Dübel-Dynastie Fischer

Steuerleid eines Mittelständlers

Von Susanne Preuß, Waldachtal

24. Juli 2008 Von Waldachtal im Schwarzwald, wo die Dübel-Dynastie Fischer ihren Sitz hat, bis zur österreichischen Grenze am Bodensee sind es nicht einmal 200 Kilometer. Aber für Klaus Fischer sind das Welten. „Am 1. August wird in Österreich die Erbschaftsteuer abgeschafft. So sollten wir es auch machen“, sagt er. Tatsächlich fürchtet er, dass für Familienunternehmen in Deutschland durch die künftige Erbschaftsteuerregelung vieles teurer und vor allem komplizierter wird. Genau weiß man das noch nicht, obwohl das Bundesverfassungsgericht von der Politik eine Neuregelung bis Ende 2008 fordert.

Mit einer Gruppe von Unternehmerkollegen hat Fischer vor kurzem die Parlamentarier in Berlin besucht, um sie auf die Brisanz des Themas aufmerksam zu machen: „Da haben wir das Thema schon sehr deutlich angesprochen, denn uns Unternehmern brennt dies auf den Nägeln.“ Das Schlimmste ist die Ungewissheit. Möglichst präzise Planungen von zehn bis 15 Jahren sind nach dem im Herbst 2007 vorgelegten Entwurf nötig, damit die Erbschaftsteuer nicht zum Bumerang wird.

„Man muss als Unternehmer schnell reagieren“

Theoretisch kann sich die Steuer etwa halbieren. So hätte ein Erbe eines Unternehmens mit 100 Millionen Euro Betriebsvermögen heute noch 9,6 Millionen Euro Erbschaftsteuer zu zahlen, nach der geplanten Regelung aber nur noch 4,4 Millionen Euro – allerdings nur, wenn das Unternehmen stetig wächst und gedeiht. Der Freibetrag von 85 Prozent auf den Verkehrswert ihres Betriebs, den die Unternehmenserben steuermindernd ansetzen können, ist nämlich ständig in Gefahr. Für zehn Jahre soll die Lohnsumme auf einem Niveau gehalten werden, das nicht unter 70 Prozent des Anfangswerts zurückgeht. Und für 15 Jahre sogar ist eine „Behaltensfrist“ vorgesehen. Das heißt, es dürfen in dieser Zeit keine Unternehmensteile verkauft werden.

„Solche Zeiträume sind unüberschaubar“, weiß Klaus Fischer. Er führt die vom Vater gegründete Fischerwerke GmbH & Co. KG seit 1980. „Die Zukunft habe ich damals ganz anders gesehen“, erinnert er sich: Man habe erwartet, dass Afrika der Kontinent mit dem größten Wachstum sein würde. Er selbst habe geglaubt, dass die Baubranche wachse, weil so viel zu sanieren sei. „Und wer hätte geglaubt, dass Energie so teuer wird“, nimmt Fischer auf die aktuellen Entwicklungen Bezug: „Alles wird viel kurzlebiger. Man muss als Unternehmer schnell reagieren.“

Wettbewerbsfähig bleiben

Der Umsatz des Dübelspezialisten ist jetzt mit 545 Millionen Euro neunmal so hoch wie zu Klaus Fischers Amtsantritt 1980. Die Belegschaft ist auch gewachsen, aber nur von 1600 auf 3800 Mitarbeiter – weil die Produktivität eben noch schneller gestiegen ist. Diese Effizienzsteigerung ist nötig, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Zwangsläufig zieht aber jede Umsatzdelle schnell Personalabbau nach sich. Auch die Abspaltung von Firmenteilen sei nicht wirklich planbar, erklärt Fischer.

Er nennt für die eigene Gruppe das Beispiel Spielzeug, das schon heute wohl eher aus nostalgischen Gründen im Sortiment ist: Baukastensysteme, wie man sie seit Jahrzehnten unter dem Namen Fischertechnik kennt, oder auch Stärkekügelchen zum kreativen Gestalten, die der heute 88 Jahre alte Erfinder Artur Fischer auf seine alten Tage noch auf den Markt gebracht hat.

In Teufels Küche

Dabei beschränkt sich die Sorge des Mittelständlers nicht nur auf das Randsortiment mit Spielwaren. Zur Fischer-Gruppe, deren Hauptgeschäft sich wie zu den Urzeiten des Nylon-Dübels immer noch um Befestigung dreht, gehört auch ein nennenswertes Geschäft mit Kunststoffteilen für die Autoindustrie (CD-Boxen, Tassenhalter und Ähnliches), wo der Wettbewerb so scharf ist, dass kaum jemand eine langfristige Prognose wagen kann und ein Verkauf nicht ausgeschlossen werden kann.

„Ein Unternehmensteil könnte nicht verkauft werden – selbst wenn es sinnvoll wäre –, weil dann die komplette Erbschaftsteuer gezahlt werden müsste“, sagt er. „Da kommt man in Teufels Küche, wenn es dem Unternehmen schlecht geht. Denn man wird für das bestraft, was helfen soll, das restliche Unternehmen zu retten“, ärgert sich Fischer.

„Wenn es wenigstens nur Fünf-Jahres-Fristen wären“, sinniert der bald 58 Jahre alte Unternehmer, der selbst noch 98 Prozent an der Fischer-Gruppe hält und diese wohl seinem im Unternehmen tätigen Sohn Jörg vermachen will. Einen Kompromiss bei den Fristen wird es wohl tatsächlich geben, wenn nach der bayerischen Landtagswahl – vorher ist das Thema tabu – die Erbschaftsteuerreform noch rasch in Gesetze gegossen wird.

Viel Bürokratie, wenig Nutzen

Doch ohnehin bringt es den Schwaben auf, dass wenig Nutzen, umso mehr aber Bürokratie erzeugt wird: Gutachten für Wertermittlung, Nebenrechnungen für Lohnsummen und dergleichen – und das alles für eine Steuer, die deutlich weniger als 1 Prozent des gesamten Steueraufkommens der Republik ausmacht.

Von einem hochrangigen Finanzpolitiker hat Fischer indes gehört, dass der Aufwand, der für die Erbschaftsteuer betrieben wird, die Höhe der Einnahmen übersteigt: Verschwendung also. Das wiederum ärgert einen wie Klaus Fischer ganz besonders, der in seinem Unternehmen das Aufspüren von Verschwendung zu einem wichtigen Erfolgsprinzip gemacht hat und sogar externe Beratung dazu anbietet. Wenn man in der öffentlichen Verwaltung einmal auf die Suche nach Verschwendung ginge, wären 30 Prozent Einsparung drin, schätzt der Unternehmer.

Entwicklung im Ausland

„Früher hat man Zeit gehabt für die Arbeit, heute ist man mit einem Wust von Richtlinien und Gesetzen beschäftigt. Bei uns wird doch sogar der Radius von Essiggurken gesetzlich geregelt“, schimpft Fischer. Vor allem die 98.000 Steuerregeln ärgern ihn, die keinerlei Gerechtigkeit brächten. Selbst vielen Experten und den betroffenen Unternehmen sei einiges unbekannt, so auch die Neuregelung der Funktionsverlagerung aus dem deutschen Außensteuergesetz. Danach sollen Unternehmen in Deutschland die Gewinne versteuern, die sie durch eine Produktion im Ausland erwirtschaften, wenn die Produkte in Deutschland entwickelt wurden. Die Absicht, räumt Fischer ein, möge redlich sein – nämlich das willkürliche Verlagern von Produktionsarbeitsplätzen in Billiglohnländer zu unterbinden.

Die Wirkung sei aber eine andere: „Ich kenne einige Unternehmer, die intensiv darüber nachdenken, künftig im Ausland zu entwickeln, so kann man der drohenden Doppelbesteuerung aus dem Weg gehen“, berichtet Klaus Fischer: „Das ist eine sehr kurzsichtige Politik.“ Arbeitsbeschaffung bringe sie allemal in der deutschen Verwaltung: Der Preis der Produkte, die Stückzahl und damit die Umsätze und die Gewinne für einen Zeitraum von zehn Jahren sollen Grundlage für die Steuer sein – doch auch für diesen Fall verweist Fischer auf die Unwägbarkeiten des Wirtschaftslebens: Woher soll Fischer jetzt schon wissen, ob das nächste Automodell, für das die Schwaben die Aschenbecher bauen, sich gut verkauft oder nicht?

Hypothetische Überlegung

„Ich bin mir nicht sicher, ob die Politiker wissen, was sie anstellen“, sagt Fischer: „Wir Unternehmer werden nicht als Partner gesehen, die dazu beitragen, dass dieses Land erfolgreich ist. Stattdessen werden wir behandelt wie jemand, der permanent überlegt, wie er am besten Steuern hinterziehen kann.“ Die Hoffnung, dass sich bald viel ändert, hat Klaus Fischer nicht, vor allem für den Fall nicht, dass im Jahr 2009 wieder eine große Koalition die Regierung bilden sollte.

„Da stellen sich viele Unternehmer die Frage, ob der Standort noch richtig ist“, stellt Fischer nüchtern fest. Für ihn, der selbst bisher dem Standort Deutschland die Treue gehalten hat und hier die Hälfte seiner Mitarbeiter in Baden-Württemberg beschäftigt, obwohl im Befestigungsbereich fast 80 Prozent des Umsatzes im Ausland erzielt werden, ist die Überlegung einer Standortverlagerung eher hypothetisch: „Man müsste dann ja wohl auch die jeweilige Staatsangehörigkeit annehmen“, sinniert er. Die Idee sei durchaus schon an ihn herangetragen worden, berichtet er, von Banken ebenso wie von Regierungsvertretern, die man gelegentlich trifft: „Da wird man schon zu den richtigen Anlässen eingeladen.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Claus Setzer

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