05. August 2005 Immer weniger hessische Grundschüler lernen schwimmen. Zwar sollen sich Schüler laut Lehrplan des Landes bis zum Ende der vierten Klasse sicher im Wasser bewegen, aber nach der Schließung von Bädern in vielen Kommunen ist zu wenig Gelegenheit für die Ausbildung. "Wir können die Vorgabe nur noch eingeschränkt erreichen", sagt Klaus Paul, der im hessischen Kultusministerium für den Schulsport zuständig ist: "Die Bäderschließungen wirken sich massiv auf das Unterrichtsangebot aus." Vor allem in den Landkreisen sei das Angebot dezimiert. "Früher konnten die Grundschulen ein Jahr lang Schwimmunterricht anbieten", sagt Paul. Heute würden viele maximal noch ein halbes Jahr abhalten: "Es fehlt einfach an Wasserfläche." Nach einer Emnid-Umfrage der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) kann inzwischen über ein Drittel der unter 18 Jahre alten Deutschen nicht schwimmen.
In einer Studie über den Schulsport, die im vergangenen Monat veröffentlicht wurde (Sprint-Studie), weisen Wissenschaftler darauf hin, daß einem Fünftel aller Grundschulen in Deutschland kein Schwimmbad zur Verfügung stehe. "Was im Lehrplan steht, wird nicht umgesetzt", sagt auch Robert Prohl, Professor für Sportpädagogik an der Uni Frankfurt, der an der Studie mitgearbeitet hat. Dabei sei es wichtig, das Schwimmen so früh wie möglich zu erlernen. "Mit der Wassergewöhnung kann man sogar schon im Kindergartenalter anfangen", meint Prohl. "Wenn man nicht als Kind schwimmen lernt, wird man sein Leben lang eine gewisse Scheu vor dem Wasser haben."
Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft sieht die Entwicklung mit Sorge: "Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen Schwimmfähigkeit der Bevölkerung und Ertrinkungszahlen", sagt der Pressesprecher der Gesellschaft, Martin Janssen. Seit den siebziger Jahren, in denen viele neue Schwimmbäder gebaut wurden, sei die Zahl ertrunkener Menschen bis Ende der achtziger Jahre stark gesunken. Seitdem beobachtet die DLRG allerdings wieder einen Anstieg der Zahl: Ertranken 1988 noch 378 Menschen, so waren es im Jahr 2004 schon wieder 470. Im Jahr davor seien aufgrund des heißen Sommers sogar 644 Menschen im Wasser ums Leben gekommen.
Neben der Schließung von Bädern kritisiert Janssen auch den Trend zur Umwandlung von herkömmlichen Schwimmanstalten zu sogenannten Erlebnisbädern mit Whirlpool und Wasserrutschen. "Da gibt es meist keine Möglichkeit mehr, die Leute auszubilden." Im vergangenen Jahr sind von der DLRG deutlich weniger Schwimmabzeichen vergeben worden als noch vor 25 Jahren. Während in Frankfurt 1979 noch 971 Menschen die Ausbildung zum Freischwimmer, Fahrtenenschwimmer oder Rettungsschwimmer absolvierten, war es im vergangenen Jahr nur noch 371.
Das Frankfurter Schulamt sieht die Lage in der Stadt dennoch gelassen: "Wir können die Anforderungen der Schulen erfüllen", sagt Dorothea Schneeweiß, die die Nutzung der Badeanstalten für die Schulen koordiniert. Lediglich vier der 72 Grundschulen in der Stadt böten derzeit keinen Schwimmunterricht an. Auch für das kommende Halbjahr stünden für die Schulen vorraussichtlich genügend Schwimmbäder zur Verfügung.
Allerdings sind in der Vergangenheit auch in Frankfurt Schwimmbäder geschlossen worden. Vor zehn Jahren wurde etwa das zentrale Stadtbad Mitte zugemacht. Im vergangenen Jahr stellte das Sachsenhäuser Textorbad seinen Betrieb ein. Für das Jahr 2007 ist dort allerdings wieder die Neueröffnung geplant. Dann wird voraussichtlich der 1. Frankfurter Schwimmclub dort den Betrieb übernehmen. Vorgesehen sei die gleiche Nutzung wie vor der Schließung, sagt der Vorsitzende des Vereins Michael Wolski - also wird das Bad auch wieder für Schulklassen zur Verfügung stehen. Ein ähnliches Modell gibt es bereits für das Hallenbad Höchst, wo der 1. Sindlinger Schwimmclub übernommen hat. Die Übernahme des Textorbades durch seinen Verein sei zwar nicht die optimale Lösung, aber nur so könne das Schwimmbad wieder aufgemacht werden, meint Wolski. "Wir standen vor der Wahl: Entweder der Verein übernimmt den Betrieb, oder es gibt kein Bad mehr in Sachsenhausen." (thub.)
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