F.A.Z.-Serie

Down House: Darwins Reichtum

Von Julia Voss

Taubenknochen auf einer Darwin-Handschrift in Down House

Taubenknochen auf einer Darwin-Handschrift in Down House

13. Februar 2009 Hier soll in den nächsten Wochen ein Tresor geknackt werden: Als einen „Millionär von seltsamen und wunderlichen kleinen Tatsachen“ bezeichnete sich Charles Darwin einmal selbst und meinte damit den immensen Beobachtungsschatz, den er über Jahre, Jahrzehnte zusammengespart hatte. Kein Naturforscher davor oder danach war reicher als er. Darwin schrieb über ausgestorbene Riesenfaultiere, Affen oder Menschen, über Regenwürmer, Tauben, Hunde, Katzen, Goldfische, Hummeln und Ameisen, außerdem über Pflanzen - von der Erbse bis zur Rose. Als er im April 1881 starb, hatte er, dessen Geburtstag sich heute am 12. Februar zum zweihundertsten Mal jährt, Belege aus dem gesamten Tier- und Pflanzenreich gesammelt. Er war einer der letzten Universalisten in der Wissenschaft.

Heute wissen wir, dass Darwin natürlich noch mehr war. Der Begründer der Evolutionstheorie war auch Vater, Viktorianer, Haustierhalter, Tierschützer, Hobbygärtner, Billardspieler, Romanleser und Zoogänger; der fleißigste aller Gelehrten litt außerdem an einer chronischen Magenkrankheit, deren Ursache dunkel geblieben ist. Die Übergänge zwischen Leben und Werk waren fließend. Während der langen Stunden und Tage, die er ans Bett gefesselt zu Hause verbrachte, bevölkerten sein Krankenlager zahlreiche Zimmerpflanzen. Die ihm aufgezwungene Bewegungslosigkeit teilte er mit den eingetopften Pflanzen; wenn er auf Kur ging, reisten die grünen Zimmergenossen mit ihm.

Einzelstücke, die sich zum Gesamtbild fügen

Wer die vierunddreißig Werke, die Darwin veröffentlichte, also aufmerksam liest, wird darin auch seiner Terrierhündin Polly begegnen können, der Orang-Utan-Dame Jenny oder dem lachenden Schopfmakaken aus dem Londoner Zoo. Seitdem Darwin über sie geschrieben hat, sind diese Tiere und Pflanzen verwandelt: Sie wurden zu Zeugen der Evolutionstheorie, deren Spuren sie tragen.

Für unsere Serie „Down House“, benannt nach dem Ort, den der Naturforscher 1842 mit seiner Familie bezog und nie wieder verließ, haben wir Naturwissenschaftler, Schriftsteller, Künstler und Historiker gebeten, über jeweils einen Gegenstand, ein Tier oder eine Pflanze aus Darwins Welt zu schreiben. Die Nachwelt behielt vor allem das Gründungswerk der Evolutionstheorie „Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder Die Erhaltung der begünstigten Rassen im Kampfe ums Dasein“ von 1859 in Erinnerung. Darwin hat uns jedoch weit mehr vermacht.

Vielleicht stellt man sich die Evolutionstheorie und ihren Autor am besten wie eines der berühmten Gemälde von Giuseppe Arcimboldo vor: Aus Dingen und Lebewesen setzte Arcimboldo seine Porträts zusammen, sie bestanden aus Einzelstücken, die sich zum Gesamtbild fügten. An einem solchen Porträt von Darwin und seiner Evolutionstheorie werden auch wir in dieser Serie arbeiten.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Reuters

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