Die FAZ hat wirklich Mut bewiesen, uns die "Mauerfallausgabe" erneut zu praesentieren. Man wird richtig melancholisch: keine duemmliche "Rechtschreibreform" im Text und kein albernes Grossfoto auf der ersten Seite. Und ein anstaendiges Layout, das die FAZ von SZ, Welt und TAZ unterschied. Dass die Mauer weg ist, ist Grund zur grossen Freude. Dass die FAZ sich so geaendert hat, ist Grund zur grossen Traurigkeit. Wird die FAZ den Mut aufbringen, zu ihren Wurzeln zurueckzukehren? Auch was das Niveau ihrer Artikel und Kommentare betrifft?
Nebelkerzen werfen die Medien und Zeitzeugen auf kaum ertägliche Weise. Ich soll wohl bei den Feiern zur Maueröffnung das Denken abschalten? Dagegen muß ich dreierlei sagen: 1. Die Öffnung wäre, von Gorbatschow, Polen, Ungarn abgesehen, ohne die Abstimmung mit den Füßen nicht erfolgt. Das Politbüro war Verbesserer. An dieser Flucht nahmen aber nicht die Bürgerrechtler und DDR-Bewahrer teil. 2. Es ging um Freiheit usw, aber wirkliche Freiheit heißt, keine Massenentlassungen, kein Verspekulieren der Vermögen, kein Diktat der Energieriesen, nicht jedes 5. Kind in Armut usw. Das wäre die konkrete Freiheit. Reden dürfen, was man will, ist zwar gut, aber gegenüber den Interessenver-bänden, Banken und Konzernen nur Narrenfreiheit. Die lbeächeln uns. 3. Die politische Freiheit gab es im RGW-Raum zwar gar nicht, aber wir müssen sehen, daß die Mehrheit der Staaten heute politische Freiheit mit Gewalt verhindert. Insofern ist nichts wirklich gewonnen. Der Abbau von Mauern, auch zwischen Israel und Palästina, muß noch kommen. Aber die Jubelfeiern lenken uns ab. Warum wohl? Das sage ich, während ich überhaupt kein Parteimitglied und gar kein Freund der SED/PDS bin. Ich baue auf den ethischen Humanismus.
Ralph Vogel, seit 1991 in Rostock
Die Mauer möchte ich zwar nicht gleich wieder, aber das alte Layout der FAZ war wirklich besser.