Wir haben einen namhaften deutschen Romanautor gebeten, uns einen Messe-Roman zu schreiben. Er bleibt auf eigenen Wunsch anonym und wird sich erst in der letzten Folge zu erkennen geben. Für Kollateralschäden übernehmen wir keine Haftung.
Hauptkommissar Erich Scharf bremste abrupt, als er um die hintere Ecke des Darmstädter Literaturhauses bog. Am Ort befanden sich bereits vier Polizisten und ein Gerichtsmediziner. Auch mehrere Schaulustige hatten sich eingefunden, obgleich es erst 6.15 Uhr in der Früh war. Man schreibt den 16. Oktober 2008. Der Gerichtsmediziner urteilte noch an Ort und Stelle, dass der Tod des Betreffenden nach Mitternacht eingetreten sein muss. Der Tote war abscheulich zugerichtet, Schnittwunden verliefen über sein gesamtes Gesicht, der Täter hatte am Ende seiner Tat mit dem Messer im Magen des Opfers regelrecht herumgewühlt und die Waffe einfach in der Bauchdecke stecken lassen. Man hatte die Schaulustigen hinter ein Absperrband zurückgedrängt.
Der Tote war Schriftsteller. Er hieß Christian Mörler, veröffentlichte im Souvenir-Verlag (Braunschweig) und war nur einer kleinen Leserschaft im braunschweigischen Umland bekannt. Scharf ergoogelte drei veröffentlichte Romane: An der Mauer (1982). Die letzte Baake (1995). Kirchturm hinter dem Feld (2008). Es gab bei Google insgesamt einhundertachtzig Eintragungen für Mörler. Scharf ergoogelte Peter Handke. Dort fand er zweimillionenachthunderttausend Einträge. Mörler konnte folglich nicht sehr bekannt gewesen sein. Der Tote trug eine Dauerkarte für die Frankfurter Buchmesse in der rechten Sakkotasche bei sich. (Fachbesucher / Trade Visitor)
Hauptkommissar Scharf fand sich gegen zehn Uhr auf der Buchmesse ein und suchte den Stand des Souvenir-Verlags auf. Er befand sich in Halle 5.1. Als er durch die Reihe G lief, kam ihm ein kleines, vielleicht zehnjähriges Mädchen in einem weißen Kleid entgegen, das ihn anlächelte. Hinter ihr ein alter Mann, auf das Kind einredend. Beide fielen dem Hauptkommissar auf, zumal am heutigen Tag noch kein öffentlicher Verkehr auf der Messe war.
Scharf kam auf seinem Weg zufällig am Stand von ASP vorbei, an welchem gerade heftig diskutiert wurde und alle Anwesenden schwarze Armbinden mit der Aufschrift Rui, wir werden Dich nie vergessen trugen (sie beklagten den spanischen Gewerkschaftspreisträger Rui Felipe Fernandez aus der gestrigen F.A.Z.-Roman-Folge, der heute morgen in Madrid aufgefunden worden war, ebenso zugerichtet wie sein deutscher Kollege Christian Mörler), und kam zum Souvenir-Verlag.
Hauptkommissar Scharf fragte nach Mörler. Man umwarb ihn sofort mit hektischer Betriebsamkeit, da man ihn für einen Literaturkunden hielt, der an Mörler und seinem Werk interessiert sei. (Scharf gab sich nicht als Polizist zu erkennen.) Mörler, hieß es, sei eine ganz außerordentliche Begabung, er habe eine ganz neue Form von Depression in die deutsche Literatur eingebracht, eine Art philosophische Depression, eine Wahrheitsdepression, kurz, einen sich an der philosophischen Wahrheit über die Welt orientierenden Depressionszustand als hohe Literatur. Scharf fragte, ob Mörler denn selbst - wenn er die Ausführungen über Philosophie und Wahrheit eben recht verstanden habe -, kurz, ob Mörler selbst an Depressionen gelitten habe, das heiße . . . leide. Ja, selbstverständlich, entgegnete ihm der freundliche Standleiter, ohne Depression sei doch, kurz gesagt, große Kunst gar nicht möglich.
Man bot Scharf die drei Romane Mörlers zu einem guten Preis für insgesamt dreißig Euro an, unter der Hand. Scharf fragte, ob Mörler auf der Messe erwartet werde. Ja, hieß es, er habe morgen eine Autogrammstunde. Er sei freilich keine einfache Person. Manchmal signiere er ein Buch, manchmal aber verweigere er es. Das hänge von seinem gegenwärtigen Zustand ab. Aha, sagte Scharf.
In diesem Augenblick war ein ungewöhnliches Geräusch zu hören. Es klang wie ein gedämpfter Knall, tief und verhältnismäßig dumpf. Man konnte bemerken, wie der Lärmpegel und das Stimmengewirr in der Halle für einige Augenblicke um mehrere Stufen herabsanken. Nach einer Minute war alles wieder beim alten. Man stand da, lief herum und führte überall Gespräche. Als Scharf dem Ausgang zustrebte, bemerkte er jedoch einen scharfen, fast beißenden Geruch. Jetzt konnte er auch sehen, wie einige Ordnungskräfte damit begannen, die Besucher von Halle 5.1 zum Ausgang zu leiten. Scharf fragte, was passiert sei. Eine der Ordnungskräfte antwortete, man habe da ein kleines Feuer, alles sei unter Kontrolle, man müsse aber aufgrund der Sicherheitsvorschriften den Bezirk für eine Weile verlassen. Scharf blickte um sich. Tatsächlich verließen die Besucher in aller Ruhe die Halle. Sie plauderten und gestikulierten und liefen einfach in die nächste Halle.
Fortsetzung folgt
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Kat Menschik