28. August 2003 Das am 28. Juli 1994 aus der Frankfurter Schirn Kunsthalle geraubte Gemälde "Nebelschwaden" von Caspar David Friedrich ist am Dienstag am Tatort zurückgegeben worden. Ein Mitarbeiter der Schirn nahm, wie am Donnerstag aus der Kunsthalle verlautete, das Bild in Empfang. Inzwischen befindet sich das Werk des deutschen Romantikers wieder an dem Ort, von wo es für die Ausstellung "Goethe und die Kunst" vor neun Jahren ausgeliehen worden war: in der Hamburger Kunsthalle, in deren Besitz es seit 1911 ist. Dort ist am Donnerstag die Echtheit des Bildes bestätigt worden. Der Rahmen fehlt, das kleinformatige Bild selbst ist jedoch in einwandfreiem Zustand und offensichtlich sachgerecht gelagert worden, sagte Uwe M. Schneede, Direktor des Museums in der Hansestadt. Am Dienstag nächster Woche soll das Kunstwerk - mit neuem Rahmen versehen - wieder in die Dauerausstellung eingefügt werden. Die Landschaftsdarstellung war zusammen mit zwei bedeutenden Arbeiten William Turners, Leihgaben der Londoner Tate Gallery, aus der Schirn gestohlen worden. Die Werke "Licht und Farbe" und "Schatten und Dunkelheit" waren schon im Dezember vorigen Jahres in das englische Museum zurückgebracht worden. Über die näheren Umstände wurde bis heute Stillschweigen bewahrt.
Geld, erläuterte der Hamburger Museumsleiter Schneede, sei für die Wiederbeschaffung des Friedrich-Gemäldes nicht gezahlt worden. Der Geschäftsführer des Hauses, Tim Kistenmacher, führte aus, der Vermittler, der sich im Januar 2003 gemeldet hatte, habe nach langen Verhandlungen entnervt aufgegeben. Nach Auskunft des Kunstinstituts hatte er zunächst einen Lösegeldbetrag in Höhe von 1,5 Millionen Euro und eine "Vermittlungsgebühr" von 250000 Euro verlangt. Die Hamburger Kunsthalle habe sich mit der Frankfurter Staatsanwaltschaft abgestimmt, von der die Kultureinrichtung autorisiert worden sei, weitere Gespräche mit dem Mittelsmann zu führen. In Telefonaten sei die Summe immer weiter reduziert worden, hieß es. Man habe dem Mittelsmann deutlich gemacht, daß Museen nicht erpreßbar seien und es keinen Markt für Diebesgut aus Ausstellungsinstituten gebe. Zuletzt habe dieser nur noch eine "Aufwandsentschädigung" von 25000 Euro gefordert.
Mitte Juli jedoch habe der Vermittler erklärt, er habe das Bild selbst in Besitz genommen. Damit habe sich die juristische Situation verändert: Nun hätte man den Mann straf- und zivilrechtlich unmittelbar belangen können. Vor die Wahl gestellt, entschied sich der Vermittler zur Rückgabe des Bildes. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft bestätigte, daß sie die Identität des Vermittlers kennt. Gegen den Mann bestehe aber keinerlei Verdacht, sagte Oberstaatsanwalt Rainer Schilling am Donnerstag. Zu weiteren Einzelheiten oder Ermittlungsergebnissen wollte er sich nicht äußern. Zwei Kunsträuber und ein Hehler waren im Februar 1999 in Frankfurt zu Haftstrafen zwischen zweieinhalb und elf Jahren verurteilt worden. Hinweise auf die Hintermänner und den Verbleib der Bilder hatte der Prozeß jedoch nicht ergeben. Von den drei verurteilten Helfern sitzen nach Angaben der Frankfurter Staatsanwaltschaft noch zwei im Gefängnis.
Die Kunsträuber waren seinerzeit professionell vorgegangen. Sie besaßen offenbar detaillierte Informationen über das Sicherheitssystem des Schirn-Gebäudes und schlugen zu einem Zeitpunkt zu, als die Besucher aus dem Haus, alle Türen verriegelt waren und der Wachmann seine Runde drehen wollte, um dabei wie üblich die "Block-Sicherung" einzuschalten. Diese schützt nachts das Gebäude wie ein unsichtbarer Schirm und löst bei der kleinsten Bewegung Alarm aus. Die Räuber entkamen mit Hilfe eines Schlüssels, den sie dem überfallenen Mann vom Sicherheitsdienst abnahmen. Schneede, schon damals Direktor der Hamburger Kunsthalle, entlastete seinerzeit die Schirn vom Vorwurf mangelnder Vorsorge: Seine Institution, sagte er, leihe ihre Bilder grundsätzlich nur an solche Häuser aus, deren Sicherheitsbedingungen dem internationalen Standard entsprächen.
Das Bild "Nebelschwaden" stammt vermutlich aus dem Jahr 1820. Friedrich war 46 Jahre alt, als er es malte. Die Hamburger Kunsthalle besitzt neben anderen Meisterstücken des Malers auch das "Eismeer", ein Hauptwerk des Künstlers. In der Schirn zeigte man sich am Donnerstag erleichtert über die Rückgabe. Eine Sprecherin des Hauses sagte, der Kunstraub von 1994 habe die Situation sicherlich nicht erleichtert, wenn es um Leihgaben aus Museen für Schirn-Ausstellungen ging. (zer.)
Bildmaterial: dpa/dpaweb
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