14. Februar 2006 Während bei neuen Protesten gegen die dänischen Mohammed-Karikaturen in Pakistan zwei Menschen getötet wurden und in Teheran erstmals auch die deutsche Botschaft angegriffen wurde, haben dänische Muslime eine Mitverantwortung für die Ausschreitungen in der islamischen Welt übernommen. Die von ihm vertretene Islamische Gesellschaft Dänemarks sei bereit, ein Drittel der Verantwortung zu tragen, wenn die dänische Regierung und die Zeitung Jyllands-Posten die anderen zwei Drittel übernähmen, sagte Ahmed Akkari am Dienstag der Nachrichtenagentur AP.
Die Zeitung Jyllands-Posten hatte im September die Zeichnungen veröffentlicht, welche eine Delegation dänischer Muslime im Dezember in mehreren islamischen Ländern gezeigt hatte. Grund für diese Reise sei die Weigerung der Regierung in Kopenhagen gewesen, sich mit ihren Bedenken zu befassen, sagte Akkari. Die Ausschreitungen seien nicht beabsichtigt gewesen.
Randale
In Islamabad stürmten am Dienstag mehr als 1000 Menschen das Botschaftsviertel. In Lahore randalierten Tausende, warfen Scheiben ein und plünderten die Niederlassung eines norwegischen Mobilfunkunternehmens. Innenminister Aftab Khan Sherpao sagte, zwei Demonstranten in Lahore hätten eine Bank stürmen wollen und seien von einem Wachmann erschossen worden. Ziele der Demonstranten waren auch amerikanische Schnellrestaurants und Hotels. In Islamabad protestierte die Menge vor der britischen und der französischen Botschaft, bevor sie von der Polizei mit Tränengas vertrieben wurde. Die Demonstranten waren durch das Haupttor in das Botschaftsviertel eingedrungen, das von Polizisten bewacht wurde, die aber nicht eingriffen.
In Teheran bewarfen Demonstranten die deutsche und die britische Botschaft mit Brandsätzen, Steinen und Feuerwerkskörpern. Die Vertretung Deutschlands wurde offenbar nicht beschädigt, die britische leicht. Die Teilnehmer der Proteste führten fünf Esel mit sich, welche die Flaggen der Vereinigten Staaten, Großbritanniens, Deutschlands, Dänemarks und Frankreichs trugen. Ein Hund trug die israelische Flagge. Die Polizei trieb die Demonstranten auseinander.
Die mehreren Dutzend Demonstranten vor der deutschen Botschaft beschimpften die Deutschen als Faschisten und willfährige Diener des Zionismus. Sie nahmen auch Bezug auf eine Karikatur in der Berliner Zeitung Tagesspiegel, gegen welche Iran förmlich protestiert hatte. Der nun mit dem Tode bedrohte Karikaturist Klaus Stuttmann hatte vier iranische Fußballspieler mit umgeschnallten Bombengürteln gezeichnet und daneben vier Bundeswehrsoldaten.
Morddrohungen
Die Redaktion des Tagesspiegel teilte mit, die Karikatur habe den geplanten Einsatz der Bundeswehr bei der Fußballweltmeisterschaft karikieren, nicht aber die iranischen Fußballer lächerlich machen wollen. Der Berliner Zeichner erhielt mehrere Morddrohungen und hat aus Sicherheitsgründen seine Wohnung verlassen. Die Bundesregierung verlangte von der iranischen Regierung den Schutz deutscher Einrichtungen. Die Bundesregierung erwartet vollständigen Schutz deutscher Einrichtungen und hat dies auch gegenüber der iranischen Seite verdeutlicht, sagte ein Sprecher des Außenministeriums in Berlin.
Erstmals äußerte sich der EU-Kommissionspräsident Barroso zum Karikaturenstreit. Der Jyllands-Posten sagte er, die Meinungsfreiheit sei ein fundamentaler Wert in Europa und nicht verhandelbar. Barroso lehnte Erwägungen auch im Kreis der EU-Kommissare ab, einen Verhaltenskodex für Journalisten einzuführen. Der tschechische Außenminister Svoboda forderte die EU dazu auf, sich unmißverständlich auf die Seite Dänemarks zu stellen. Als ein deutliches Zeichen der europäischen Solidarität käme etwa eine finanzielle Entschädigung für die Verluste in Frage, die Dänemark als Folge des Boykotts der islamischen Länder erlitten habe, sagte Svoboda. Europa habe sich im Karikaturenstreit chaotisch verhalten wie eine wilde Biene.
UN-Generalsekretär Annan sagte, er habe keine Beweise dafür, daß Syrien und Iran antiwestliche Proteste wegen der Mohammed-Karikaturen geschürt haben könnten. In einem Interview des amerikanischen Senders CNN sagte Annan am Montag, derartige Proteste habe es auf der ganzen Welt gegeben. Syrien und der Iran trügen aber dieselbe Verantwortung wie alle anderen Staaten, Angriffe auf diplomatische Vertretungen zu verhindern. Sie sollten den betroffenen Regierungen den entstandenen Schaden ersetzen.
Schuldzuweisungen
Im Streit um die Mohammed-Karikaturen hat die bisherige Einigkeit unter den dänischen Parteien Risse bekommen. Ministerpräsident Rasmussen und Außenminister Moller wiesen sich zunächst wechselseitig die Schuld zu für Fehlinformationen Rasmussens an das Parlament. Oppositionsparteien wollen Rasmussen vor einem Ausschuß befragen, obwohl der Außenminister am Dienstag nachmittag die Schuld für Fehlinformationen auf sich nahm.
Dabei ging es um Behauptungen des Ministerpräsidenten, es habe Ende vergangenen Jahres ein Gespräch zwischen elf Botschaftern muslimischer Staaten und dem Außenminister über die umstrittenen Mohammed-Karikaturen gegeben. Weithin wird Rasmussen vorgeworfen, er hätte die Eskalation zu einem weltumspannenden Konflikt frühzeitig entschärfen können, wenn er auf die Bitte der elf Botschafter um ein Gespräch eingegangen wäre. An dem Gespräch mit Moller, auf das er später hinwies, hätten entgegen seiner schönmalerischen Einlassung aber nur acht der elf Botschafter teilgenommen, und es sei nicht um die Zeichnungen gegangen.
Text: F.A.Z., 15.02.2006, Nr. 39 / Seite 1
Bildmaterial: dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb
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