08. November 2009 Ich weiß, dass ich mich freuen soll! Freude ist angesagt. Zier dich nicht! Sei dabei! Dann muss ich nach Dresden. Wie vor zwanzig Jahren.
Wenn ich von Plauen oberer Bahnhof nach Dresden fahre, jetzt im Franken-Sachsen-Express, schau' ich zum Fenster hinaus und weiß, dass ich, weil ich nur links hinausschauen kann, immer die Hälfte versäume. Die Hälfte von Sachsen. Nirgends in der Welt so viel frischgestrichene Häuser wie in Zwickau, Glauchau, Hohenstein-Ernstthal, Niederwiesa, Flöha, Oederan, Freiberg, Klingenberg-Colmnitz, Tharandt. Also schon gleich Dresden. Der höchste Ton meiner sächsischen Litanei: Chemnitz. Das gerettete Wort! Aber auch die Wälder sehen aus, als wüssten sie wieder, wem sie gehören. Ein einsamer Bauer pflügt wieder sein eigenes Feld. Es ist Samstag, die Windräder ruhen. Ich bin süchtig nach positiver Unterstellung. Dass bis Chemnitz keine Firma vorkam, fällt erst auf, als auf einmal ein Haus den Schriftzug SUZUKI trägt. Meine gegenstandslose Neugier ist unersättlich. Nie wieder werde ich Bäume sehen so im Licht. Deutschland hat Glück gehabt. Frag nicht, ob verdient oder nicht. Opfer wurden gebracht. Die VEB-Streichspinnerei zerfällt. Ist schon zerfallen. Aber die Landstraßenfrömmigkeit draußen betet den nicht mehr ganz so leeren Himmel an. Heut' schläft ein Lied in allen Dingen. Deutschland hat Glück gehabt. Mehr Laubbäume als in Sachsen gibt's nirgends. Darum ist der Herbst hier ein Fest. Sollen die Birken stotternd den Winter buchstabieren.
Freital-Deuben. Die Flasche in der Hand, den Hund am Knie. Unglück zahlt bar. Aber Deutschland hat Glück gehabt. Sonst gäb's die Frauenkirche nicht. Ein Haufen Steine war's, schon voller Busch und Baum. Und ist jetzt wieder die Kirchenschönheit schlechthin. Dagegen ist die Semperoper Boulevard.
Friede sei mit euch! Festgottesdienst. Vor vier Jahren ist sie wieder geweiht worden. Dvorák, Messe in D, Soli, Chor und Orchester. Wäre diese Kirche nicht aus ihren Trümmern gerettet und gebaut worden, wäre dieses allen Schmerz zersingende Kyrieeleison Papier geblieben. Deutschland hat Glück gehabt. Zwei Millionen Menschen, inklusive Obama, kommen jetzt im Jahr in die Frauenkirche, um sich nach oben hin zu verlieren. Und sich nie mehr zu finden. Wäre da nicht das unwillkürlich aktu- elle Kirchenlied. 5. Strophe: Erfüll die Herzen deiner Christen / mit Gnade, Segen, Fried und Freud, / durch Liebesfeu'r sie auszurüsten / zur ungefärbten Einigkeit.
Machen wir noch die Taufhandlung mit. Charlotte Vierig und Jacob Loszynski sollen getauft werden. Dem Mädchenkind wird der 91. Psalm souffliert (Denn er hat seinen Engeln gesagt, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen), der Bub kriegt natürlich Sprüche 2,10-11 (Denn Weisheit wird in dein Herz eingehen, und Erkenntnis wird deiner Seele lieblich sein). Klar. Und vor dem Vaterunser noch die Fürbitten.
Gibt es außer der Frauenkirche noch eine Kirche, in der dem jungen Pfarrer einfällt, für das koreanische Volk zu beten, das immer noch auf das Peinlichste geteilt ist?!
Das ist Dresden! Und abends gleich noch einmal in die Schönheitskirche. Diesmal: ökumenisch. Predigt über Lukas 19, 1-10. Und was macht der Prediger daraus? Frei werden nicht VON der Vergangenheit, sondern MIT der Vergangenheit. Das ist Dresden!
Heut' schläft ein Lied in allen Dingen. Ich will's so leise wie möglich singen: Denk' ich an Deutschland in der Nacht, schlaf' ich weiter bis halb acht.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Marcus Kaufhold, picture-alliance/ dpa