06. November 2009 Der heutige Spiegel-Chef Georg Mascolo hat den Fall der Mauer mit seinem Filmteam am 9. November 1989 aus nächster Nähe erlebt. Er war seinem Instinkt gefolgt. Die Bilder, die er am Berliner Grenzübergang Bornholmer Straße machte, schrieben Geschichte. Beinahe hätte es sie nicht gegeben.
Herr Mascolo, am 9. November 1989 waren Sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort: am Grenzübergang Bornholmer Straße in Berlin. Sie haben als Einziger gefilmt, wie sich die Mauer öffnete. Wie kam es dazu?
Dass wir am 9. November 1989 an der Bornholmer Straße waren, liegt an einer Entscheidung, die wir am frühen Abend desselben Tages in Ost-Berlin getroffen haben. Viele der aus dem Westen angereisten Korrespondenten hielten sich in der Bar des Grandhotels in Berlin-Mitte auf und diskutierten die Frage, was Günter Schabowski auf seiner Pressekonferenz gemeint haben könnte. Niemand hatte eine Vorstellung von dem, was in den nächsten Stunden passieren würde. Ich war allerdings davon überzeugt, dass man es ganz sicher nicht an der Hotelbar in Berlin-Mitte herausfinden kann, und traf deshalb gemeinsam mit meinem Kamerateam die Entscheidung, an den Prenzlauer Berg zu fahren.
Warum dorthin?
Ich erinnerte mich daran, was der damalige Spiegel-TV-Chefredakteur Stefan Aust mir geraten hatte. Er sagte: Geh dahin, wo die Menschen sind. Ich hatte mir angeschaut, wo das in Berlin sein könnte, und war sicher, dass der Prenzlauer Berg die richtige Umgebung wäre. Dort lebten Künstler, Intellektuelle, Oppositionelle. Und die Wohnhäuser reichten direkt an den Grenzübergang Bornholmer Straße heran.
Aust hatte Sie nach Berlin geschickt. Hatten Sie einen genauen Auftrag?
Nein. Spiegel TV hatte schon im Sommer 1989 begonnen, die Ereignisse in Osteuropa intensiv zu begleiten. Dabei waren immer sehr ungewöhnliche Stücke herausgekommen. Wir hatten es uns zum Grundsatz gemacht, an allen entscheidenden Orten - zuallererst in Ost-Berlin - ständig präsent zu sein, um dort die Geschichten zu suchen, die man würde erzählen können.
Haben Sie sich denn einen Reim machen können auf Schabowskis wirren Vortrag zu den Ausreisebestimmungen an diesem Nachmittag? Haben Sie damit gerechnet, dass plötzlich Tausende über die Grenze wollten?
Nein, dafür reichte meine Phantasie nicht. Und das war auch nicht, wie man heute weiß, was Schabowski gemeint hatte. In den Tagen und Wochen zuvor hatte es in der DDR große Auseinandersetzungen über das neue Reisegesetz gegeben. Der Entwurf, den das Politbüro und das Zentralkomitee der SED vorgelegt hatten, war von den Menschen abgelehnt worden. Das Besondere der Situation in der damaligen DDR war, dass die Menschen nicht mehr darauf warteten, welche Rechte ihnen das Politbüro zugestehen würde. Entscheidend war, was die Menschen sich erstreiten wollten. Das Glück meines Teams war es, dass es in dieser Nacht einen Ort gab, an dem man das beobachten konnte. Das war die Bornholmer Straße.
Wie sah es aus am Grenzübergang? Wie war die Stimmung?
Wir kamen an die Bornholmer Straße und mussten den letzten Kilometer zu Fuß gehen, weil sich die Trabbis und Wartburgs schon stauten. Die Autofahrer hupten, die Menschen waren ungeduldig. Wir gingen vor bis zum Schlagbaum des Grenzübergangs, an dem sich Tausende versammelt hatten. Die Grenzer waren in der Defensive. Die Menschen skandierten: Wir wollen rüber. Sie versprachen: Wir gehen rüber, aber wir kommen zurück in die DDR. Sie forderten lautstark die Ausreise aus der DDR.
Hatten Sie die Befürchtung, dass geschossen werden könnte?
Diese Befürchtung hatte ich an der Bornholmer Straße nicht, gefährlicher war die Situation am Brandenburger Tor. Die Grenzer an der Bornholmer Straße waren einfach ratlos. Ein Jahr später bin ich zurückgekehrt und habe mit praktisch allen Grenzern die Geschichte dieser Nacht rekonstruiert. Erst da habe ich verstanden, wie alleingelassen sie waren. Der 9. November war nicht der Beginn dieser deutschen Revolution, er war Höhepunkt und das Finale zugleich. Allen war klar, dass die Zeiten, in denen das Regime den Status quo mit der Waffe in der Hand verteidigen würde, vorbei waren. Deshalb gab es an der Bornholmer Straße niemanden, der daran dachte, die Situation mit Waffengewalt unter Kontrolle zu bringen.
Wir wissen heute, dass die Grenzer keine klaren Befehle hatten. Sie waren auf sich gestellt und - öffneten den Schlagbaum. Wie beurteilen Sie dieses Verhalten, etwa dasjenige des Stasi-Oberstleutnants Harald Jäger, der die Truppe an der Bornholmer Straße befehligte?
Die Interviews mit den Grenzern der Bornholmer Straße führte ich gemeinsam mit einem Kollegen 1990. Das war, kurz bevor an der Bornholmer Straße ein Gedenkstein gelegt wurde, auf dem sich die Worte finden, dass sich in der Nacht vom 9. November 1989 hier zum ersten Mal seit 1961 die Mauer geöffnet hat. Ich habe nie verstanden, dass keiner derjenigen, die damals Dienst taten, öffentlich gewürdigt wurde. Diese Männer haben in dieser Nacht mutig gehandelt.
Sie standen mitten unter den Grenzgängern, als der Schlagbaum hoch ging. Wie vollzog sich das, im Tumult, oder blieb es friedlich?
Wir standen genau in dem Moment, in dem der Schlagbaum geöffnet wurde, nicht mehr bei den Menschen vor dem Schlagbaum. Wir waren im Abfertigungshäuschen auf dem Grenzübergang selbst und waren kurz davor, in den Westen ausgewiesen zu werden. Den verunsicherten Grenzern ging unser Verhalten gehörig auf die Nerven, weil wir, um den besten Platz für die Aufnahmen zu finden, den Schlagbaum ständig überstiegen und auch vom Grenzübergang selbst gefilmt hatten. Ein Offizier sagte zu seinen Kollegen, dass, wenn sie schon nicht mit den Menschen fertig würden, so doch wenigstens uns rausschmeißen sollten. Also standen wir in dieser Hütte. Mein Kameramann Rainer März, sein Assistent Germar Biester und ich hatten unsere Pässe abgegeben. In diesem Moment wird der Schlagbaum geöffnet. Im Nachhinein, muss ich sagen, haben uns die Grenzer einen Gefallen getan. Einen besseren Standort, um das Öffnen des Schlagbaums zu filmen, als den aus ihrem eigenen Kontrollhäuschen gab es nicht.
Sie gingen dann zum Brandenburger Tor. Da war die Lage ganz anders.
Ja, an der Bornholmer Straße war die Grenze offen, Tausende drängten nach Westen. Das war die Geschichte, die man aus der Nacht erzählen konnte. Aber es gab einen Ort, an dem es, wie ich befürchtete, zu Auseinandersetzungen kommen könnte, das Brandenburger Tor, das Symbol der Teilung. Bewaffnete Grenztruppen waren dort aufmarschiert, Lautsprecherwagen, Wasserwerfer aufgefahren. Das DDR-Regime wollte nicht hinnehmen, gerade hier die Kontrolle zu verlieren. Wir kamen nur unter Schwierigkeiten an den Posten vorbei und an die Mauer heran. Am Brandenburger Tor waren die Spannungen in dieser Nacht am größten. Die Grenztruppen hielten die Menschen im Osten von der Grenze fern, dafür kletterten aber eine Menge Menschen vom Westen aus auf die Mauer und marschierten Richtung Brandenburger Tor.
Und der Tag danach?
Als ich am Morgen des 10. November die Grenze passierte, habe ich Stefan Aust getroffen, was eigentlich, angesichts der Menschenmassen, ganz unwahrscheinlich war. Ich war ziemlich deprimiert, weil ich mich fragte, welche Geschichte Spiegel TV überhaupt würde erzählen können. Solche Bilder, wie sie uns gelungen waren, hatten doch auch etliche andere Teams gedreht, dachte ich jedenfalls. Wie einzigartig diese Aufnahmen sind, habe ich erst begriffen, als ich in den Tagen nach dem 9. November Fernsehen geschaut habe. Da wusste ich, dass uns in dieser Nacht etwas ganz Besonderes gelungen ist.
Stefan Aust hat damals den Satz gesagt, dass in diesem Augenblick der Zweite Weltkrieg endgültig vorüber war. Was dachten Sie?
Es war das Ende der DDR. Nur die Mauer sicherte ihre Existenz, als sie fiel, war es auch mit dem Regime vorbei. Diktaturen lassen sich nicht reformieren.
Das war Ihre ganz persönliche Mondlandung. Sie sind dabei gewesen.
Es war der Erfolg von Spiegel TV. Das war eine ganz ungewöhnliche, begabte, verschworene Gemeinschaft. Auf diese Bilder, auf diese Mannschaft bin ich stolz. Es gibt nur wenige Momente, die für sich in Anspruch nehmen dürfen, dass sie die Weltgeschichte verändern. Die Nacht des 9. November ist ein solcher. So, wie sich unsere Eltern an den Tag erinnern, als der erste Mensch den Mond betrat, so erinnert sich unsere Generation daran, wo sie gewesen ist, als die Mauer fiel.
Das Gespräch führte Michael Hanfeld.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Axel Martens, dpa, Spiegel-Verlag