In seiner Autobiographischen Skizze schreibt Darwin: Im Oktober 1838, also fünfzehn Monate, nachdem ich meine systematischen Forschungen begonnen hatte - etwa im Juli 1837 -, las ich, um mich abzulenken, das Buch von Malthus ,On Population', und da ich aus meiner lange anhaltenden Beobachtung der Gewohnheiten von Pflanzen und Tieren gut vorbereitet war, den Kampf ums Dasein zu würdigen, der sich überall abspielt, ging es mir blitzartig auf, daß unter diesen Umständen vorteilhafte Abänderungen bewahrt und unvorteilhafte vernichtet würden. Das Ergebnis von alldem würde die Bildung neuer Arten sein. Nun hatte ich also eine Theorie bekommen, mit der ich arbeiten konnte.
Es ist das einzige Mal - übrigens in einer für seine Enkelkinder, nicht für die Wissenschaft bestimmten Darstellung -, dass sich Darwin über sein Heureka-Erlebnis - ging es mir blitzartig auf - geäußert hat. Erwähnungen dieses Erlebnisses aus der Zeit, in der es sich ereignete, gibt es nicht, obwohl Darwins Weg zu seiner Theorie dicht dokumentiert ist, nicht zuletzt durch seine Notizhefte.
Wir wissen, dass er die Lektüre von Malthus' Essay on the principle of population am 28. September 1838 begann und am 2. Oktober beendete. Aber genau für diesen Zeitraum sind seine Notizhefte lückenhaft. Das Notebook M beginnt mit einem Eintrag am 15. Juli 1838 und endet am 23. September.
Es ist nicht klar, ob er zu diesem Zeitpunkt an seinem Manuskript über die Entstehung der Arten arbeitete (das epochemachende Buch von 1859 war davon nur eine Kurzfassung) und zu diesem Zweck Seiten aus dem Notizheft herauslöste. Auf der Innenseite des Umschlags findet sich oberhalb der Bemerkung Dieses Heft voll von Metaphysik und Moral & Spekulation über Ausdruck 1838 die Notiz Privat Beendet 2. Oktober. Zwischen Notebook M und Notebook N, das am 2. Oktober einsetzt, gibt es also keine Unterbrechung der Aufzeichnungen.
Unter dem 4. Oktober findet sich dort eine Bemerkung zu Malthus, die aber im Rahmen der üblichen Lektürenotizen Darwins bleibt, ohne Erwähnung von durch Malthus ausgelösten speziellen Einsichten. Die Emphase, die man nach Darwins späterer Schilderung seines Erleuchtungserlebnisses bei der Malthuslektüre erwarten möchte, findet sich hier nicht.
Auch wenn das Evidenzerlebnis, das während Darwins Malthuslektüre aufgetreten sein soll, nur durch sein eigenes späteres Zeugnis belegt ist, ist es heute nicht strittig, dass die Übertragung von Überlegungen von Malthus aus der Bevölkerungstheorie auf die Naturgeschichte eine Schlüsselrolle in der Genese von Darwins Theorie gespielt haben dürfte.
Aber wozu brauchte Darwin sein Erleuchtungserlebnis? War es ihm willkommen nur wegen der für seine Enkelkinder bestimmten Erzählung? Man darf über der Frage, wie es wirklich gewesen ist, nicht vergessen, dass die Authentisierung durch eine Erleuchtung und deren Datierung auch eine Funktion in Prioritätsstreitigkeiten hat, die auch Darwins Theorie begleiteten. Nach den Jahren wilder Spekulation und Infragestellung aller geheiligten Güter durchlebte er seit etwa 1837 eine Phase gesteigerter geistiger Erregtheit, die sich in den Notizheften niederschlugen und die er 1842 in einer Skizze seiner Theorie zusammenfasste.
Diese Skizze zog er heran, um die Priorität der Entdeckung des Mechanismus der Auslese zu belegen, als am 18. Juni 1858 jene zwanzig Manuskriptseiten von Alfred Wallace mit der Post eintrafen. An Charles Lyell schrieb Darwin unter dem Eindruck dieser Lektüre: Wenn Wallace meinen handschriftlichen Entwurf von 1842 besäße, hätte er kein besseres Resümee anfertigen können.
Bekanntlich ist es zu dem Prioritätsstreit nicht gekommen, weil Wallace Darwin den Vortritt ließ. Dabei ist die parallele Entdeckung einer wissenschaftlichen Novität an sich nichts Ungewöhnliches, sondern eher die Regel als die Ausnahme. Wie Robert K. Merton nachgewiesen hat, sind die meisten bedeutenden Entdeckungen in der Wissenschaft multiple discoveries. Gerade deswegen lastet auf ihnen der Authentisierungsdruck. Die neue Erkenntnis wird ihrem Autor in einem Erlebnis von letztlich mythischer Qualität zugeeignet.
Text: F.A.Z.