
Die Banker sind maßlos: Doch das bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Regierung in die Entscheidungsrechte von Eigentümern eingreifen sollte
17. Februar 2009 Die Empörung über Boni für die Investmentbanker hat nun in Deutschland ein Gesicht. Es gehört Stefan Jentzsch, dem ehemaligen Chef des Investmentbanking der Dresdner Bank. Auf ihn konzentriert sich der Ärger der Bundeskanzlerin, von Ministern und Staatssekretären. Über ihn und seine Londoner Söldnertruppe kursieren in Berlin wilde Geschichten. Fest steht nur so viel: Gestritten wird über einen Bonustopf von 400 Millionen Euro. Die Boni sollen als Halteprämie einigen Investmentbankern zugesichert worden sein, die nun auf Auszahlung pochen, obwohl zuvor diese Sparte Milliardenverluste gemacht und so die Dresdner Bank in die Arme der Commerzbank getrieben hat.
Martin Blessing, der Vorstandschef der teilverstaatlichten Commerzbank, will die Boni nicht auszahlen: Man kann nur verteilen, was man verdient hat. Nun droht die Londoner Truppe mit dem Gang vor das Arbeitsgericht. Die Commerzbank musste mit 18 Milliarden Euro vom Steuerzahler gerettet werden, doch die Söldner möchten 400 Millionen mitnehmen. Dieses Verhalten ist scham- und ehrlos, es offenbart die ethischen Abgründe der Branche.
Falsch konstruierte Anreizsysteme
Solche Gehaltsexzesse in Banken wären ohne falsch konstruierte Anreizsysteme nicht möglich gewesen. Da haben Vorstände und Aufsichtsräte versagt und die Aufsichtsbehörden geschlafen. Weil im Investmentbanking Boni der wichtigste Gehaltsbestandteil sind, dominiert in den Handelsräumen das kurzatmige Geschäft.
Heute sieht man, wo das enden kann. Als die Kurse noch stiegen und Kreditkettenbriefe auf amerikanische Hauskäufer weggingen wie geschnitten Brot, machten die Konstrukteure und Verkäufer der ebenso komplexen wie fragwürdigen Wertpapiere ihren Schnitt. Für die langfristigen Risiken der Schrottpapiere haften sie nicht. Die müssen die Aktionäre der Banken tragen. Und wenn Eigenkapitalgeber ihren Einsatz weitgehend verloren haben, muss am Ende der Steuerzahler für die unglaublichen Verluste aus dem bösen Spiel einspringen.
Hantieren mit Rettungsringen
Die staatliche Rettungsautomatik folgt dem Drehbuch der Regierungschefs, die sich nach dem Schock über die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers versprochen haben, nicht noch einmal eine größere Bank untergehen zu lassen. Später sollte man nicht vergessen zu prüfen, wie Banken konstruiert sein müssen, damit sie ohne Gefahr für die Stabilität des Finanzsystems abgewickelt werden können.
Zunächst aber muss der Staat mit Rettungsringen hantieren. Mit jeder Bank, die in Amerika oder Europa gerettet wird, steigt die Wut der Steuerzahler. Der Zorn wächst weiter, wenn man sieht, mit welcher Kaltschnäuzigkeit weiterhin Boni gefordert und gezahlt werden. So haben New Yorker Wertpapierhäuser trotz Verlusten und Staatshilfe in Milliardenhöhe gerade Boni über 18 Milliarden Dollar ausgeschüttet. Diese Boni seien schändlich, kommentierte Amerikas Präsident Obama.
Leistungsanreize wirken segensreich - wenn sie klug konstruiert sind
Vor und während der Krise wirken die Boni wie Brandbeschleuniger. Sie haben die Gier der Investmentbanker angefacht, dazu beigetragen, dass Händler den Blick fürs Risiko verloren haben und in ihrer Kurzatmigkeit die Ausbreitung der Krise befördert. Das ist der Fluch der Boni.
Klug konstruierte Leistungsanreize wirken hingegen segensreich. Sie belohnen Einsatzfreude, honorieren den Erfolg und werden täglich im Vertrieb unzähliger Unternehmen eingesetzt. Boni sind auch nicht die Auslöser der Krise. Wer heute auf die Zocker in den Handelssälen schimpft, trifft zwar auch die Richtigen, aber nicht die Hauptverantwortlichen. Der Ursprung der größten Finanz- und Wirtschaftskrise seit der Großen Depression des letzten Jahrhunderts liegt in den Vereinigten Staaten. Das politische Programm, aus Amerika ein Land der Hausbesitzer zu machen, wurde vom damaligen Notenbankpräsidenten Greenspan unterstützt. Er trieb mit negativen Realzinsen über lange Zeit die Amerikaner geradezu in die Verschuldung.
Scheinheilige Aufregung
Die Aufregung im Kabinett über die Boni der Dresdner Bank ist mehr als populistisch, sie ist scheinheilig. Für Banken, die Staatshilfe in Anspruch nehmen, wurde eine Gehaltsgrenze von einer halben Million Euro versprochen. Der Deckel gilt laut Finanzmarktstabilisierungsgesetz aber nur für Vorstände. Hat der Finanzminister Steinbrück, der so leidenschaftlich auf die Versager in den Banktürmen schimpft, das übersehen? Außerdem wurde der Bonustopf schon vor dem Verkauf der Dresdner Bank vom vormaligen Besitzer Allianz ins Fenster gestellt. Davon wusste die Commerzbank und hoffentlich auch Steinbrück, bevor er 18 Milliarden Euro anwies.
Der Grad der politischen Erregung könnte auf mehr hindeuten. Vielleicht bereitet die Regierung weitreichende Eingriffe in die Entscheidungsrechte von Eigentümern vor. Nach geltendem Aktiengesetz befindet im Auftrag der Aktionäre der Aufsichtsrat über die Gesamtbezüge des Vorstands, die in einem angemessenem Verhältnis zu den jeweiligen Aufgaben und der Lage der Gesellschaft stehen sollen. Will der Gesetzgeber diesen Ermessensspielraum eingrenzen? Soll der geplanten Enteignung von Bankaktionären der Eingriff in die Vertragsfreiheit folgen? Wird in der Krise auch dieser Pfeiler der Marktwirtschaft fallen?
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Helmut Fricke - F.A.Z.