Welternährungsgipfel

Das Versagen der FAO

Von Tobias Piller

Jacques Diouf will dennoch weitermachen wie bisher

Jacques Diouf will dennoch weitermachen wie bisher

03. Juni 2008 Ausgerechnet die Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen, kurz FAO, scheint von der Diskussion über die dramatisch gestiegenen Lebensmittelpreise auf dem falschen Fuß erwischt worden zu sein. Natürlich hatten die Fachleute der FAO in einigen der vielen Routineberichte vorausgesagt, wegen der Trockenheit in Australien werde das Angebot an Weizen auf dem Weltmarkt knapper.

Doch am Sitz der Organisation in Rom zeigten sich viele überrascht von der globalen Reaktion. Politiker und Medien ereiferten sich über sprunghaft steigende Lebensmittelpreise, düstere Szenarien für die Nahrungsmittelversorgung oder die Zusammenhänge zwischen dem Verbrauch von biologischem Treibstoff und Hunger. Um Terrain zurückzugewinnen, organisierte FAO-Generaldirektor Jacques Diouf kurzfristig ein Gipfeltreffen zu Ernährungsfragen.

Viel Stoff zur Empörung

Die Meinungsführerschaft zum Thema Nahrungsmittelpreise, Ernährungssicherung und biologische Treibstoffe hat die FAO unterdessen längst verloren. Die Weltbank hingegen, die jahrelang kaum noch Interesse an Landwirtschaftsthemen gezeigt hat, dramatisierte in einem Report die Lage zur Ernährungskrise, um neue Leistungen für Entwicklungsländer anzupreisen.

Zugleich bietet die aktuelle „Krise“ auch Kritikern der Globalisierung und Anhängern überkommener Entwicklungsmodelle für die Dritte Welt viel Stoff zur Empörung.

Dass unter kräftig gestiegenen Nahrungsmittelpreisen besonders die armen und unterernährten Bevölkerungsschichten in Entwicklungsländern leiden, gehört auch für die Fachleute der FAO zu den wichtigen Konsequenzen der hohen Lebensmittelpreise. Doch verzichten sie auf Hysterie und allzu banale Vereinfachungen.

Gegenüber der Betroffenheitsrhetorik der vergangenen Wochen zeichnet sich ihre Analyse durch konstruktive Perspektiven aus: So argumentiert die FAO, höhere Preise böten nun endlich Aussicht auf attraktivere Renditen in der Landwirtschaft. Nachdem jahrelang die Wettbewerbsverzerrung europäischer Ausfuhren von Überschüssen beklagt wurde, könnte nun die stärkere Nachfrage auf dem Weltmarkt auch die Nahrungsmittelproduktion in Entwicklungsländern stimulieren und zur Bekämpfung von Armut beitragen.

Und nachdem es schließlich gelungen ist, eine kräftig wachsende Zahl von Erdbewohnern immer besser zu ernähren, könnte mehr Produktivität in der Landwirtschaft mehr Nahrungsmittel und zudem noch Biosprit hervorbringen, ohne dafür notwendigerweise Raubbau an der Umwelt zu betreiben.

Dioufs Botschaft fehlt die Glaubwürdigkeit

Der Generaldirektor der FAO, der 69 Jahre alte Senegalese Jacques Diouf, hat nun aber begonnen, die Botschaft „seines“ Ernährungsgipfels auf Altbekanntes zu reduzieren: Er warnt vor wachsender Hungergefahr in der Welt. Und er fordert mehr Geld für die Entwicklungsländer. Doch dieser Botschaft fehlt nicht nur die konstruktive Perspektive, sondern die Glaubwürdigkeit. Denn Diouf hat es in fast fünfzehn Jahren an der Spitze der FAO nicht geschafft, in seinem Heimatkontinent Afrika nennenswerte Veränderungen anzustoßen. Dabei hatte er stets bekräftigt, Afrika besitze das Potential, sich selbst zu ernähren und zum Nahrungsmittelexporteur aufzusteigen.

Doch die Länder Afrikas sind für Diouf weniger die Adressaten seiner Entwicklungspolitik als Klientel für seine Wahl und Bestätigung als FAO-Generaldirektor. Deshalb verwundert es nicht, wenn sich der FAO-Chef mit öffentlichen Kommentaren zu afrikanischen Ländern zurückhält, selbst dann noch, wenn ein fruchtbares Land wie Zimbabwe durch einen Despoten zum Armenhaus wird.

So stehen die exzellenten Fachkenntnisse von FAO-Experten im Kontrast zum Versagen der politischen Spitze. Während sich andere UN-Organisationen einen profilierten Chefökonomen leisten, hat Diouf diese Position lange Zeit unbesetzt gelassen und nun einen besonders blassen Kandidaten ausgewählt.

Fragwürdige Entwicklungsprojekte

Kein Wunder, dass es bisher nicht gelang, das Profil der FAO zu schärfen, obwohl die Organisation die Fähigkeit besitzt, in größeren Zusammenhängen zu denken. Hinzu kommt: Fast ein Viertel ihres Budgets gibt die Organisation für fragwürdige Entwicklungsprojekte aus, die aus wahlpolitischen Gründen des Generaldirektors auch an kleine Inselstaaten der Karibik und der Südsee verteilt werden.

Ein weiteres Viertel seiner Mittel nutzt Diouf für Vertretungen der FAO, Regional- oder Subregionalbüros, deren gutbezahlte Chefs vor der politisch ausgekungelten Ernennung nicht unbedingt die Arbeit der FAO kennen müssen. Nun gab es in einem offiziellen Bericht für die Geldgeber auch noch ein vernichtendes Urteil über die interne Organisation und Dioufs autoritären Führungsstil.

Der Generaldirektor will dennoch weitermachen wie bisher. Zahlreiche wichtige Geldgeber sehen dagegen keine andere Wahl, als die Organisation finanziell auszutrocknen, um einen Wandel zu erzwingen. Den besten Beitrag zur Welternährung würde Jacques Diouf deshalb leisten, wenn er Platz machen würde für einen Neuanfang in der FAO.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

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