
Das top-recherchierte Artikel von Leo Wieland werde ich nicht weiter kommentieren, es ist für eine Zeitung wie die FAZ einfach unwürdig.
Anscheinend sollen die Katalanen als eine Horde fanatischen, intoleranten Separatisten dargestellt werden, und das wird mit Halbwahrheiten, glatten Lügen und aus dem zusammenhang genommene Anekdoten argumentiert. Die Medien des spanischen Nationalismus tun tagtäglich dasselbe. Dass es genügend Gründe dafür geben könnte, dass für jemanden eine katalanische Identität selbstverständlich sein kann, scheint keinen zu interessieren. Ohne Interesse, kein Wissen... das Ergebnis? Vorurteile, Ignoranz.
Im Kommentar "Catalunia(?)" gibt es auch ein Paar von solchen lustigen Katalanen-sind-einfach-nur-Böse Anekdoten, leider entspricht keine einzige von ihnen der Wahrheit (die frei erfundene Fussballspielergeschichte hat mir am besten gefallen!).
Nichts wie hin nach Katalonien, um sich ein Bild der Lage in der Unruheprovinz vor Ort zu machen (Kugelsichere Weste nicht vergessen!) und evtl. auch um ihre Kultur, Gastronomie und Gastfreundschaft zu geniessen. Und vor allem: viel Spass mit der katalanischen Literatur, darum geht es eigentlich auf der Buchmesse!

Mein Beitrag hier ist manche Sachen zu erklären. Erstens Catalonien hatte nie einen Staat. Catalonien war eine Grafschaft im Mittelalter, die später mal Teil des Königreiches Aragonien wurde. Man sollte ein bißchen in die Geschichte Spaniens hineinschauen. Die Katalaner sind ein Teil Spaniens, wie hier in Deutschland Hessen oder Bayern. Dass in Katalonien katalanisch gesprochen wird, ist ein Teil der reichen linguistischen Geschichte Spaniens. Es gibt katalanischsprechende Katalaner und spanischsprechende Katalaner. Die Volkspartei ist kein spanisch-nationalistische Partei. Sie verteidigt die Einheit Spaniens, die im Moment dank des Ministerpräsidenten und seinen separatistischen "Freunden" in Gefahr steht. Spanien steht als Nation seit mindestens 500 Jahren. Es gibt Leute in der Volkspartei, die in Catalonien (z.B. Daniel Sirera) bzw. in Baskenland (Regina Otaola) die Einheit Spaniens verteidigen. Die Muttersprache von Daniel Sirera ist katalanisch. Es gibt viele liebe Menschen in Baskenland und Katalonien und es ist Schade, dass wegen einer Minderheit von verrückten und peinlichen Politikern, das kulturelle Reichtum Spaniens zugrundegeht.
Bin selbst in Spanien geboren und Vielfalt ist Reichtum.

Daß man Catalunia zur Buchmesse als "Gastland" eingeladen hat, als Land, das ist ein Schlag ins Gesicht aller Spanier. Auch prägt den Artikel von Leo Wieland leider katalanischer Separatismus. Von "eingewanderten Spaniern" ist da die Rede. Ja wie denn, wenn ich meinen Wohnsitz von Madrid nach Tarragona verlege, wandere ich da aus Spanien aus ? Hier verirrt sich einer aber völlig. Und wenn ich von Madrid nach Barcelona fahre, da komme ich durch Lerida. So heißt diese Stadt. In Deutschland weiß man wohl noch zu wenig über den wachsenden, feindlichen Separatismus. So darf man als Madrilene, verfassungswidrig, keine Stelle an der Uni Barcelona antreten, wenn man nicht Katalan spricht. Das ist Diskriminierung der ofiziellen Landessprache ! KFZ-Kennzeichen darf man, ohne daß die Polizei einschreitet manipulieren. Das ofizielle E, für España wird durch ein fiktives CA ersetzt. In Deutschland wäre damit die Zulassung sofort erloschen. Ein bekannter Spieler des FC Barcelona fuhr nicht mit zur WM nach Deutschland, da er nicht für Spanien spielen will. Oder: Nein, hier sind sie nicht in Spanien, das ist Catalunia. Auch das habe ich persönlich schon erlebt. Nein, Catalunia nach Frankfurt einzuladen, das war ein Fehler. RG Madrid

Die LeserInnen sollten wissen, dass der sog. Hintergrundartikel des Herrn Wielands nicht nur tendenziell ist, sondern auch mehr als die Hälfte der Sache auslässt. 1. von katalanischen Minderwertigkeitskomplexen zu sprechen, ist absurd. Vielmehr wird es versucht, endlich eine kulturelle, sprachliche und institutionelle Normalität aufzubauen. 2. wenn man von Nationalisten sprechen, darf mann nicht vergessen, dass eben die PP (el Partido Popular, die Volkspartei), die bes. durch Aznar für lamentables Aufsehen gesorgt hat, eine radikale, spanisch-nationalistische Partei ist. In Katalonien wird es auch gesagt, dass da die PPs nur ihre eigene Sprache, Kultur und Symbolen anerkennen wollen als selbstauserwählter Hüter des Spanischen, sollten sie mal endlich ihre Unabhängigkeit haben! 3. nach Francos wurde eine gewisse institutionelle Stabilität erreicht, die aber hauptsächlich durch die Abwesenheit diktatorischer Verfahren gekennzeichnet war. Die grundliegenden Fragen über die Gestaltung des Staates wurden nicht geklärt, und sind es immer noch nicht. Viertens, Katalanen, die ihre nationale Identität nicht als minderwertig betrachten wollen, hat es jahrhundertelang gegeben. Nur, für viele nationalistische Spanier ist das eine Provokation.

Wie kann eine seriöse Zeitung wie die Frankfurter Allgemeine so einen Artikel drucken? Hat der Autor irgendeine Ahnung von der sozialen und soziolinguistischen Situation in Katalonien, oder hat er sich nur schnell (und auf Spanisch!) ein bisschen eingelesen? Ist wirklich haarsträubend, was er da so von sich gibt. Auf die Details (Katalanisch als spanisch-französische Mischung etc.) will ich gar nicht erst eingehen - das haben ja schon ein paar aufmerksame Leser vor mir getan und die Liste wäre einfach zu lang. Nur eines: Lieber Herr Wieland, woher nehmen Sie die Gewissheit, dass die spanisch schreibenden und international bekannten Autoren zugleich die besten katalanischen Autoren sind? Wissen Sie eigentlich, wie der Buchmarkt funktioniert? Und haben Sie je ein Buch von einem katalanisch schreibenden Autor gelesen?
Wurde Quim Monzó eigentlich gefragt, ob sein Bild neben diesen Artikel gestellt werden darf? Ich bin mir sicher, er würde keine einzige der Aussagen Leo Wielands unterschreiben... Und allen, die Lust haben, mal was Positives (und Intelligentes) über Katalonien zu lesen, rate ich, sich seine wirklich geniale Eröffnungsrede zu Gemüte zu führen!

Angeblich will nur jeder fünfte Katalane einen eigenen Staat. Woher hat der Autor diese Zahl? Es gibt zu dieser Frage keine aktuelle und statistisch aussagekräftige Erhebung. Im Jahr 2006 befürworteten 74% der Katalanen per Referendum ein neues Autonomiestatut. Eine klare Mehrheit der Bevölkerung wünscht sich also eine größere Unabhängigkeit. Wie viele Menschen einen eigenen Staat anstreben, lässt sich nicht sagen, da die spanische Regierung jede Diskussion über ein mögliches Referendum ablehnt. Einer der Gründe für das Unabhängigkeitsstreben ist das enorme Steuerdefizit zwischen Katalonien und der Zentralverwaltung. Zahlen über diesen erzwungenen „Solidarbeitrag“ werden von Madrid grundsätzlich nicht veröffentlicht; Schätzungen gehen von etwa 9% des katalanischen BIP aus – deutlich mehr als im deutschen Länderfinanzausgleich üblich.
Übrigens, die katalanische Sprache für eine „spanisch-französische Mischung“ zu halten, ist einfach nur peinlich.

Zwei Sachen kann ich bestätigen...einem Deutschen in Barcelona wird es nicht übergenommen spanisch zu reden, einem Spanier der aus dem Rest des Landes kommt um dort zu arbeiten aber schon. Das sich so cosmopolite und europäisch gebende Barcelona ist schon seit langem eine Stadt die sich in weitesgehen in vier Sozialefraktionen aufteilt. Die Katalanen, die "Restspanier", die guiris (Ausländer die oft nur Zeitbrengt in Barcelona leben aufgrund ihres Jobs) und dann kommen noch die Einwanderer (Marokaner, Chinesen, Südamerikaner). Eine Mischung unter diesen Gruppen findet kaum statt, hier und da wird ein Spanier in eine Gruppe Katalanen aufgenommen oder ein guiri...es ist z.Z. einfach Schick "catalanista" zu sein...leider vergisst man das Reichtum und Fortschritt einer Kultur mit der Vermischung wachsen.Katalonien macht z.Z. in diesem Aspekt durch seinen steigenden Antiespañolismo zwei Schritte zurück anstatt vor. Schuld sind aber vor allem die Politiker die eine nicht gelebte Realität durchsetzen möchten. Das beste Beispiel ist el president Montilla dessen catalan wirklich bescheiden ist und nicht mal level B hat, er dürfte also nicht als Beamter der Autonomiebehörde arbeiten...

.......als neugieriger Mensch und unbeleckt von den kulturellen und politischen Feinheiten dort, habe ich sehr schnell erkennen müssen, das "catalan" eben keine Mischung aus französischer und spanischer Sprache ist, sondern eben catalan als eigenständige Sprache in Wort und Schrift.
Darüber hinaus habe ich die Selbstverständlichkeit der Katalanen bewundert, unbefangen ihre Kultur und Sprache zu leben.
Dabei ist das schon eine längere Zeit her.
Bewunderungswürdig diese natürliche Idendität.

hola
als seit mehr als 3 jahren in barcelona lebender deutscher kann ich die "Alleinherrschaft" der katalanischen Sprache nicht bestaetigen.
man kann sich hier auch in interaktion mit der oeffentlichen verwaltung wunderbar in castellano verstaendigen.
und der geschaetzte herr autor koennte hier seine mit kleinen orthographischen maengeln versehene "bratswurst" sogar auf deutsch bestellen...

Dieser Beitrag strotzt vor Gemeinplätzen, die jeder tiefer gehenden Analyse entbehren. Der Autor spricht von „Lokalseparatisten“, von „Sezessionsgelüsten“, wobei er die natürlich verurteilenswerten Aktionen „fanatisierter Jugendlicher“ oder exaltierter Fußballfans so verallgemeinert, als ob damit der Ruf eines Landes, das – auf emotionale, aber auch anerkanntermaßen sachliche Weise - seine Identität als Kulturnation verteidigt, damit schon kaputt gegangen sei. Sie seien nicht repräsentativ für die Region, heißt es gegen Ende des Artikels. Also? Der dieser Tage viel zitierte Quim Monzó hat sich zu einem anderen FAZ-Artikel so geäußert: „Manche Korrespondenten dieser Zeitungen in Madrid leben in einer Art Käseglocke und stehen unter dem Einfluss einer Reihe sie umgebender Medien, und davon kommen sie einfach nicht los…“ Auch in jenem Artikel ging es um die Buchmesse und die Nicht-Teilnahme spanisch schreibender Schriftsteller, die in Katalonien leben – die leider immer noch aktuelle Polemik. Ist es ein verwegener Wunsch gegenüber seriösen Medien, bei Themen wie Minderheiten, Sprache, Kultur und eigene Identität etwas zu differenzieren und nicht bei jeder Gelegenheit in die immer gleiche spanisch-nationalistische Kerbe zu hauen?

In der gedruckten Ausgabe heißt der Artikel "Minderwertigkeitskomplex auf der Speisekarte", aber er müsste heißen "Unterkomplexe Betrachtung eines schlecht Informierten". Man kann den Willen mancher Katalanen, neue Zäune aufzurichten, wirklich nicht unterstützen, aber wenn man so etwas von einem Journalisten einer deutschen Qualitätszeitung liest, kann man den Frust der Leute über die Welt plötzlich verstehen. Was heißt hier, das Katalanische sei eine "spanisch-französische Mischung"? Abgesehen davon, dass das grober Unfug ist, wird das Katalanische mindestens seit dem 12. Jahrhundert geschrieben, als es noch nicht einmal eine gemeinsame Grenze mit dem Französischen hatte.
Und zu schreiben, das Katalanische stoße "längst an die Grenzen der Einwanderung" sollte man sich schon sehr hüten. Sollen die Katalanen Arabisch und die Deutschen Türkisch sprechen. Lernt irgendein Einwanderer erst Kastilisch und dann Katalanisch?
Dr. C. Winterer