Kanzleien

Anwaltsdiscounter zieht die Reißleine

Von Corinna Budras

Lockte einst mit billigem Erstgespräch: Kanzleikette Juraxx

Lockte einst mit billigem Erstgespräch: Kanzleikette Juraxx

12. August 2007 Der rasante Aufstieg und jähe Absturz der Dortmunder Kanzleikette Juraxx löst in der auf Diskretion bedachten Anwaltschaft großen Wirbel aus. Die Causa Juraxx ist gleich in mehrfache Hinsicht geradezu einmalig für die Branche: Schon das Konzept des Kanzleigründers Eugen Boss hat Aufsehen erregt, als die ersten Läden 2003 mit Schaufenstern in grellem Design und einem ungewöhnlichen Geschäftsmodell eröffneten, um die notorisch skeptischen Rechtsuchenden anzulocken. Innerhalb nur weniger Jahre expandierte die Sozietät mit Billigangeboten für das erste Beratungsgespräch zu einem schwer überschaubaren Gestrüpp von 34 Niederlassungen mit rund 150 Rechtsanwälten in ganz Deutschland, die allesamt zu Juraxx-Gesellschaftern ernannt wurden und zum Einstieg eine Einlage von 50 000 Euro zahlten.

Auch das rasche Ende der ungewöhnlichen Rechtsberatung sucht seinesgleichen: Zwar kommt es häufiger vor, dass Anwälte ihre Zulassung wegen einer finanziellen Schieflage wieder abgeben müssen. Doch eine Insolvenz einer überörtlichen Sozietät hat es bislang nicht gegeben. Beschleunigt wurde der Untergang von persönlichen Verwerfungen zwischen den Partnern. Profitable Niederlassungen mussten unprofitabel arbeitende Büros mitziehen; das sorgte für schlechte Stimmung.

Außergewöhnliches Nachspiel

Zuerst reichten verärgerte Gesellschafter Insolvenzanträge ein und stellten Strafanzeige gegen Eugen Boss. Monate später gab auch der Kanzleigründer selbst entnervt auf und stellte Ende Juni einen Insolvenzantrag. Das Amtsgericht Dortmund bestellte den Anwalt Christoph Schulte-Kaubrügger zum vorläufigen Insolvenzverwalter. Im September wird der Vorhang für das einst so innovative Juraxx-Konzept fallen: Dann wird voraussichtlich das Insolvenzverfahren eröffnet.

Außergewöhnlich dürfte wohl auch das juristische Nachspiel dieser Pleite sein. Mindestens 14 ehemalige Juraxx-Anwälte haben sich zusammengeschlossen und wollen nun sowohl auf dem zivilrechtlichen als auch auf dem strafrechtlichen Weg gegen den Verlust ihrer Einlagen vorgehen. Obwohl die meisten Gläubiger in dem drohenden Insolvenzverfahren wahrscheinlich ihr Geld zurückerhalten, gehen die Juraxx-Partner aller Voraussicht nach leer aus. Ihre Forderungen aus den Gesellschafterdarlehen werden voraussichtlich nicht bedient.

„Betrügerisches Schneeballsystem“

Der von der Gruppe beauftragte Frankfurter Rechtsanwalt Michael Schneider drohte damit, eine weitere, mit wesentlich mehr Details garnierte Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Dortmund einzureichen, die bereits seit einigen Monaten in der Sache ermittelt. Der Vorwurf: Obwohl die wirtschaftliche Lage der Kanzlei spätestens ab Juni 2006 "katastrophal" gewesen sei, hätten Boss und andere Geschäftsführer immer neue Gesellschafter angeworben, sagt Schneider. Das sei ein "betrügerisches Schneeballsystem" gewesen: Die laufenden Kosten der GmbH konnten nur noch durch die Partner-Darlehen der neu dazugekommenen Anwälte bedient werden. Dass sich reihenweise studierte Juristen mit zwei Staatsexamen gegen ein eigenes Büro entschieden und statt dessen 50 000 Euro in die Kanzleikette steckten, erklärt er mit der Anwaltsschwemme, die eine Vielzahl der inzwischen mehr als 140 000 Advokaten in wirtschaftliche Bedrängnis bringt.

"Es ist perfide, wenn man das Anlehnungsbedürfnis junger Anwaltspersönlichkeiten ausnutzt", sagt er. Es habe zwar "ein gewisses Maß an Naivität" gegeben, räumt der Strafrechtler ein. "Aber auch ein hohes Maß an krimineller Energie." Auch die Banken treffe Schuld, die in einer Art Doppelrolle sowohl für Juraxx als auch für die Anwälte Darlehensgeber gewesen seien. Für die neuen Advokaten sei schlicht nicht vorstellbar gewesen, dass noch Darlehen für die Finanzierung der 50 000 Euro gegeben würden, wenn es Zweifel an der wirtschaftlichen Lage der Kanzlei gebe. An die Skandale um die "Schrottimmobilien" fühle er sich dabei erinnert, sagt Schneider. Juraxx sei jedenfalls ab Sommer 2006 eine "Schrottkanzlei" gewesen, die den Kreditnehmern regelrecht angedreht worden sei.

„Einzige Chance“

Rechtsanwalt Thorsten Prigge, der im Auftrag von Boss den Sanierungsplan für Juraxx erstellt hat, geht jedoch davon aus, dass bei Juraxx selbst im Juni noch keine Pflicht für einen Insolvenzantrag bestanden hat. Hätte es die persönlichen Differenzen zwischen den Gesellschaftern nicht gegeben, hätte es nie so weit kommen müssen, sagt er. Viele Anwälte hätten in der Partnerschaft bei Juraxx ihre einzige realistische Chance gesehen, als Anwalt Fuß zu fassen. Wer sich über die wirtschaftliche Situation informieren wollte, hätte dies tun können.

Die persönliche Verantwortung für die Unterzeichnung der Partnerschaftsverträge habe bei jedem einzelnen Rechtsanwalt gelegen, sagt der Rechtsanwalt der Kanzlei Aderhold v. Dalwigk Knüppel, die zur Rölfs Partner Gruppe gehört. "Wir gehen davon aus, dass viele der Ex-Juraxx-Anwälte ohne eine hinreichende Vorbereitung auf ihre wirtschaftliche Verantwortung in der Kanzlei Partner geworden sind." Zudem zeige die Auswertung der Honorarumsätze aller Niederlassungen deutlich, dass in den Monaten vor der Insolvenz mehr und mehr Honorare nicht mehr an die Juraxx GmbH abgeführt worden seien.

Delikates Geschäft

Jenseits dieser juristischen Scharmützel versuchen der vorläufige Insolvenzverwalter und Prigge derweil, den hinterlassenen Scherbenhaufen zusammenzukehren. Doch das ist nicht einfach: Rechtsberatung ist ein delikates Geschäft und die Pleite einer Kanzlei nicht mit einem normalen Unternehmen zu vergleichen. Die ratlosen Mandanten müssen schließlich weiter betreut werden. Deshalb wurden einige der bestehenden Verhältnisse formal auf die Anwälte vor Ort übertragen, die ihre Rechtsberatung weiter unter der Marke Juraxx anbieten können.

Den überwiegenden Teil haben jedoch ehemalige Juraxx-Anwälte übernommen, die sich in einem Netzwerk zusammengeschlossen haben. Von den Honoraren müssen beide Gruppen eine feste Quote an den Insolvenzverwalter zahlen, damit die Gläubiger ihr Geld zurückbekommen. Von dem einst so innovativen Geschäftsmodell bleibt nur noch ein bescheidener Ableger übrig: Zum 1. September wird eine Servicegesellschaft gegründet, die Anwälten Dienstleistungen wie das Eintreiben von Forderungen anbieten soll.

Faktor Mensch blieb auf der Strecke

Die Idee einer Kanzleikette mit billigen Lockangeboten für neue Kunden ist damit erst einmal gestorben - so lange, bis sich vielleicht eine Anwaltsgesellschaft mit ähnlicher Ausrichtung für dieses Geschäftsmodell in Deutschland interessiert. Schuld an der Misere sei letztlich das rasche und unkontrollierte Wachstum, bei dem zwar stets das Mandantenpotential einer neuen Niederlassung, aber ab einer bestimmten Größe nicht mehr die juristischen Bewerber genau unter die Lupe genommen wurden, sagt Prigge. Dabei sei die Idee eigentlich sehr vielversprechend. "Es gab immer eine umfassende Standortanalyse, aber der Faktor Mensch spielt eben auch eine herausragende Rolle für den wirtschaftlichen Erfolg."

Text: F.A.Z., 13.08.2007, Nr. 186 / Seite 14
Bildmaterial: dpa

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