F.A.Z.-Fortsetzungsroman

Die letzte Messe - Folge 1

Wir haben einen namhaften deutschen Romanautor gebeten, uns einen Messe-Roman zu schreiben. Er bleibt auf eigenen Wunsch anonym und wird sich erst in der letzten Folge zu erkennen geben. Für Kollateralschäden übernehmen wir keine Haftung.

Am heutigen Mittwoch, dem 15. Oktober, sollte der spanische Romanautor Rui Felipe Fernandez den Preis für linksengagierte Literatur entgegennehmen, der von der spanischen Gewerkschaftsorganisation ASP, zu Deutsch „Assoziation politisch engagierter Gewerkschaftler“, in diesem Jahr zum dritten Mal vergeben wurde. Fernandez bekommt den Preis für seinen Roman „Die Kuhweide“ zugesprochen, der das Schicksal der gegenwärtigen spanischen Arbeiterschaft im Licht einer agrarischen Utopie für die Iberische Halbinsel reflektiert.

In Spanien war das Buch, das bei Fiacono veröffentlicht ist, leider nicht erfolgreich. Auch die kleine Preiszeremonie der ASP auf der Frankfurter Buchmesse hat weder im letzten noch im vorletzten Jahr, dem Gründungsjahr des Preises, besondere Aufmerksamkeit erregt. Es handelt sich um eine der unzähligen, kleinen, unbedeutenden Zeremonien, die an einem der zahllosen, kleinen, unbedeutenden Messestände jedes Jahr überall auf der Frankfurter Buchmesse stattfinden. ASP teilt sich in Halle 5.1 einen Stand mit fünf anderen spanischen Kleinverlagen.

Obwohl all das völlig unwichtig ist, geriet man im Verlauf der letzten Nacht bei ASP in Aufregung, da Fernandez nicht, wie vorgesehen, gestern Abend um zwanzig Uhr fünf auf dem Frankfurter Flughafen ankam. Ohne Fernandez keine Zeremonie. Nun ist es so, dass trotz der Kleinheit und Bedeutungslosigkeit dieser Zeremonien die Beteiligten noch immer große Energien auf sie verwenden und eine solche Zeremonie für die Beteiligten das Messeereignis schlechthin ist, da sie ja meistens alles ausschließlich von der monadischen Perspektive ihrer eigenen Standkabine aus wahrnehmen. Um nach dem Verbleib des Romanautors zu forschen, rief man bei ihm zu Hause an. Dort meldete sich seine Frau Luisa Maria Fernandez.

Luisa Maria sagte, dass ihr Mann am morgen wie vorgesehen aufgebrochen sei. Ins Auto gestiegen und nach Madrid gefahren, sagte sie. Sie habe keine Ahnung, wo sich Fernandez wieder herumtreibe. Wahrscheinlich betrinke er sich gerade in Madrid. Man sollte es auf seinem Handy probieren.

Ihr fünfzehnjähriger Sohn Felipe hat das gestrige Frühstück gefilmt. Man kann es auf Youtube unter http://www.youtube.com/watch?c?RT542_87xYZABC? sehen. Felipe stellt gern Videos von seinen Eltern ins Netz, besonders, wenn die Eltern in Streit geraten. Auf dem betreffenden Video (das freilich nur versteht, wer Spanisch kann), sieht man Rui Felipe Fernandez über Blutwurst und Kaffee am Tisch sitzen und Zeitung lesen, seine Frau steht am Herd, erhitzt Milch, es geht ein Disput hin und her, aber besonders aggressiv sieht niemand von beiden aus. Es sei der Wortlaut hier auf Deutsch wiedergegeben.

Er: Ich wäre lieber zu Hause geblieben. Diese Drecksmesse.
Sie: Was willst du denn? Du hast seit Ninas Geburt nicht gerade viel Geld verdient. Beiß nicht in die Hand, die dich nährt.
Er: Uninteressante Leute, schlechte Luft, beschissenes Essen. Niemand braucht das. Die Messe ist Antiliteratur. Gegen alles, was literarisch ist.
Sie: Du solltest dankbar sein.
Er: Ich bin eine Nutte. Aber lieber verkaufe ich mich als dich.

In diesem Augenblick sieht man, wie Luisa Maria in die Kamera greift und Felipe das Weiterdrehen verunmöglicht.

Wenn man unter dem Stichwort „Fernandez, Nutte, Messe“ weitergoogelt, findet man noch einen zweiten Film. Er ist heute morgen ins Netz gestellt worden. Man sieht einen alten Mann auf einer Bank in der glühenden Sandhitze einer Madrider Vorortregion. Neben dem alten Mann sitzt ein etwa zehnjähriges Mädchen in einem weißen Kleid, das wie ein Kommunionkleid aussieht. Auf dem weißen Kleid ein schwarzer Aufdruck, irgendwelche Worte, vielleicht ein Werbespruch, im Film aber unlesbar. Fernandez hält mit seinem Wagen am Straßenrand, raucht, dann tritt der alte Mann hinzu und spricht mit ihm. Man hört nichts. Das Mädchen sitzt auf der Bank und wippt mit den Füßen, während es die Szene aufmerksam betrachtet. Dann reißt der Film plötzlich ab.

Fernandez' Spur lässt sich bis in den Tiefgaragenblock C.8 unter dem Flughafen Madrid-Barajas verfolgen. In der Nacht findet man den Wagen, auf der Rückbank liegt ein Kindle-E-Book, auf das eine spanische Version von „Max und Moritz“ geladen ist. Der letzte Benutzer hat den Satz „Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich“ markiert.

Die Untersuchung der Fingerabdrücke ergibt, dass es sich bei dem letzten Nutzer um ein Kind von vielleicht zehn Jahren gehandelt haben müsste.

Fortsetzung folgt

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. Kat Menschik

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben