11. Mai 2005 Kultusministerin Karin Wolff (CDU) versuchte es mit Diplomatie: Alles in allem könne man von einer Konsolidierung auf gutem Niveau sprechen, ließ sie nach der Auswertung des hessischen Mathematik-Wettbewerbs 2004/2005 verlauten. In den unteren Bereichen gebe es allerdings immer noch deutlichen Handlungsbedarf. Der Geschäftsführer Bildung der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU), Jörg Feuchthofen, wird deutlicher: Der Mathematik-Unterricht an den weiterführenden Schulen in Hessen verdiene im Durchschnitt gerade mal die Note ausreichend mit Tendenz nach unten.
Der aktuelle Test zeigt sogar, daß die Ergebnisse an Frankfurter Schulen trotz leichter Verbesserungen immer noch weit unter dem Landesdurchschnitt liegen. Neben dem von vielen Experten monierten mangelnden Anwendungsbezug im Fach Mathematik kommt in Frankfurt noch der Migrationshintergrund hinzu: Lösungsstrategien müssen versprachlicht werden, eine geringe sprachliche Kompetenz bedingt eine mangelnde mathematische Kompetenz, resümiert Gabriele Lichtenheld von der Fachberatung Mathematik beim Staatlichen Schulamt Frankfurt.
Bei einem Migrantenanteil von 40 Prozent unter den Schülern sei die Sprachförderung auch für das mathematische Verständnis der Schüler ausschlaggebend, sagt auch Michael Damian, Referent von Schuldezernentin Jutta Ebeling (Die Grünen). Zudem tauchten in Großstädten wie Frankfurt viele Probleme auf, die es in ländlichen Gebieten nicht gebe. Die Lehrer in Frankfurt sind oft nicht zu beneiden. Sie müssen so manches Mal zwischen Fachunterricht und Unterricht in sozialen Kompetenzen wählen oder Gewaltprävention betreiben. Zudem sei in ganz Hessen das Prüfungswesen noch nicht etabliert, Aktionen wie der Mathematik-Wettbewerb würden stets große Aufregung unter Schülern und Lehrern hervorrufen und zu großer Unsicherheit führen: Wir müssen dahin kommen, daß derartige Tests zum Schulalltag gehören.
Lichtenheld, selbst Lehrerin für Mathematik und Physik sowie Leiterin des Elisabethengymnasiums im Nordend, hat unter den Kollegen eine große Akzeptanz des Wettbewerbs als Mittel der Evaluation ausgemacht. Berufsschullehrer Ullrich Kinz, Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbands Hessen, glaubt dagegen, solche Prüfungen erzeugten nur inneren Druck. Wie viele andere vom Kultusministerium eingeführte Neuerungen, Projekte und Unterstützungsinstrumente greife ein derartiger Test aber nicht kurzfristig.
Hauptproblem sei der mangelnde Anwendungsbezug: Die Korrelation zwischen Mathe und Realität fehlt oft, meint Kinz. Es gebe viele reine Fachspezialisten, lautet die vorsichtige Kritik an den Kollegen. Obwohl Zahlen im täglichen Leben allgegenwärtig und in der industrialisierten Gesellschaft unerläßlich sind, ist die Wissenschaft um sie für viele Jugendliche undurchschaubar, der praktische Nutzen der Mathematik wird nur wenigen klar. Das Resultat ist Demotivation und sogar Angst vor dem Fach. Dyskalkulie, also behandlungsbedürftige Zahlenblindheit oder Rechenschwäche, liegt aber nur bei etwa fünf Prozent der Schüler vor. Der Rest scheint ein Vermittlungsproblem zu sein. Hinzu kommt die gesellschaftliche Akzeptanz des Fachs. Auch viele Erwachsene, sogar Politiker und Intellektuelle, finden es immer wieder schick, sich öffentlich als Mathenieten zu outen.
Mathematiklehrer Kinz, der neben Maschinenbau auch Religion unterrichtet, hat als Schwierigkeit des Mathematikunterrichts aber auch noch ein anderes typisch deutsches Problem ausgemacht: extreme Pendelausschläge. Als Reflex auf die einstige Verklärung der Fachkompetenz gehe diese inzwischen immer weiter zugunsten anderer Schlüsselkompetenzen verloren. Präsentation wird heute oft für wichtiger gehalten als präzises Rechnen, konstatiert Kinz. Das schlage sich auch in der Berufswahl vieler Schüler nieder: Der Trend heißt weiter Dienstleistung statt Gewerbe. Besonders problematisch ist der Mathematikunterricht nach Kinz' Erfahrungen durch familiäre und gesellschaftliche Prägung immer noch für viele Mädchen. Auch Wirtschaftsexperte Feuchthofen macht beim weiblichen Geschlecht trotz vieler Bemühungen einen Rückfall in alte Haltungen aus.
Eine Klippe des Mathematikunterrichts ist für ihn jedoch der Wechsel von der Grund- zur weiterführenden Schule: Die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu) hat den Kindern ein gutes mathematisches Verständnis und große Motivation bescheinigt. Nur wenige Jahre später ist beides laut der Pisa-Untersuchung dann verlorengegangen - in allen Schulformen. Die Ursache für diesen fatalen Bruch seien die Dichte des Lehrplans im Fach Mathematik und - im Gegensatz zur Grundschule - der Mangel an fächerverbindendem Unterricht in weiterführenden Schulen, mithin zuwenig Anschaulichkeit. Das Resultat: Allein 2003 fehlten in Deutschland 6000 Ingenieure, wo doch der Bedarf steigt. Der Hochtechnologiestandort Hessen steht hier vor besonderen Herausforderungen, meint Feuchthofen. Im Einstein-Jahr soll das Projekt EinSteinchen experimentiert, bei dem Gymnasiasten gemeinsam mit Grundschülern experimentieren, neue Anstöße geben.
Lichtenheld sieht das Fach Mathematik in Hessen auf gutem Weg: Die veränderten Lehrpläne enthalten jetzt mehr Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung, und das neue Unterrichtsdesign schärft Problemlösungsbewußtsein. Auch Sinus, ein Bund-Länder-Programm zur Steigerung der Effizienz des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts, trage erste Früchte. Aber: In der Mathematik braucht man langen Atem.
LISA UPHOFF