Von Daniel Deckers
18. April 2008 Nicht Böses getan, sondern auch Gutes unterlassen zu haben - was jeder Gläubige zu Beginn der Messfeier bekennt, das hat Papst Benedikt XVI. am Freitag der Staatengemeinschaft und ihren Institutionen vorgehalten: nicht nur nicht rechtzeitig und mit allen Mitteln inner- und zwischenstaatlichen Konflikten vorgebeugt, sondern auch im Ernstfall durch Gleichgültigkeit oder die Weigerung einzugreifen noch größeren Schaden angerichtet zu haben. Mit diesen Worten hat sich der Papst aus Deutschland am Beginn des 21. Jahrhunderts in die Tradition seiner Vorgänger Paul VI. und vor allem Johannes Paul II. gestellt: als unbestechlicher Advokat des Rechts eines jeden Menschen auf ein Leben in Würde und Freiheit und ebenso als unermüdlicher Mahner der Mächtigen, ihre Macht nicht zu missbrauchen, sondern in den Dienst der Wahrheit und Gerechtigkeit zu stellen, kurz als Gewissen der Welt.
Indes zeigt sich in diesen Tagen in Washington und New York aufs Neue, dass der Papst diese Rolle weder usurpiert noch auf eine Art Prophetie nach außen reduziert. Der Rede vor den Vereinten Nationen voran ging die Begegnung mit Repräsentanten zahlreicher Religionsgemeinschaften. Darin warb der Papst so deutlich wie selten für das Gespräch zwischen den Religionen. Implizit nahm er auch die katholische Kirche in die Pflicht zum Dialog, um einander besser kennenzulernen und durch die Suche nach der allen Menschen gemeinsamen Wahrheit der Menschheit als Ganzer zu dienen.
Dass der Papst es ungeachtet aller Irritationen im Umfeld der Regensburger Rede und der Neuformulierung der Karfreitagsfürbitte ernst meint, darf nicht nur vermutet werden. Seine Worte und Gesten gegenüber den Repräsentanten des Judentums wie auch die Vorbereitungen im Vatikan für eine neue Phase des Dialogs mit Muslimen zeigen, dass Benedikt die Verantwortung als Brückenbauer mittlerweile ebenso ernst nimmt wie die Verpflichtung, das Profil der katholischen Kirche zu schärfen. Gleichgültigkeit und die Weigerung zu handeln sind, wie sich an dem Umgang mit den Verbrechen von Priestern an Minderjährigen gezeigt hat, auch in der Kirche nicht unbekannt. Auch daran hat der Papst in Washington erinnert und durch die überraschende Begegnung mit einigen Opfern ein Zeichen gesetzt, das seine Vorgänger und viele Bischöfe bis heute schuldig geblieben sind.
Text: F.A.Z.