Landwirtschaft

Mit „Feldbefreiern“ ist zu rechnen

Von Thorsten Winter

08. Mai 2007 Hessen fällt derzeit auf der Landkarte der Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen kaum auf. Auf nur 2450 Quadratmetern oder einem viertel Hektar wachsen Mais oder Gerste, denen fremde Gene eingepflanzt worden sind. Zum Vergleich: In Brandenburg sind es 1926 Hektar und in Mecklenburg-Vorpommern gut 668 Hektar. Allerdings ragt Gießen bei den landwirtschaftlichen Gentechnik-Projekten in Deutschland heraus, denn in der Stadt an der Lahn laufen zwei der drei hessischen Freilandversuche. In beiden Fällen ist die Universität beteiligt.

Für Aufsehen hat dabei besonders das Vorhaben der Pflanzenbauspezialisten um Wolfgang Friedt gesorgt, im Auftrag des Bundessortenamts, das Saatgut zulässt, unter anderem acht veränderte Maissorten zu testen. Nicht nur bei Gentechnik-Gegnern und Imkern, die Nachteile für Honig und Insekten befürchten, ist dies auf Kritik gestoßen, sondern auch bei anderen Pflanzenbauexperten. Gleichwohl hat Friedt mit Kollegen wie geplant die gut 60 Maissorten auf einem etwa 700 Quadratmeter großen Feld am Rande der Stadt ausgebracht - und eben auch die acht umstrittenen Sorten deutscher Hersteller, die ein von dem amerikanischen Unternehmen Monsanto entwickeltes Gen gegen den Schädling Maiszünsler enthalten: Diese Pflanzen erzeugen ein Gift und wehren sich damit gegen den Maiszünsler, einen bräunlichen Falter, dem Mais sonst als Nahrungsquelle dient.

Friedt verteidigt die Untersuchungen gegen die vielstimmige Kritik. Die Biotechnologie bringt der Landwirtschaft Vorteile, die in erster Linie den Bauern zugute kommen, wie er meint. Indem Mais ein fremdes Gen eingezüchtet werde, lasse sich der Einsatz von Insektenvernichtungsmitteln vermeiden. Zudem sei das von diesen Pflanzen produzierte Gift nur für den Maiszünsler schädlich, aber nicht für den Menschen. Dass die für die Landwirtschaft in der Breite so wichtigen Bienen in Mitleidenschaft gezogen würden, sei „nicht erwiesen“.

Bis zum Herbst soll der Mais wachsen, bevor er geerntet wird. Ob und inwieweit die Trockenheit der vergangenen Wochen den Freilandversuch beeinträchtigt, ist laut Friedt noch offen. Ein Teil der Samen sei nicht aufgegangen, eine Ausfallrate von zehn Prozent könne aber verkraftet werden, ohne die statistischen Aussagen, die aus dem Anbau folgen, zu verfälschen. Allerdings könnte sich nicht nur das Wetter als harter Gegner erweisen: Schon in der Vergangenheit sind Gentechnik-Gegner in Gießen gegen Freilandversuche vorgegangen, so am Pfingstwochenende des vergangenen Jahres, als eine Parzelle mit gentechnisch veränderter Gerste gestürmt wurde.

Zwar hat die Staatsanwaltschaft Gießen deshalb gerade vier selbsternannte „Feldbefreier“ angeklagt, die sich wegen Hausfriedensbruchs und Sachbeschädigung verantworten müssen. Gleichwohl liegt Friedt eine Drohung von „Feldbefreiern“ vor, wie er sagt. Angesichts dessen sehe eine Polizeistreife regelmäßig auf dem Maisfeld nach dem Rechten - den Acker aber rund um die Uhr bewachen zu lassen, dafür fehlt dem Pflanzenzüchter das Geld, wie er sagt. Er will sich aber mit einem Bauzaun um den Acker behelfen.

Dagegen greift Karl-Heinz Kogel vom Institut für Pflanzenkrankheiten auf einen Wachdienst zurück, der von der Universität bezahlt wird und besonders nachts im Einsatz ist. Denn auf zehn Quadratmetern setzt Kogel mit Mitarbeitern den Versuch mit Gen-Gerste vom vergangenen Jahr fort; 5000 Setzlinge sind gepflanzt. Ein Teil der Pflanzen trägt ein Gen in sich, das die Gerste ein Eiweiß produzieren lässt, das gegen Pilzerkrankungen wirkt. Bei dem Versuch im Rahmen des Biosicherheitsprogramms des Bundes wollen die Forscher herausfinden, ob die Gen-Gerste nur unerwünschte oder auch nützliche Pilze im Boden schädigt.

Text: F.A.Z., 09.05.2007, Nr. 107 / Seite 64

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