Schulen

Fast jeder zweite hessische Lehrer wird bald pensioniert

07. März 2005 Die hessische Kultusministerin Karin Wolff (CDU) sieht zwar noch keinen Grund zur Entwarnung, das Ansteigen der Zahl von Lehramtsstudenten vor allem in Mangelfächern sei aber "ein positives Signal". Lehrerverbände wie der Verband Bildung und Erziehung (VBE) prognostizieren hingegen "ein Fiasko": Schon heute haben 43 Prozent aller hessischen Lehrer das 55. Lebensjahr überschritten, in den nächsten zehn Jahren werden rund 20000 Stellen im hessischen Schuldienst neu zu besetzen sein. Hessen steht ein pensionsbedingter Generationswechsel bei der Lehrerschaft bevor. Eine große Chance, die vertan wurde, meint der stellvertretende VBE-Landesvorsitzende Thomas Müller. Denn statt nach modernen pädagogischen Gesichtspunkten ausgebildetes Personal in die Schulen zu schicken, fehlt es außer an den Grundschulen fast überall an Lehrern, Quereinsteiger sollen die Lücken schließen. "Selbst wenn wir den nackten Zahlen nach alle Kollegen ersetzen können, wird die Qualität das große Problem", meint der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes Hessen, Ullrich Kinz.

Nach Angaben des Statistischen Landesamtes in Wiesbaden studierten in Hessen im Wintersemester 2003/2004 genau 18137 junge Leute "auf Lehramt". 1999/2000 waren es nur 13769, die diesen Abschluß anstrebten. Allerdings sank die Zahl der Lehramtsanwärter im aktuellen Semester nach einer bisher unveröffentlichten Erhebung wieder auf 16436. Dies bedeute jedoch keinen Rückgang des Interesses am Lehramt, sondern sei auf den "Bereinigungseffekt" zurückzuführen, meint Peter Bonk, Sachgebietsleiter Hochschulstatistik beim Statistischen Landesamt. Nicht nur Langzeit-, sondern vor allem Zweitstudierende hätten sich wegen des neuen Studienguthabengesetzes und der damit verbundenen Gebühren abgemeldet, meint Bonk. So könne auch in den Mangelfächern nach einem Anstieg nun von "einer Stagnation auf hohem Niveau" gesprochen werden. Seinen Angaben nach studierten 1999/2000 nur 2735 junge Leute Mathematik, 2003/2004 dann 4078 und im aktuellen Semester 3942. Für Chemie waren 470 Studenten eingeschrieben, dann 694 und heute 629, bei der Physik waren es 445, 522 und nunmehr 521.

Doch weder diese insgesamt positive Tendenz noch die Tatsache, daß die Schülerzahlen bis 2018 voraussichtlich um 25 Prozent sinken werden, wird den akuten Lehrermangel beheben können, glaubt Müller. "Das Schlimmste, das passieren könnte, wäre ein Eingriff in die Stundentafel, also eine Reduzierung des Unterrichts", sagt Müller. Ebenso wie der hessische GEW-Landesvorsitzende Jochen Nagel hält er den Rückgriff auf Quereinsteiger für problematisch.

So sollen nach dem Willen der Landesregierung auch Förster vom Forsthaus in das Klassenzimmer wechseln. 56 Forstbeamte, deren Arbeitsplätze im Rahmen der Operation "Sichere Zukunft" gestrichen wurden, hospitieren nach GEW-Angaben derzeit an hessischen Schulen, sie sollen zu Lehrkräften umgeschult werden. In den Lehrerberuf "kann man aber nicht einfach so wechseln", meint Nagel. Die Förster müßten wie jeder andere Lehramtsanwärter drei Jahre studiert und zwei Jahre Referendariat absolviert haben, bevor sie den neuen Anforderungen gewachsen seien. Die GEW protestiert gegen "Lehrer light". Künftig werde immer mehr Unterricht von mangelhaft qualifizierten Leuten gehalten, fürchtet Nagel.

Der Lehrerberuf muß wieder deutlich attraktiver werden, darin sind sich alle drei Lehrerverbände einig - und das Kultusministerium. Wolff glaubt, durch verstärkte Öffentlichkeitsarbeit erste Erfolge erzielt zu haben. Erstmals hatte Hessen im Dezember 2000 mit Zeitungsannoncen bundesweit auf den steigenden Lehrerbedarf in Mangelfächern aufmerksam gemacht. Gleichzeitig wurde mit der "Tekno Now"- Aktion für technische und naturwissenschaftliche Studiengänge geworben. Im Jahr 2003 startete die Landesregierung mit "Bildung - unser Ticket in die Zukunft" eine Informations- und Werbekampagne für den Lehrerberuf.

Die GEW fordert hingegen vor allem bessere Arbeitsbedingungen für Lehrer. Die Pflichtstundenzahl müsse reduziert und mehr Zeit für Vor- und Nachbereitung gewonnen werden. Ebenso notwendig seien kleinere Klassen. Auch steige der Druck auf die Lehrer ständig. So müßten sie immer mehr soziale Aufgaben übernehmen, meinen Müller und Kinz. Zudem verschärften neue Bestimmungen die Situation. So soll es in diesem Jahr zum ersten Mal einen "Lehrer-TÜV" geben. Auch sind die rund 55000hessischen Lehrer jetzt per Gesetz zur Fortbildung nach einem ausgeklügelten Punktesystem verpflichtet.

Doch das Image der Pädagogen ist in Deutschland extrem schlecht. "Lehrer werden in der Öffentlichkeit oft als Defizitverwalter im Reperaturbetrieb Schule dargestellt", meint Kinz. Das halte viele junge Menschen davon ab, in einen derartigen Beruf zu wechseln. Für Nagel liegt das Imageproblem eher darin, "daß Lehrer in Deutschland die Schüler dauernd sortieren und selektieren müssen, sie sind bessere Platzanweiser". In Finnland hingegen seien Lehrer Berater und Förderer und würden daher ein entsprechend hohes Ansehen in der Gesellschaft genießen. Nur unter Einbeziehung des Gemeinwesens in die Schule, also in eine Ganztags- und Gemeinschaftsschule, könne sich dieses Bild in Deutschland ändern.

Entnervt sind Pädagogen wie Müller vor allem darüber, "daß wir seit Jahren warnen". Der Wechsel von Lehrermangel und -überangebot wiederhole sich ständig, ohne daß es eine kontinuierliche Zukunftsplanung gebe. Lehrer würden wie Saisonkräfte betrachtet, moniert Müller.

Sicher ist sich der VBE-Mann auch, daß neben der absehbaren Pensionierungswelle eine neue "Burn-out-Welle" droht. Um bis zu vier Prozent werde die Zahl derer steigen, die wegen psychosomatischer Erkrankungen den Schuldienst verlassen müßten, glaubt er. Nach einem dramatischen Anstieg verzeichnete das Statistische Landesamt zunächst ein enormes Sinken der Zahl von "Abgängen wegen Dienstunfähigkeit vor Erreichen der Altersgrenze". Da der Lehrerberuf keine große Unfallgefahr birgt, liegen einem Großteil dieser Dienstunfähigkeit psychosomatische Erkrankungen zugrunde, ist man sich bei den Statistikern in Wiesbaden sicher. Seit dem Schuljahr 1998/1999 stieg die Zahl besagter Abgänge von 572 über 838 auf 1685 an und sank dann vom Schuljahr 2001/2002 an von 1512 über 480 bis auf nur 329 im vergangenen Schuljahr.



 

Kultusminister Banzer korrigiert den Kurs seiner Vorgängerin Wolff - was ist davon zu halten?

Ergebnis
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche