Museum „Villa Schöningen“

Geh doch nach drüben!

Von Peter Richter

Wo die Agenten ausgetauscht wurden: die Glienicker Brücke

Wo die Agenten ausgetauscht wurden: die Glienicker Brücke

07. November 2009 Was denken Menschen in den Augenblicken, die die Welt historisch nennt? Natan Scharanski dachte an seine Hose.

Der sowjetische Dissident war 1978 unter dem Vorwurf der Spionage zu 13 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden. Acht Jahre später hatten sie ihn aus dem sibirischen Lager in die DDR geflogen, und am Morgen des 11. Februar 1986 stand er in Potsdam. Vor ihm die Glienicker Brücke. Und jenseits davon, im Osten, lag der Westen, der an dieser Stelle die Gestalt eines Waldes hat, mit einem hübschen Schlösschen von Karl Friedrich Schinkel darin, wofür Scharanski in diesem Moment jedoch keine Augen gehabt haben dürfte; Scharanski interessierte vor allem der Strich. Der weiße Strich auf der Mitte der Brücke. Er war schwer zu sehen im Schnee. Dieser Strich veränderte alles; selten war die Welt so digital, so übergangslos, so entweder-oder wie damals an dieser Stelle. Scharanski überquerte ihn mit einem Hüpfer. Dabei riss der Strick, der ihm in der Gefangenschaft den Gürtel ersetzte.

Die restaurierte Villa Schöningen

Die restaurierte Villa Schöningen

Es war dann gar keine Zeit mehr zur Freude, zum Jubeln oder wenigstens zum Innehalten, die Hose rutschte, und der amerikanische Botschafter drängelte, alles musste schnell gehen, Scharanski musste weg, bevor die wirklichen Agenten dran waren, denn er war ja keiner, und es war wichtig, das deutlich zu machen. Damals hing von solchen Kleinigkeiten immer gleich mindestens der Weltfrieden ab, es durfte nichts schiefgehen und tat es dann beinahe doch: Kurz nach Scharanski wechselten die aufgeflogenen Spione die Seiten, erst die aus dem Osten in den Westen, dann umgekehrt, bis auf den MfS-Agenten Detlef Scharfenorth, der wurde schlicht am weißen Strich vergessen - bis ihn der goldfarbene Mercedes von DDR-Chefunterhändler Wolfgang Vogel mit quietschenden Reifen doch noch einsammeln kam.

Eine spartanische Wahrheit

Währenddessen standen in einer Villa am Ufer, von der noch zu reden sein wird, die Kindergärtnerinnen am Fenster und besahen sich die Szenen, die am Abend um die Welt gehen sollten, jedenfalls um den westlichen Teil davon. Es war ja selten mal etwas los auf der Brücke, und wenn etwas los war, so viel lehrte die Erfahrung, war entweder Agentenaustausch, oder ein Flüchtling wurde gefasst oder erschossen. An ruhigeren Tagen versahen die Grenzer ihren Dienst, indem sie den Blick schweifen ließen wie vor und nach ihnen die Touristen: Vom Babelsberger Schloss bis zur Sacrower Heilandskirche und zurück. Es ist ein nach den Kategorien des Malerischen komponierter Blick, hier nur umkonditioniert auf Aspekte der Überwachung und der Schussfeldübersicht; es ist, als hätte die DDR mit dieser Remilitarisierung der Landschaft eine spartanische Wahrheit enthüllen wollen über die Preußen, ausgerechnet dort, wo sie sich am arkadischsten gaben.

Ein metaphorischer Volksglaube will zwar, dass Brücken grundsätzlich etwas Verbindendes haben, aber in Geschichte und Praxis stehen sie regelmäßig eher für Ärger, militärische Auseinandersetzungen und Gängelung im Alltag. Es darf jedenfalls nicht wundern, dass die ersten Grenzdurchbrüche auf der Glienicker Brücke nicht aus dem Kalten Krieg datieren, sondern schon aus dem 18. Jahrhundert: Die Fuhrleute ließen ihre Pferde oft lieber den Grenzposten überrennen, als sich den langwierigen Kontrollen durch die „buchstabierenden Invaliden“ zu unterziehen: Es war schon damals eine perfide Machtdemonstration, diese Arbeit von stoischen Analphabeten verrichten zu lassen. So kam der erste Schlagbaum auf die Brücke.

Schinkel baute eine neue aus Stein, die wurde durch eine stählerne ersetzt, Hitler fuhr, vermutlich, darüber, als er sich zum Reichskanzler machen ließ, und zwölf Jahre später lag sie dann kriegszerstört in den Wassern zwischen Jungfernsee und Glienicker Lake.

Eine Kampfansage

Es war der Osten, der den Wiederaufbau betrieb, und es war die Regierung der eben gegründeten DDR, die zwei Tage vor der Wiedereröffnung 1949 den Namen „Brücke der Einheit“ dekretierte, was eben kein bisschen absurd war, sondern einfach nur eine Kampfansage. Dann kam der Zaun. Und 1962 kamen zum ersten Mal die Agenten. Nirgendwo, wird ein CIA-Mann später sagen, standen sich die Amerikaner und die Sowjets so direkt gegenüber, nirgends konnten sie sich so diskret begegnen. Der Tausch von Rudolf Abel gegen Francis Gary Powers hat den Mythos von der „Agentenbrücke“ begründet, tatsächlich geschah danach mehr als zwei Jahrzehnte lang nichts. Außer Fluchtversuchen. Erst 1985 gab es wieder einen Austausch, und dann den von 1986. Das alles war filmreif, und es ist ja auch oft genug verfilmt worden, aber es ist eben wahr, und die Brücke gibt es weiterhin, und bis auf eine kleine Tafel auf Berliner Seite erinnert nichts an all das. Sogar der weiße Strich wurde nach dem Mauerfall überstrichen, mit Schwarz, er kam aber mit der Zeit wieder durch.

Ein Blick in die Ausstellung

Ein Blick in die Ausstellung

Ich persönlich möchte bis heute jedes Mal einen Hüpfer tun, wenn ich ihn überquere, aber heute hupt der Durchgangsverkehr schon hysterisch, wenn man nur ein bisschen abbremst an der Stelle.

Es gibt nicht viele Orte, an denen sich so viele Fluchtlinien durch Raum und Zeit kreuzen. Die Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam ist gleich in mehrfacher Hinsicht und ganz buchstäblich das, was die Franzosen einen Lieu de mémoire nennen - und was die Deutschen so unnachahmlich zum Verschwinden und Verstummen zu bringen wissen. Nach der Wiederverrammelung des Brandenburger Tores in Berlin hinter seinem Pariser Platz genannten Todesstreifen aus Touristenramsch und Fahrradrikschas bleibt, neben dem Checkpoint Charlie, heute eigentlich nur die Glienicker Brücke, um diese Art von Geschichtsgefühl aufkommen zu lassen: Ja, das hat schon etwas durchaus Romantisches, es ist das Erschaudern vor dem Abgrund, an dem sich die Welt hier bewegte. Und dass diese Geschichte heute überhaupt noch erzählt wird - das hat wiederum mit der Villa der Kindergärtnerinnen zu tun, dem Haus am Brückenkopf, noch so einem Kapitel in dieser sehr deutschen Geschichte.

Der Investor aus dem Westen

Zuerst war da das Haus eines Schiffbaumeisters, welches Friedrich Wilhelm IV., der dilettierende Architekt auf dem preußischen Thron, beim Blick aus den Fenstern seines gegenüberliegenden Glienicker Schlosses als „hässlich“ und störend empfand. Er ließ seinen Hofarchitekten Ludwig Persius eine angemessen italische Villa entwerfen und zeichnete selbst ein Türmchen hinein. Bewohnen durfte diese königliche Blickkulisse der Hofmarschall Kurd Wolfgang von Schöning, nach dem der Bau bis heute heißt, merkwürdigerweise mit einem -en am Ende: Villa Schöningen. Später gehörte das Haus der Bankiersfamilie Wallich. Jüdisches Großbürgertum. Was dann folgte war: Naziterror, Selbstmord, Emigration, Enteignung. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund zog ein, vorwiegend junge Frauen natürlich, Männer gab es ja kaum noch, oben wurden deren Kinder betreut, die Kinder trieben die Gewerkschaft aus dem Haus, das Haus wurde Kindergarten, dann Kinderwochenheim. So blieb das bis zum Mauerfall. Dann gab es immer weniger Frauen, die während der Arbeit ihre Kinder weggeben mussten; es gab immer weniger Frauen, die Arbeit hatten. Das Haus wurde restituiert, wurde verkauft, stand leer. Nun Auftritt: „der Investor aus dem Westen“. Er will sogenannte „Stadtvillen“ auf das Grundstück bauen, darf das aber nicht. Er lässt die Villa verkommen. Wenn ein Haus erst einmal verfallen genug ist, darf es abgerissen werden, trotz Denkmalschutz. So läuft das in Deutschland. So ist das tausendfach gelaufen in Ostdeutschland. So wurde aus einer Landschaft der Ruinenromantik ein Bruchacker voll stupide hingeklemmter Investorenarchitektur.

Kurz bevor es zu spät war, kauften Mathias Döpfner und Leonhard Fischer die Villa. Zwei Vorstandsvorsitzende. Das neue Bürgertum in der Stadt, in der vor zwanzig Jahren noch „Für Frieden und Sozialismus“ auf den Fensterscheiben der Straßenbahnen stand und wo die Konfliktlagen, die früher die Brücke umflorten, heute im Kommunalen weiterschwelen. Natürlich sieht die Villa jetzt, nach der Totalsanierung, auch aus, als wollte sie lieber an der Außenalster in Hamburg stehen, sehr, sehr weiß und sehr, sehr neu. Aber sie ist eben jetzt, als privat betriebenes Museum, erstmals überhaupt wirklich für alle offen; sogar die ehemaligen Grenzer dürften sich hier wiederfinden, und das ist wirklich das Erstaunliche daran. Oben wird es wechselnde Kunstausstellungen geben, gleich am Anfang etwa die Kabakows, Meckseper, Neo Rauch . . . Entscheidender ist aber die Dauerausstellung im Erdgeschoss: Die Wiener Kuratorin Lena Maculan erzählt konsequent alle Geschichten auf einmal und lässt jeder ihr eigenes Recht: die des Hauses, die der Brücke, die der Grenze, die der Menschen. Das erschütterndste Exponat ist ein Stück „Stalinrasen“ - ein Teppich aus stählernen Spießen, zwei Meter hoch. So viel zu der Frage, ob es klug gewesen wäre, von der Brücke ins Wasser zu springen. Und direkt daneben die persönlichen Erinnerungen derer, die unmittelbar am Grenzzaun aufwuchsen und lebten und eine gespenstische Idylle memorieren, die sonderbare Möglichkeit von privatem Glück auch im Lichtkegel der Suchscheinwerfer. „Das Schlimmste am Leben im Grenzgebiet war“, so kommt eine Erzieherin zu Wort, „dass man sich mit der Zeit daran gewöhnte.“

Wer diesen ganzen Wahnsinn jemals verstehen will, hat dazu eigentlich nur eine Chance, wenn er sich das alles an Ort und Stelle vergegenwärtigt. Deshalb ist der Umgang mit den Überresten von Mauer und DDR in Berlin so skandalös geschichtsvergessen. Und deshalb ist es ein Glück, wenn am Wochenende in Potsdam die Villa Schöningen eröffnet wird. Und danach, wenn Angela Merkel und Michail Gorbatschow und alle anderen wieder weg sein werden, wenn der Alltag eingekehrt ist in dem Haus, dann wird das einer dieser deutschen Orte geworden sein, wo man weiß: Je bukolischer es aussieht, desto dichter liegen die Minen der Geschichte, und Kaffee und Kuchen gibt es selbstverständlich auch.

Die Villa Schöningen wird am 8. November eröffnet. Ein Katalog erscheint im Nicolai-Verlag.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
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