierige Klientel bei Dynamo gibt es nur eine Lösung", findet Moldenhauer: "Alle namentlich Bekannten müssten sich am Spieltag um 14 Uhr auf den Polizeirevieren melden." Der Umgangston in Sachen Dresden wird rauher.
Sponsoren sind entsetzt
Kein Wunder, immer wieder werden die Fans des achtmaligen DDR-Meisters auffällig. Vor allem auswärts. Auf Rauchbombenwürfe in Lübeck und Massenschlägereien mit der Polizei (38 Verletzte) bei Hertha BSC Berlin II reagierte der Verband mit einer Geldstrafe von 15.000 Euro für den Klub. "Die Radaubrüder lachen darüber", weiß Moldenhauer. Wenige Monate nach dem Urteil veranstalteten Vermummte in Dresden sogar eine Hetzjagd auf eigene Spieler vor dem Training.
Im aktuellen Fall wird Dynamo wieder glimpflich davonkommen. Der Vorfall beim Landespokal wird laut Reichenbach nur mit einer Geldstrafe geahndet, weil Dynamo in diesem Wettbewerb kein Wiederholungstäter ist. Allerdings gehe es mittlerweile auch um den Gesamteindruck: "Viele Sponsoren sind entsetzt und werden dem Verein den Rücken kehren, in der Stadt und im Land machen sie sich immer mehr unbeliebt." Das sächsische Innenministerium habe ihm signalisiert, so Reichenbach, die Spiele der Dynamos nicht mehr mit bis zu 1000 Polizisten absichern zu wollen. "Da fehlt es am Geld und am Willen, die Kriegsspiele von Unbelehrbaren weiter zu finanzieren." Noch ein Argument, das für einen Zwangsabstieg der Schwarz-Gelben sprechen könnte, bei denen die Aggressivität historisch gewachsen ist. In der DDR wurde der Verein jahrzehntelang benachteiligt gegenüber dem BFC Dynamo in Berlin. Der galt nach der Wende lange Zeit als größter Hort der Fußball-Gewalt, mittlerweile taugt der Verein als Beispiel dafür, dass jahrelanges Dasein in den Niederungen des Fußballs dafür sorgen kann, dass der Hooligan-Nachwuchs nicht mehr so üppig gedeiht.
Signalwirkung erhofft sich der sächsische Präsident, der mit der Hilfe des DFB zum 1. Juli als bundesweites Pilotprojekt einen hauptamtlichen Sicherheitsbeauftragten beschäftigen wird, auch von dem am Mittwoch vor dem Leipziger Amtsgericht beginnenden, ersten Prozess gegen Hooligans von Lok Leipzig. Diese hatten bei einer brutalen Straßenschlacht im Februar 39 Polizisten verletzt. Der 1. FC Lok ist das zweite Sorgenkind in Sachsen. Moldenhauer: "Ich hoffe, dass es endlich einmal zu abschreckenden Haftstrafen kommt."
Text: F.A.Z., 13.06.2007, Nr. 134 / Seite 34
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
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