Frankreichs Mauerfall

Dabei sein war alles

Von Jürg Altwegg, Genf

Konzert vor Original-Mauerteilen in Bordeaux, 9. November 2009

Konzert vor Original-Mauerteilen in Bordeaux, 9. November 2009

10. November 2009 Außerhalb Deutschlands wird der 9. November in keinem Land so intensiv gefeiert wie in Frankreich. Vor zwanzig Jahren waren seine Politiker völlig überrascht worden; als Zuschauer, vom westlichen Rande Europas her, verfolgten sie ungläubig die unvorstellbaren Ereignisse, die sich ihrem Einfluss entzogen. Eher ratlos hatte Frankreich im Sommer zweihundert Jahre große Revolution zelebriert. Die Freude über den Fall der Berliner Mauer war wenig überschwänglich. Und spürbar eine latente historische Angst – selbst der gelassene François Furet wünschte sich, dass die europäische Vereinigung schon ein bisschen weiter gediehen wäre.

In diesem November ist alles ganz anders. Reihenweise Bücher, auch Romane, über Deutschland sind erschienen. Wer 1989 etwas verpasst hatte, musste 2009 dabei sein. „Tout Paris“ war am Montag in Berlin, und wer zu Hause blieb, blickte nach Deutschland und konnte gar nicht anders. „Wo waren Sie, als die Berliner Mauer fiel?“ ist das Umfragethema Nummer eins. Simone Veil hat im „Nouvel Observateur“ ihre Fotos aus dem vergessenen Familienalbum veröffentlicht. Sie stand am 11. November ungläubig vor der Mauer.

Der schnelle Sarkozy

Rechtzeitiger vor Ort will schon damals Nicolas Sarkozy gewesen sein. Am Sonntagnachmittag hat er auf Facebook seine persönliche Teilnahme beschrieben. Sarkozy war Sekretär von Chiracs gaullistischer Partei. „Am Morgen kommen die Nachrichten aus Berlin, sie scheinen eine Veränderung in der geteilten deutschen Hauptstadt anzukündigen.“ Zusammen mit dem späteren Premierminister Alain Juppé begibt er sich nach Berlin, „um am sich abzeichnenden Ereignis teilzunehmen“. In West-Berlin ist er vor dem Brandenburger Tor auf eine enthusiastische Menschenmasse gestoßen, die auf dessen Öffnung wartete. Und in dieser Menge begegnete er „aus Zufall“ einem jungen Abgeordneten, der später sein Premierminister werden sollte, François Fillon. Auf einem in der Nacht geschossenen Bild kann man sehen, wie der amtierende französische Staatspräsident und sein Regierungschef mit einem Hammer auf die Mauer einschlagen. „Wir gingen dann zum Checkpoint Charlie und in den Osten der Stadt.“

„Libération“ publizierte am 9. November eine Sonderausgabe. Inzwischen ist auch von der hartnäckigen Idealisierung der DDR nicht mehr viel zu spüren. Sie war für viele Franzosen – nicht nur die Kommunisten – das bessere, das antifaschistische Deutschland, in dem es Arbeit für alle und in den Krippen genügend Plätze gab. In einem Trailer, der auf eine TV-Sendung vom Abend hinwies, wurde den Hörern des Rundfunks den ganzen Tag über das Schlagwort von der „Mauer der Lügen“ eingehämmert.

Modrow und Mitterrand

Vierundzwanzig Stunden dauerte das vielfältige und attraktive Einheitsprogramm von Radio France aus dem Berliner ZDF-Studio. Alle fünf Sender wurden zusammengelegt. Live berichtete ein Reporter aus dem Trabi. Der Wetterbericht, die Presseschau und das tägliche Quiz kamen aus der deutschen Hauptstadt. Stunde um Stunde wurde der Tag, an dem die Mauer fiel, nachgespielt. Der Deutschfranzose Cohn-Bendit kommentierte. Hans Modrow kam ins Studio und erzählte vom Besuch Mitterrands; auch seine Haltung gegenüber der Wiedervereinigung wird inzwischen völlig anders beschrieben und beurteilt.

Sehr schnell stellte „Libération“ im Internet Sarkozys Anwesenheit in Berlin in Frage: Unwahrscheinlich, unmöglich, argumentiert der frühere Berlin-Korrespondent. Es gab im Westen keine wartenden Menschenmassen vor dem Brandenburger Tor. Und in Frankreich habe am 9. November niemand an eine Maueröffnung auch nur im Leisesten gedacht. Sarkozy habe zweifellos an der Gedenkfeier zum Todestag de Gaulles – dem 9. November 1970 – teilgenommen. Er sei wohl nicht in Berlin, sondern in Colombey-les-Deux-Eglises gewesen. Das Elysée bestätigt Facebook, die Frage wird sich klären lassen. (Siehe auch: „Mauerspecht“ Sarkozy - nur eine PR-Legende? )

Dass kein anderes Land in der ganzen Welt den zwanzigsten Jahrestag so intensiv feiere wie Frankreich, hat ein Leitartikler des „Figaro“ geschrieben. Der Befund basiert nicht auf einer empirischen Analyse mit den Korrespondenten im Ausland. Er gibt eine Stimmung wieder. Frankreich fühlt sich im Zentrum der Wiedervereinigung, es hat sie zumindest in sein Weltbild integriert. Das ist die Botschaft von Sarkozys Anekdote. Man wird ihm sein Flunkern schnell verzeihen, es hat im Umgang mit der Mauer schlimmere französische Lebenslügen gegeben. Der 9. November wird schon fast wie 1789 als Neubegründung einer Gegenwart gefeiert – und jeder will wie Goethe in Valmy dabei gewesen sein. In diesen Tagen fällt eine Mauer zwischen Deutschland und Frankreich, und das zumindest kann niemandem entgehen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Anzeige

Kfz-Versicherung

Wechseln Sie bis zum 30.11. und sparen Sie bis zu 500 €! Jetzt vergleichen!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche