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Home > Politik >, 8. Nov. 2009

Ein deutscher Lebenslauf
Die Wende von der anderen Seite

Wer früh aufsteht, muss früh zu Bett. Darum erfuhr Peter Breuer von der Öffnung der Grenze in den Morgennachrichten des 10. November. Er setzte sich an den Küchentisch und schrieb seiner Ehefrau einen Zettel, auf dem er sie darüber informierte dass, während sie schlief, die Weltgeschichte diesen unerwarteten Verlauf genommen habe. Dann fuhr er zur Arbeit.

Breuers Zettel ist ein Echo auf Schabowskis Zettel, aber man wird ihn in keinem Museum finden. Je größer der historische Umbruch, desto leichter verlieren sich darin die Geschichten der Einzelnen, zumal solche, die nicht zu dem passen, was alle erzählen.

Peter Breuer ist einer der Männer am Empfang des Berliner Redaktionsgebäudes dieser Zeitung, doch weit treffender hat Florian Illies diese Position einmal als die des Hauspsychologen bezeichnet. Und weil er mir im Laufe der Jahre in zahllosen Gesprächen viel von seinem Leben erzählt hat und ich dabei viel gelernt habe, auch, dass er Urteile nicht ohne Grund abgibt, darum also wollte ich genauer erfahren, warum er zum Thema Wende fröhlich und ohne Bitterkeit sagt: „Ich fand's früher besser.”

Breuer ist das zweite von vier Kindern einer Handwerkerfamilie aus Berlin-Adlershof. Im Jahr von Stalins Tod geboren, hat er in seiner Kindheit die harten Zeiten in der DDR noch mitbekommen, wurde dann aber mit dem jungen Staat erwachsen und vollzog dessen materiellen und symbolischen Aufstieg mit. Er erinnert sich daran, wie der Mutter das Geld ausging und die „Schmalzstullenzeit” begann, die den halben Monat dauern konnte. Mehrere Wochen ging er nicht zur Schule, weil die einzige Hose „eine Dreiangel am Knie” hatte: „Ich hab' mich einfach geschämt.” Die Mutter schrieb immer wieder Entschuldigungen, bis das nächste Geld für eine neue Hose da war. Nach der Schule fing er im Kopierwerk an, lernte alles über Filme, sie zu reparieren, kontrollieren und vorzuführen, machte seinen Meister und trat, wie schon sein Vater, in die Partei ein.

Das Glück der eigenen Wohnung

Wichtiger noch ist ihm aber, von seinem Glück zu erzählen, als er im Jahr der Olympiade zu einer Auszeichnungsreise in die sowjetische Hauptstadt durfte - also die Reise war, obwohl „ganz schön und so 'ne Sachen”, noch nicht das Glück, sondern die Nachricht, die ihn bei seiner Heimkehr erreichte: Er bekam eine Wohnung. Nach 27 Jahren im selben Zimmer wie der jüngere Bruder war er Herr in seiner eigenen genossenschaftlichen Einraumwohnung.

Breuer schildert diese Jahre nicht als unproblematisch, nicht als naive Aufstiegsgeschichte. Er legt auch Wert darauf, davon zu erzählen, wie sein Dienst in der Werksfeuerwehr endete und er auf Weisung von oben zu den Betriebskampfgruppen musste. „Wir mussten in den Wald, taktische Übungen abhalten.” Jedem verharmlosenden Kommentar zu diesen Soldatenspielen einer Filmkopierwerksbelegschaft widerspricht er: „Wir hatten Kalaschnikows.”

Bei Paraden mussten sie als Letzte defilieren, zuvor stundenlang in der Kälte warten. Alles gar nicht sein Fall. „Das habe ich als Zwang empfunden.”

Die Dramen der deutschen Teilung haben auch die Familie Breuer nicht verschont: Der Vater wurde mit seiner Betriebskampfgruppe zum Mauerbau eingeteilt, dann zum Wachdienst an der Mauer, ein Jahr lang. Die Tochter, Peter Breuers ältere Schwester, hat das dem Vater nie verziehen. Sie beantragte die Ausreise. Der Vater musste bei der Stasi unterschreiben, dass er den Kontakt zu ihr abbreche. Heute lebt sie in West-Berlin, nach wie vor ohne Kontakt zur Familie.

Plötzlich war der Koffer weg

Am dreißigsten Jahrestag der Gründung der DDR veranstaltete die FDJ einen Fackelumzug Unter den Linden, den sich Breuer, damals wie heute stets mit einem Aktenkoffer unterwegs, ansehen wollte. Plötzlich war der Koffer weg. Zwei junge Frauen hatten ihn entführt. Eine von ihnen hat Peter Breuer geheiratet. 26 Jahre dauert die Ehe nun. Er sei glücklich verheiratet, betont er stolz. 1984 wurde ihr Sohn geboren.

Später wurde Peter Breuer zum Filmvorführer in einem sowjetischen Kulturinstitut berufen, ein schöner Posten, der auch gut bezahlt wurde. Dort blieb er bis zur Wende. Im Institut haben sie mit Sekt auf die Grenzöffnung angestoßen und sind mittags dann mal über den Checkpoint Charlie in den Westen. „Aber abends war ich wieder zu Hause, ist ja klar.” Am Wochenende sind sie dann zu dritt, mit der Familie, zum Ku'damm. Ein Supermarkt blieb länger auf „nur für uns Ossis. Das war vielleicht herrlich!”

Ein halbes Jahr später war Peter Breuer arbeitslos und einigermaßen überrascht, wie schnell es zu Ende ging, mit seinem Job und dem ganzen Staat. Früher ging er mit dem Sohn auf den Schultern zu den Paraden, „an Karl und Rosa”, an Honecker und Krenz entlang. „Ich meine, man hat da mitgemacht und sich gefreut und zugewunken. Und auf einmal: Zack. Aus. Vorbei.”

Breuer sah die Zeitungen nach Stellenangeboten durch und fand eine Annonce, in der ein Kino einen Vorführer suchte. „Das war aber kein normales Kino, das war ein Sexkino, gegenüber vom Zoo- Palast. Also hab' ich mich mit meiner Frau am Sonntag mal dahin aufgemacht, um mir det alles anzusehen.” Es war ein Familienbetrieb, nette Leute aus Dortmund. Breuer musste die Filme bloß einlegen und anschließend im Saal das Leergut einsammeln. Außerdem blieb ihm, wenn der Film dann mal lief, Zeit, spazieren zu gehen oder sich im KaDeWe umzusehen. Zu Berlinalezeiten konnte er mit dem Feldstecher zum Zoo-Palast schauen, nach Prominenten gucken. „Und selbst nachts um vier tobte da noch das Leben!” - eine schöne Zeit. Doch das Haus wurde abgerissen, die Besitzer gingen zurück nach Dortmund. Breuer war erneut arbeitslos. Seine Frau hatte unterdessen bei einer Drogeriekette Arbeit als Verkäuferin gefunden. Sie brachte ihn auf die Idee, es als Detektiv zu versuchen. Zunächst ging das nur auf Fangprämie, dann wurde er eingestellt.

Die Verkäuferinnen im Nacken

„Am Anfang hatte ich schon Mitleid, aber mir saßen die Verkäuferinnen im Nacken. Wenn ich einen hätte laufen lassen, wäre ich den Job sofort wieder los gewesen. Das konnte ich nicht riskieren.” Die Drogeriekette baute die Detektive ab, ließ die Kassiererinnen lieber ungeschützt in den Billigläden sitzen. Breuers Arbeitgeber wechselte, der neue Eigentümer seiner Firma erhielt den Auftrag, sich um das Berliner Redaktionsgebäude dieser Zeitung in der Mittelstraße zu kümmern. Seit Sommer 2000 sitzt Peter Breuer dort. „Wenn ich am Empfang sitze, geht niemand ohne ein Wort vorbei. Sei es über private Dinge, sei es über Politik, mit mir reden alle.” Und so, wie er die Kollegen kennenlernt, so lernt man auch ihn kennen, vor allem seinen Garten. Schon Breuers Großmutter, bei der er als Kind viel Zeit verbrachte, hatte einen Garten mit Obst, Gemüse, Hühnern, Enten und Karnickeln. Und unterdessen ist auch seine Familie zu einem schönen Garten in der Nähe von Zossen gekommen. Diese Oase ersetzt ihm auch die Reisen, die eh' nicht so sein Fall sind. Wer würde sich auch um Fische, Hund und die neunzehnjährige Katze kümmern?

Der Garten ist heute sein Bezugssystem. Mit Politik hat er nichts mehr am Hut, aus der Partei ist er gleich nach der Wende ausgetreten. „Das war dann auf einmal formlos möglich”, erinnert er sich immer noch erstaunt, „früher hätte man sich da ewig verantworten müssen.” Eigentlich findet er zu keinem Politiker, zu keiner Partei einen Draht - und sie finden auch nicht zu ihm. In seinem Wohnort kandidiert für die Linke Petra Pau. „Die ist nun mal nicht mein Fall”, sagt er freundlich.

Peter Breuers Sohn hat nach der Realschule einen Ausbildungsplatz bei einer Spedition bekommen. Als einer von acht wurde er auch übernommen, arbeitet heute für ein bekanntes Berliner Möbelhaus. Es ist ein sicherer, aber auch harter Job und dafür nicht besonders gut bezahlt. Die Provisionen richten sich nach dem Preis der auszuliefernden Möbel, und in Krisenzeiten waren starke Nachlässe angesagt.

Die Familie kommt zurecht, er freut sich auch an seinem Computer, dem Flachbildschirm, der schönen Wohnung, das alles ist schon okay. Aber die Unsicherheiten des Arbeitsmarkts, die auch seine Frau und sein Sohn spüren, die ganze Unvorhersehbarkeit der wirtschaftlichen Verhältnisse und die Flüchtigkeit dessen, was einmal erreicht ist, das setzt ihm zu. Vor einigen Jahren erlitt er einen Herzinfarkt. „Ich will nicht sagen, dass man sich daran festhalten soll oder so. Aber ich fand's vorher günstiger.”

F.A.S.
Nils Minkmar


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