22. April 2005 Diageo, der Weltmarktführer im Spirituosengeschäft, wird die Hälfte seiner Arbeitsplätze in Deutschland streichen. Das bestätigte am Freitag eine Sprecherin des Unternehmens, dessen Deutschlandzentrale in Rüdesheim ansässig ist. Am Montag sollen die Verhandlungen mit dem Betriebsrat beginnen. Von den 167 Mitarbeitern der deutschen Vertriebsgesellschaft sollen nur noch 86 weiterbeschäftigt werden. Als Begründung nannte Geschäftsführer Ulrich Melzer die allgemeine Konsumschwäche, den sinkenden Spirituosenabsatz sowie vor allem die deutsche Sondersteuer auf sogenannte Alcopops. Erste Anzeichen für eine Krise hatte es vor knapp zwei Monaten gegeben: Uwe Schneider, Chef von Diageo Deutschland, hatte das Unternehmen nach neun Jahren überraschend verlassen.
"Hans Eichel und Ulla Schmidt sind mit ihrem Gesetz einfach zu kurz gesprungen", sagte eine Diageo-Sprecherin. Der Verkauf der vor allem von jungen Leuten konsumierten alkoholischen Mischgetränke war durch die Steuer nach Unternehmensangaben auf dem gesamten Markt um mehr als 70 Prozent, bei Diageo selbst um immerhin knapp 50 Prozent eingebrochen. Durch die Steuer waren die Alcopops um 80 bis 90 Cent teurer geworden, außerdem muß seither auf dem Etikett gesondert auf das Verbot des Verkaufs an Minderjährige hingewiesen werden. Diageo war gegen die Sondersteuer vor das Bundesverfassungsgericht gezogen, jedoch unterlegen.
Zuvor hatte der Verkauf vor allem des Wodka-Mischgetränkes "Smirnoff Ice" bei Diageo einen kometenhaften Aufstieg genommen. Der Absatz stieg 2003 um 670,4 Prozent und hatte damit Absatzrückgänge bei der Diageo-Marke Guinness, die mit dem Dosenpfand, aber auch mit Schwierigkeiten in Irish Pubs begründet wurden, leicht ausgleichen können. Jetzt will der Konzern, nachdem man viele junge Leute als Kunden wieder verloren hatte, in der Zielgruppe "40 plus" mit Malt Whisky Boden gutmachen. In Amerika steigt Diageo außerdem verstärkt ins Wein-Geschäft ein. Für das Geschäftsjahr 2003/2004 hatte Diageo Deutschland seine Ziele deutlich verfehlt, die Erlöse waren um 17 Prozent gesunken. Das Sparprogramm des neuen Europa-Chefs Andrew Morgan sieht unter anderem vor, einen Großteil des Vertriebs von Budapest aus zu steuern. Außerdem soll im Vertrieb für den Lebensmittelhandel mit sogenannten Lease-Sale-Forces gearbeitet werden - externen Saisonkräften von Spezialanbietern, die man je nach Bedarf nur zu den Spitzenzeiten, etwa für das Weihnachtsgeschäft, einsetzen könne. In Rüdesheim verbleiben soll vor allem die Geschäftsleitung für Deutschland, das Marketing, ein Rest-Vertrieb sowie die Abteilungen Corporate Relations und Personal.
Der Spirituosen-Standort Rüdesheim hat eine große Vergangenheit: Als Stammsitz der Traditionsmarke Asbach hat man Weinbrandgeschichte geschrieben. 1993 war die 1892 von Hugo Asbach gegründete Weinbranddestillerie von United Destillers and Vintners übernommen worden, die 1998 mit Weltmarken Import in Wiesbaden fusionierte. 1999 verkaufte man die Asbach-Produktion an Underberg, es bleib ein reiner Spirituosen-Vertrieb. Nach der Fusion mit Guinness firmierte die Gesellschaft 2002 in Diageo Deutschland um. (sibi.)
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