Vandalismus

Schnelle Eingreiftruppe gegen Graffiti-Schmierer

18. April 2005 MOB gegen LZA. Die beiden liefern sich auf der Frankfurter U-Bahn-Station Römerstadt einen Kampf. Keinen offenen mit Faustschlägen, sondern einen symbolischen, ausgetragen über Zeichen. Auf den Fahrkartenautomaten, an den Wänden der Station, auf dem Treppengeländer: Überall haben sie ihren "Tag" hinterlassen, ihr Erkennungszeichen. Wer MOB ist, wer LZA, wissen nur die beiden Sprayer selbst und ein paar Eingeweihte aus der benachbarten Geschwister-Scholl-Schule oder aus der Siedlung Römerstadt.

"Klick." Jetzt hat Manfred Schmelz, Herr der Bahnhöfe, weil Leiter der Bauunterhaltung bei der Verkehrsgesellschaft, MOB und LZA dingfest gemacht. Mit seiner Kamera. Bald werden die beiden "Tags" im Polizeicomputer sozusagen in Untersuchungshaft sitzen. Und eines Tages werden die Polizisten von der AG Graffiti am Frankfurter Polizeipräsidium feststellen, wer sich hinter MOB und LZA verbirgt. Wären da nur diese beiden, könnten die fünf eigens von der Verkehrsgesellschaft gegen Sprayer, Schmierer und Kratzer eingesetzten Ermittler eine ruhige Kugel schieben. Doch außer diesen beiden Dauersprayern besprühen, bekritzeln, demolieren und verunstalten noch andere Vandalen die U-Bahn-Station Römerstadt. Schmelz muß sich wie ein moderner Sisyphos fühlen: Kaum hat er die Station säubern lassen, ist schon wieder die nächste Reinigungsaktion fällig. 50000 Euro hat die VGF im Jahr 2002 für eine Grundreinigung hingeblättert, 40000 Euro ein Jahr später, weitere 8000 Euro 2004, und jetzt steht wieder eine neue Putzaktion für 10000 Euro an.

Es sind die Zufallskritzler, die den Verkehrsgesellschaften und den Hausbesitzern am meisten Sorgen machen. Mit den Großmalern, die ganze Flächen kunstvoll besprühen, werden Schmelz und andere Graffiti-Bekämpfer mittlerweile ganz gut fertig. Wenn man zwei- oder dreimal hintereinander aufwendig gesprühte Bilder schnell wieder entfernt, resignieren die Sprayer bald. Dagegen ist den Dunkelmännern, die einen "Tag" hinterlassen, und den Spontan-Vandalen schwer das Handwerk zu legen. Bei der Verkehrsgesellschaft hat man sich, nachdem das Sprayer-Problem vor vier, fünf Jahren auszuufern drohte, auf die Strategie des schnellen Handelns besonnen. Man greift möglichst sofort ein - so wie sich dies die Aufsichtsratsvorsitzende, Oberbürgermeisterin Petra Roth, gewünscht hatte.

Das ist freilich nicht immer und überall zu schaffen. Manchmal steht der Aufwand in keinem Verhältnis zum Ertrag. Wie an der kaum frequentierten U-Bahn-Station Niddapark. Nach leidvollen Erfahrungen hat die VGF jetzt diesen Bahnsteig mehr oder weniger seinem Schicksal überlassen: Aufzug zugeschweißt, alle Fenster herausgenommen, die Schaukästen abmontiert.

Freilich ist der Niddapark eine Ausnahme, an anderen Frankfurter Stationen ziehen regelmäßig Reinigungstrupps, Maler und Reparateure durch. Man weiß bei der Verkehrsgesellschaft, daß Schmierereien und Beschädigungen vielen Kunden angst machen und zu viele Verunstaltungen die Fahrgäste vielleicht vertreiben. Billig ist die Strategie der schnellen Reaktion nicht: 61000 Euro hat die VGF im vergangenen Jahr für die Beseitigung von Graffiti und Vandalismusschäden in ihren 26 unterirdischen Stationen ausgegeben, weitere 24000 Euro für Sonderreinigungen der 54 oberirdischen Stationen, der 124 Straßenbahnstationen und der vielen Bushaltestellen.

Zum Glück ist die Beseitigung der "Tags" und Kritzeleien einfacher und billiger geworden, seit Fahrkartenautomaten und Wände mit einer Wachsschicht überzogen worden sind: Die Sprühfarben und Tinten dringen nicht mehr in den Untergrund ein, in der Regel können sie mit heißem Wasser entfernt werden. Juristisch hat sich die VGF mit ihrem Wachsschutz absurderweise einen Nachteil eingehandelt. Die Sprayer schädigen zwar zweifellos das Unternehmen, aber weil sie nicht die Substanz der Wände oder Treppen schädigen, werden sie vor Gericht meist nicht verurteilt.

Die Bundesländer verlangen seit vier Jahren, daß die Schwelle gesenkt wird. Bisher vergebens, Rot-Grün wollte nicht mitmachen. Am vergangenen Freitag haben sich SPD und Grüne darauf geeinigt, künftig auch jenen Sprayer zu bestrafen, der "unbefugt das Erscheinungsbild einer fremden Sache nicht nur unerheblich und nicht nur vorübergehend verändert."

Vielleicht sollten die Berliner Politiker einmal mit Praktikern wie Bernd Harnischfeger reden, der als Leiter der Frankfurter AG Graffiti Tag für Tag mit dem Problem zu tun hat. Er spricht von einer "hohen Resignation" bei den Geschädigten: weil zu viele gefaßte Schmierer wieder laufengelassen, weil zu wenige Fahnder eingesetzt würden. In Berlin kommen im Jahr 3500 Anzeigen herein, und es werden 35 Polizisten speziell gegen Schmierer eingesetzt, in Frankfurt zählt man 1500 Fälle und lediglich fünf Polizisten. Harnischfeger hat nichts dagegen, wenn das Strafrecht verschärft wird, obwohl er Sprayer nicht kriminalisieren will. Doch wirkt eine schärfere Strafandrohung seiner Meinung nach abschreckend auf die Sprayer-Szene, die im Internet sehr wohl über die Risiken diskutiert.

Sprayer, Kratzer, Demolierer: Sie richten großen Schaden an, allein in den S-Bahnen in der Region seit Jahresbeginn in Höhe von 100000 Euro. Jetzt hat die Bahn ihre Belohnung für Hinweise auf 1000 Euro verdoppelt. MOB und LZA, die beiden Phantome vom Bahnhof Römerstadt, müssen sich deswegen nicht sorgen. Sie operieren auf dem Territorium der Frankfurter Verkehrsgesellschaft.

HANS RIEBSAMEN

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