18. November 2008 Auch nach dieser Pisa-Studie ist die Alibidebatte über die Schulstruktur ausgebrochen. Belegbare Gründe für eine Einheitsschule bietet aber auch der Ländervergleich nicht. Vielmehr ist das Gymnasium durchgängig die Schulform, der es trotz der höheren Schülerzahl gelungen ist, ihr Niveau zu halten. Zugleich sind die Leistungsunterschiede unter den Gymnasien geringer als zwischen den Ländern. Eindeutig ist allerdings die Tendenz zu einem zweigliedrigen Schulsystem. Unüberschaubare Schulvielfalt wie im leistungsschwachen Hamburg wird sich als ruinös erweisen. Es kommt eben nicht darauf an, wo die vom Scheitern bedrohten Schüler gefördert werden, sondern auf die wirkungsvollsten Methoden.
Dem Spitzenland Sachsen ist es gelungen, den Anteil der Risikoschüler klein zu halten. Dafür ist nicht nur der geringere Ausländeranteil verantwortlich. Trotz des Schülerrückgangs hat Sachsen darauf verzichtet, allzu viele Lehrerstellen zu opfern. Im Unterschied zu Bayern und Baden-Württemberg gibt es dort keinen Lehrermangel. Sachsen hat Feriencamps und andere Förderangebote für leistungsschwache Schüler eingerichtet und dadurch den Anteil der Schüler mit mittlerem Schulabschluss erhöht.
Wer nicht lesen kann, wird kein mündiger Bürger
Hinzu kommen ein leistungsorientierter Unterricht mit hohen kognitiven Anforderungen sowie eine kontinuierliche Schulpolitik, die sich jedenfalls nicht durch Aktionismus auszeichnete, sowie eine solide Tradition der naturwissenschaftlichen Bildung mit hohem Sozialprestige aus der DDR-Zeit. Trotz guter Leseleistungen liegt auch Sachsen noch ein Schuljahr unterhalb der internationalen Spitzenwerte, bei Bremen sind es fast vier Schuljahre.
Die geringen Fortschritte im Lesen vor allem bei den Risikoschülern gehören zu den bedenklichsten Befunden der Pisa-Studie, weil das Lesen die Schlüsselvoraussetzung für jeglichen Bildungserwerb, auch für das Mathematikverständnis, bildet. Wegen der direkten Abhängigkeit der Lesefähigkeit von der sozialen Herkunft gibt es hier nur wenig Fortschritte.
Es ist alarmierend, wenn in Berlin 73 Prozent der Hauptschüler und 32 Prozent der Gesamtschüler über rudimentäre Lesekenntnisse aus der Grundschule nicht hinausgelangen. Sie sind weder ausbildungsfähig noch dazu in der Lage, ihre Verantwortung als mündige Staatsbürger wahrzunehmen. Eine Einheitsschule wird ihre Defizite nicht beheben.
Text: F.A.Z.