09. November 2009 Es geschieht nicht oft, dass der Träger des Friedensnobelpreises sagt, er habe diese Auszeichnung nicht verdient. Dabei hätte das Nobelpreiskomitee gar nicht in den Korb mit dem übergroßen Vorschusslorbeer greifen und den noch neuen amerikanischen Präsidenten Obama derart in Verlegenheit bringen, sogar belasten müssen. Es hätte Millionen von Kandidaten gegeben, deren durchschlagender Dienst am Frieden in ihrem Land und in der Welt des Preises würdig war und ist. Dazu hätte man sich in Oslo nur des Mauerfalls in Berlin vor zwanzig Jahren zu erinnern brauchen.
Es sei zugestanden, dass einige der damaligen DDR-Bürger - darunter auch solche, die noch und wieder politisch aktiv sind - sich schon mit der Auszeichnung Verdienter Mitarbeiter der Staatssicherheit zufriedengeben müssten. Doch auch für die klassische Lösung - mit dem Nobelpreis einen Staatsmann zu ehren, der unter allen herausragte - hätte es einen Namen gegeben: Kohl. Von den damals handelnden oder auch nur duldenden Politikern hat er den größten Anteil daran, dass aus dem Kollaps einer Diktatur und dem Bankrott einer Ideologie ein zielgerichteter Prozess zur Wiedervereinigung Deutschlands und des ganzen Kontinents in Frieden und Freiheit wurde - dass dem Wunder von Berlin das Wunder von Europa folgte.

Der Anfang vom Ende
Auch Kohl hatte Ende der achtziger Jahre die Lösung der deutschen Frage, von ihm auch Honecker gegenüber als offen bezeichnet, nicht mehr jeden Morgen auf die Tagesordnung gesetzt. Als sich jedoch die Möglichkeit zur Wiedervereinigung bot, ergriff er sie ohne Zögern - während die meisten Politiker, Historiker und auch Philosophen in Deutschland wie im Ausland noch zagten und zauderten, vor der Einheit warnten oder sie sogar zu verhindern suchten. Kohl erkannte früh, dass der Drang der Ostdeutschen nach Freiheit und damit Einheit nicht mehr aufzuhalten sei. Dieser in ganz Mitteleuropa anschwellende Strom musste in Kanäle geleitet werden, auf dass er nicht außer Kontrolle geriet, mit unübersehbaren Folgen.
Die SED-Diktatur war morsch, viel morscher, als ihre Sympathisanten im Westen es wahrhaben wollten. Doch ist ein solches Regime in seiner Agonie unberechenbar. Fehleinschätzungen, Eigenmächtigkeiten und Kommunikationspannen hätten nicht nur zur vorzeitigen Grenzöffnung, sondern auch zu Schießereien und Toten führen können. Die friedliche Revolution und ihr glückliches Ende waren nicht der einzig mögliche Gang der Geschichte.
Dass man sich das zwanzig Jahre später kaum noch vorstellen kann, ist einer der Erfolge des Einigungsprozesses, der in keiner Statistik aufgelistet wird. Mit dem Schlussstein DDR zerfiel das ganze Gewölbe der dem östlichen Mitteleuropa von Stalin aufgezwungenen Nachkriegsordnung. Das sozialistische Regime in der Tschechoslowakei wusste, warum es Ost-Berlin drohte, seine Grenzen für Ostdeutsche zu schließen: Die ständig wachsende Zahl der Botschaftsflüchtlinge mitten in Prag und deren Ausreise führten den Tschechen vor Augen, dass das Streben nach Freiheit nicht mehr zu unterdrücken war. Eine Woche nach dem 9. November brach an der Moldau die samtene Revolution aus und die kommunistische Herrschaft zusammen.
Kettenreaktion in Osteuropa
Die Kettenreaktion, die danach durch den östlichen Teil des Kontinents lief, führte dazu, dass heute fast alle europäischen Völker in Freiheit, Frieden und Sicherheit leben. Deutschland ist von Verbündeten und Märkten umgeben. Nachdenklich muss allenfalls stimmen, wie häufig dies schon als schiere Selbstverständlichkeit betrachtet wird. Selbst im 21. Jahrhundert ist Europa noch nicht gänzlich befreit von Krieg und Unterdrückung.
Deutschland aber bietet nicht mehr Anlass zur Sorge. Es ist nicht das von Margaret Thatcher befürchtete Vierte Reich geworden. Mit den sechzehn Millionen Deutschen aus der früheren DDR rückte es auf der politischen Achse eher nach links: Werte wie Gleichheit und soziale Gerechtigkeit spielen seit der Wiedervereinigung eine (noch) größere Rolle als in der Bonner Republik. Doch stellt ihre Berliner Nachfolgerin auch trotz der Veränderungen in ihrem Parteiensystem ein Musterbeispiel an politischer Stabilität und Berechenbarkeit dar. Das Grundgesetz erwies sich als die beste Verfassung, die Deutschland je hatte. Wohl nur hierzulande kann man auf die Idee kommen, es sei ein Geburtsfehler der Einheit gewesen, es nicht durch eine neue Verfassung ersetzt zu haben.
Die beiden Teile Deutschlands wuchsen nicht so leicht und schnell zusammen wie erhofft. Auch im Westen hatten sich viele über die katastrophalen Zustände der DDR (Wirtschaft, Infrastruktur, Umwelt) getäuscht. Der Aufbau Ost erwies sich als schwieriger als befürchtet. Viel Geld landete nicht an den richtigen Stellen. Doch sind auch die Erfolge unverkennbar, und das nicht nur in den Städten und Industriegebieten. Die Mauer in den Köpfen verfällt. Die Generation Einheit weiß schon kaum noch, wer die real existierende Mauer baute und warum. Was die DDR war und wie die Deutschen friedlich ihre Teilung überwanden, kann man den seit 1989 Geborenen und den nachfolgenden Generationen daher gar nicht oft genug erzählen. Dann hört diese wunderbare Geschichte vielleicht eines Tages auch das Nobelpreiskomitee in Oslo.
F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa