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Home > Politik >, 8. Nov. 2009

Die Pleite der DDR
Von der Idee, die Mauer zu Geld zu machen

Es bleibt das große Geheimnis des Jahres 1989: Wie konnte die Führungsriege der DDR so viele Menschen über Jahre in dem Glauben lassen, hinter der Mauer gebe es eine gesunde, starke Volkswirtschaft? Und warum hat der Westen dieses Märchen geglaubt, um dann umso mehr überrascht zu werden von der Geschwindigkeit, mit der die DDR in sich zusammenbrach? In Wahrheit war die Lage in der DDR so ernst, dass das Politbüro 1989 keinen anderen Ausweg sah, als die Öffnung der Berliner Mauer an den Westen zu verkaufen.

Die Propaganda der SED hat die DDR zur zehntstärksten Industrienation der Welt hochstilisiert – aber die Realität vor Ort sah ganz anders aus: 16 Jahre musste jemand im Durchschnitt auf ein Auto warten, 25 Jahre auf ein Telefon. Das sagt genug aus über den Wohlstand hinter der Mauer.

Die Entbehrungen der DDR-Bürger waren dabei nicht so extrem wie in Polen oder Rumänien. Aber die Ostdeutschen verglichen ihren Lebensstandard eben nicht nur mit Ländern des Warschauer Paktes, sondern mit dem der westdeutschen Nachbarn – und der lag deutlich höher. Immerhin konnten 1986/87 in der DDR etwa 100.000 Menschen in 35.000 Häusern nicht genügend heizen. 1988 und 1989 gab es in der DDR kaum noch Fleisch zu kaufen, außer auf dem Schwarzmarkt. Der Versuch, in den achtziger Jahren eine einheimische Mikroelekronik-Technologie aufzubauen, war gescheitert und hatte den Staat Milliarden gekostet, statt wie geplant eine Menge Geld einzuspielen.

Die staatliche Plankommission warnte: DDR könnte 1991 zahlungsunfähig sein

Zudem war die DDR massiv verschuldet. Im Oktober 1989 informierte Gerhard Schürer, der Vorsitzende der Staatlichen Plankommission, einige Mitglieder des Politbüros über das wirkliche Ausmaß der staatlichen Finanzklemme: Während im Jahr 1970 die Verschuldung im kapitalistischen Ausland lediglich zwei Milliarden Valuta-Mark (eine innerdeutsche Verrechnungseinheit) betragen hatte, war sie 1989 auf 49 Milliarden Valuta-Mark angewachsen. Und die Westverschuldung stieg weiter – Monat für Monat um 500 Millionen Valuta-Mark. Schürer schloss seine Ausführungen mit den Worten, dass „bei Fortsetzung dieser Entwicklung die DDR 1991 zahlungsunfähig ist”.

Die Führungsriege der SED hat alles darangesetzt, dass diese Informationen nicht nach außen drangen. Und dabei war sie äußerst erfolgreich. Nicht nur die eigenen Bürger blieben über das Ausmaß des Verfalls im Unklaren. Auch der Westen hat die wirtschaftliche Kraft Ostdeutschlands bis zuletzt weit überschätzt. Besonders die Amerikaner haben die Produktivität der DDR viel zu hoch angesetzt. Noch im Jahr 1987 kam der Geheimdienst CIA in seinem „Factbook” zu dem Schluss, dass das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in der DDR 100 Dollar über dem in Westdeutschland liegt.

Wie der Westen zu einer solch groben Fehldiagnose kommen konnte, gehört zu den größten Rätseln dieser Zeit. So hat Brent Scowcroft, der Sicherheitsberater von Präsident George Bush während der Wende, einige Zeit später erzählt, von den vielen Überraschungen damals habe ihn eines besonders verwundert: wie schwach die Wirtschaft der DDR tatsächlich gewesen ist. Gleichermaßen hat ihn erschüttert, wie die amerikanischen Geheimdienste mit ihren Schätzungen so danebenliegen konnten. Sie hatten die DDR für einen Wirtschaftsgiganten gehalten, dabei war sie ein Gnom.

Gorbatschow lehnte finanzielle Hilfen für die DDR ab

Wären die wahren Zahlen vor dem Mauerfall durchgesickert, so hätte die DDR umgehend ihre Kreditwürdigkeit verloren – auch in Bonn, was für die Honecker-Regierung verheerend gewesen wäre. Bei dem Versuch einer deutsch-deutschen Annäherung hat Westdeutschland den Bruderstaat im Osten über Jahre hinweg finanziell unterstützt. Allein die Milliardenkredite aus Bonn von 1983 und 1984 haben den wirtschaftlichen Zusammenbruch der DDR noch einmal verzögert.

1989 aber schnürte sich das Schuldenkorsett zu. Zugleich wuchs die Frustration in der Bevölkerung. Hektisch suchten Politbüro und Zentralkomitee nach Auswegen, um sich und den eigenen Staat zu retten. Zugeständnisse bei den Reisebestimmungen erschienen ihnen als eine mögliche Lösung – für beide Probleme: Man könnte den Unmut der Bürger besänftigen und sich, so das Kalkül, zugleich finanziellen Spielraum schaffen. Sie machten also einen Entwurf für neue Reisebestimmungen, doch da sie vollauf damit beschäftigt waren, den drohenden finanziellen Kollaps abzuwenden, widmeten sie diesem Vorgang nicht die nötige Sorgfalt – was in der Nacht des 9. Novembers plötzlich zur Öffnung der Mauer führte.

Dies war so nicht beabsichtigt. Denn für die Mauer hatte die DDR-Spitze in diesen Tagen einen ganz anderen Plan entwickelt. Man wollte sich nämlich die stückweise Öffnung der Mauer vom Westen bezahlen lassen – und damit den Haushalt sanieren. Nur Tage zuvor, am 31. Oktober, hatte Generalsekretär Egon Krenz den Abschlussbericht über die wirtschaftliche Lage der DDR erhalten. Nie zuvor hatte das Politbüro einen derart detaillierten und ungeschönten Überblick über die eigene Wirtschaft zu Gesicht bekommen. Was sie lasen, war erschütternd. Die DDR war demnach in höchstem Maße abhängig von westlichen Krediten. Der Zeitpunkt, zu dem der sozialistische Staat diese Verbindlichkeiten nicht mehr würde bedienen können, war absehbar. Und die Einschnitte bei den Sozialleistungen, die nötig wären, um den Haushalt zu sanieren, würden einen so großen Rückschlag des Lebensniveaus bedeuten, dass das Land „unregierbar” würde. Längst waren die ersten Bürger über Ungarn nach Österreich geflohen, längst demonstrierten die Menschen in Leipzig und andernorts, forderten Reformen im Land, Reisefreiheit. Der Druck auf das Politbüro war immens.

Krenz unterbreitete das Papier persönlich Kremlchef Michail Gorbatschow. Da die DDR der größte Handelspartner der Sowjetunion war, erhoffte Krenz sich finanzielle Hilfe aus Moskau. Gorbatschow aber lehnte dies ab – mit dem Hinweis auf die immensen wirtschaftlichen Probleme im eigenen Land.

Krenz schickte am 6. November Schalck-Golodkowski nach Bonn

Um einen Staatsbankrott abzuwenden, verfiel das Politbüro nun offenbar auf die merkwürdige Idee, die Mauer an Westdeutschland zu verkaufen. Zu diesem Zweck schickte Krenz den informellen Unterhändler und Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski nach Bonn. Am 6. November traf er dort Kanzleramtsminister Rudolf Seiters und Innenminister Wolfgang Schäuble. Schalck-Golodkowski erbat einen Kredit in Höhe von 12 bis 13 Milliarden D-Mark und deutete an, dass das Politbüro im Gegenzug nach und nach die Reiserestriktionen lockern könnte.

Doch daraus wurde nichts. Am 8. November erklärte Bundeskanzler Helmut Kohl im Bundestag, dass weiteren Zahlungen an die DDR, egal welcher Art, eine Ankündigung von Reformen, inklusive freier Wahlen, vorausgehen müsse. Er erwähnte Schalck-Golodkowskis Angebot dabei nicht, aber es war klar, dass seine Worte hinter der Mauer gehört werden sollten. Am Tag darauf reiste Kohl nach Polen ab – und die Mauer brach über Nacht in sich zusammen. Und mit ihr die ganze DDR.

Die Wahrheit über die katastrophale Lage der DDR kam erst nach der Wiedervereinigung ans Licht. Anfangs noch hatte die Treuhand geschätzt, dass die Privatisierung der Staatskonzerne in der DDR 600 Milliarden D-Mark einspielen würde. Stattdessen verbuchte die Behörde später ein Minus von 230 Milliarden D-Mark. Und die deutschen Steuerzahler zahlen bis heute für die Wiedervereinigung.

Warum der Westen die DDR in ihrer wirtschaftlichen wie auch militärischen Bedeutung derart überschätzte, bedarf weiterer Untersuchungen. Die Konsequenzen allerdings sind klar: Der Westen wurde kalt erwischt. Der rasche Niedergang der DDR hat ihn genauso überrumpelt wie die Kosten der Wiedervereinigung. Aber eine Wiedervereinigung mit finanziellem Gewinn – diese Idee war einfach zu schön, um wahr zu sein.

Aus dem Englischen von Bettina Weiguny.

Mary Elise Sarotte ist Professor für Internationale Beziehungen an der University of Southern California und Bosch Public Policy Fellow an der American Academy in Berlin. Ihr neues Buch „1989: The Struggle to Create Post-Cold War Europe” (Princeton University Press) ist dieser Tage erschienen.

F.A.Z.
Mary Elise Sarotte


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